A Drop At A Time

Ich kann mich erinnern, als ich mit 17 zum ersten Mal als “Journalist” für eine Zeitung im Einsatz stand. Die Aargauer Zeitung schickte mich nach Dottikon an die Einweihungsfeier einer neuen Sonnenuhr am Risi-Schulhaus. Nervös pedalte ich mit dem Velo auf den Schulhof und war rund zwei Stunden zu früh vor Ort. Doch, Journalisten dürfen nie zu spät kommen, und sie müssen sich ein Bild machen vom “Tatort”. Das wusste ich. Ich stand mir die Beine in den Bauch und habe mir lange überlegt, wie – wenn überhaupt – ich mich den Verantwortlichen vorstellen sollte. “Samuel Schumacher, Aargauer Zeitung”, “Samuel Schumacher vode AZ”, “Samuel Schumacher för d’Ziitig”? Was ich damals genau gesagt habe, weiss ich nicht mehr. Aber ich weiss noch, wie sich das anfühlte, am nächsten Tag meinen Namen über dem kleinen Zeitungsbericht zu lesen. Es war ein gutes, ein wohltuendes, ein stolzes Gefühl. Und genau dieses Gefühl habe ich heute noch einmal erleben dürfen. Denn heute ist mein erster Artikel als “Sam Schumacher, I’m with the Kathmandu Post” erschienen. Die Shortstory behind the story:

Als “functional member of the op-ed team” bei der Kathmandu Post produziere ich gemeinsam mit meinen beiden Kollegen Pranaya Rana und Darshan Karki sechs Mal pro Woche eine Doppelseite mit Gastbeiträgen von externen Autoren, einem selbstverfassten Editorial-Text und einigen ausgewählten Leserbriefen. Meine Aufgabe besteht darin, Beiträge zu redigieren, umzuschreiben und Lead-Texte und Titel zu formulieren. Der grosse Vorteil dieser Arbeit: Sie macht Spass und gibt ziemlich gute Einblick in die nepalesische Volksseele. Der Nachteil daran: Ich habe weniger Zeit für eigene Recherchen und Geschichten als etwa die Kollegen der News-Abteilung.

Einer der grossen Pluspunkte am Grossraumbüro der Post ist der rege Austausch unter den verschiedenen Abteilungen und Sektionen. Rund 65 Journalisten stehen im Dienst der Zeitung. Rund einen Drittel davon habe ich inzwischen kennengelernt. Einer von ihnen ist Tiku, der Chef der “On Saturday”-Ausgabe; eine Art Sonntagszeitung der Kathmandu Post, die jede Woche zwei Doppelseiten mit Feature-Texten zu aktuellen oder sonst wie spannenden Themen präsentiert. Tiku hat mir angeboten, für die Feature-Seiten zu schreiben, wenn ich eine gute Idee habe. Und so bin ich nun neben Op-Ed-Intern auch Feature-Reporter. Viel mehr Chancen hätte ich mir als Praktikant hier nicht wünschen können.

Den Steilpass für meine erste Geschichte – eine ziemlich blutige Story – hat mir mein Mitbewohner Andrew Dodson gegeben. Er hatte an einer Konferenz in Kathmandu die Präsidentin einer Jugendgruppe kennengelernt, die mit allen Mitteln gegen den Blut-Notstand in nepalesischen Spitälern kämpft. Andrew “hooked me up” mit der Jugendgruppe. Das ist daraus entstanden:

Ich habe bereits drei neue Aufträge für die Feature-Seiten ergattert. Einer davon wird mich in den kommenden Wochen an einen der traurigsten Orte des Landes führen. Wait for it…

DEZA auf Sparflamme

Diese Woche habe ich mich zudem mit Jean-François Cuénod, dem DEZA-Chef in Nepal, in der mondänen Schweizer Botschaft gleich um die Ecke von meinem Zimmer getroffen. Gemeinsam haben wir uns über die aktuellen Einsatzorte und Projekte der DEZA in Nepal unterhalten und besprochen, welche Sites für einen Besuch allenfalls in Frage kämen. Die nächsten Wochen funktioniert die nepalesischen DEZA-Abteilung allerdings (wie alles im Land) auf Sparflamme: es ist Dashain, Festival-Saison, und fast alle nepalesischen DEZA-Mitarbeiter sind in den Ferien. Ab Ende Oktober habe ich aber – voraussichtlich – Gelegenheit, mich mit Entwicklungsexperten zu treffen, Projekte zu besuchen und hoffentlich den einen oder anderen Text für Schweizer Medien  tippen zu dürfen.

Panem & Circenses

Nach sechs Bürotagen hatte ich mir für den freien Samstag ein erholsames Kulturprogramm zusammengestellt und liess mich am frühen Morgen gemeinsam mit meinen Mitbewohnern vor die Tore des QFX Kumari Hall-Kinos im Norden der Stadt chauffieren. Dort flimmern zurzeit die Dokumentarfilme des “Film Southasia Festivals” über die topmodernen Leinwände. Mit Kaffee und Mushroom-Momos machten wir es uns in den halb leeren Sälen gemütlich und schauten uns “Machine Men”, “The Old Photographer”, “Elemental” und “Playing with Naan” an.

Mein offizieller Tagespass für das Film Southasia Festival.
Mein offizieller Tagespass für das Film Southasia Festival.

“Playing with Naan” der beiden Regisseure Dipesh Kharel und Asami Saito hat mich besonders beeindruckt. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Nepalesen, der sein Glück als Koch in einem Restaurant im weit entfernten Japan versucht. Seine Familie, arme Bauern aus einem isolierten Bergbezirk, leiht sich 20’000 Dollar, um die Visagebühren und die Reisekosten für den Sohn abdecken zu können. Geschätzte sieben Jahre wird der Sohn in Japan bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten müssen, alleine um diese Schulden zurückzahlen zu können. Seine Frau und sein Sohn vegetieren derweil in Kathmandu vor sich hin.

Die Geschichte ist wohl symbolisch für das Schicksal vieler junger Nepalesen, die in ihren Dörfern keine Zukunft sehen, nach Kathmandu ziehen und sich in der riesigen Stadt nicht durchsetzen können. Alles, was ihnen bleibt um zu überleben, ist der teure und oft gefährliche Weg ins Ausland. Gerade vorletzte Woche haben die Arbeitsbedingungen nepalesischer Wanderarbeiter auf den WM 2022-Baustellen in Qatar für weltweite Schlagzeilen gesorgt (hier die Original Story im Guardian). Ganz so schlimm wie den Landsmännern in Qatar ergeht es dem nepalesischen Koch in “Playing with Naan” nicht. Dennoch ist die Vorstellung heftig, dass viele Menschen in Nepal in ihrer Heimat kein genügendes Auskommen finden können und sich weit weg von ihren Familien in den Dienst von schlechtzahlenden Unternehmen stellen müssen, um zu überleben. Familie, Arbeit, Konsum: Was für uns natürlicherweise in ein und demselben sozialen Raum (wohl dem, was wir als Heimat empfinden) stattfindet, wird hier brutal auseinandergerissen, voneinander verfremdet und in isolierte Sphären verlagert. Ein Prozess, der die Menschen zu Heimatlosen macht, der Missgunst, falsche Hoffnungen und familiäre Konflikte kultiviert.

Srilankanische Interventionen

Die drei srilankanischen Filme, die das “Film Southasia Festival” heute zeigen wollte, mussten in letzter Minute aus dem Programm gestrichen werden. Die srilankanische Regierung intervenierte bei den nepalesischen Behörden und machte deutlich, dass man nicht wünsche, dass die offensichtlich regierungskritischen Dokumentationen einer nepalesischen Öffentlichkeit gezeigt würden. Das nepalesische Ministerium für Kommunikation kuschte und verbot den Festivalverantwortlichen kurzerhand, die drei Filme zu zeigen.

Um 15 Uhr war das Festival deshalb vorzeitig vorüber. Das liess genügend Zeit, um auf den Swayambu-Hügel zu spazieren und vom berüchtigten “Monkey Tempel” herab auf die zivilisatorische Schandtat, die Kathmandu letzten Endes ist, herunterzuspienzeln.

Die "zivilisatorische Schandtat" in vollem Glanz.
Die „zivilisatorische Schandtat“ in vollem Glanz.

 

Bald wirds hier luftig und wild. Ich habe meine zwei Ferienwochen, die ich eigentlich am Schluss meines Praktikums nehmen wollte, vorgezogen. Nächste Woche erscheint die Post aufgrund des Dashain-Festivals ohnehin nicht. Und auch danach ist “Dashain-Loch” angesagt. “Do it, go see the country”, hat mir Pranaya aufmunternd geraten. Das werde ich machen. Am Donnerstag fliege ich für eine Woche in den Sagarmatha Nationalpark und hike zu den Gokyo Lakes (5350 M.ü.M.), bevor ich zwischen dem 19. und 25. Oktober auf eine “begleitete Recherchereise” quer durch die südlichen Distrikte aufbreche. Good times ahead…

Aus aktuellem Anlass hier noch ein kleines Dashain-Special: Ein tiefer Blick in die hinduistische Seele, featuring the Gods of Swayambu:

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