Annäherung an die «Stadt des beendeten Unfriedens»

Wer den Puls Yangons fühlen will, unternimmt eine Fahrt mit dem «circular train». Der Pendelzug erlaubt Einblicke in eine Stadt im Umbruch, in der sich Traditionen und Modernisierung an jeder Ecke reiben. 

Mein erstes volles Wochenende in Yangon. Ich will die Stadt besser kennen lernen, in der ich die kommenden drei Monate leben und arbeiten werde – die «Stadt des beendeten Unfriedens», wie sie von König Alaungpaya nach langjährigen Querelen im 18. Jahrhundert getauft wurde. Sie ist für den Neuankömmling erst Mal überwältigend und verwirrend. Ein Ort des Friedens und Unfriedens zugleich, unruhig auf jeden Fall, mit atemberaubender Energie, inmitten eines rasanten Umbruchs, voller Herzlichkeit und Widersprüche.

Zimb, ein smarter, junger Mitarbeiter im Hostel, in dem ich vorerst einquartiert bin, hat mir eine Fahrt mit dem «circular train» ans Herz gelegt. Eine dreistündiger Roundtrip um Yangon; 8 mal am Tag, am Sonntagmorgen sei es am besten, weil die Züge dann nicht ganz so vollgestopft seien. Der circular train ist der Pendlerzug Yangons. Wer sich kein Auto leisten kann, pendelt im Zug oder mit einem der stets überfüllten und arg gebeutelten Busse. Metro gibt’s in der Fünfmillionenmetropole bislang keine. Zimbs Vorschlag scheint mir eine gute Idee – kein anderes Transportmittel lässt tiefer in die Seele eines Landes blicken, als der Zug.

Veraltete Infrastruktur trifft auf hippe Energydrinks: Der «circular train» im Red Bull-Gewand.
Veraltete Infrastruktur trifft auf hippe Energydrinks: Der «circular train» im Red Bull-Gewand. (Bild: Samuel Schlaefli)

In der «Central train station» am nördlichen Ende der Downtown, erstehe ich für 200 Kyat (ca. 15 Rappen) ein Ticket. Der Bahnhof ist ein massives Stück britisch-koloniales Bauerbe. Viktorianische Baukunst, durch mehrere golden gefärbte Spitzen im Stil hiesiger Pagoden, mit etwas Lokalkolorit angereichert. Die russschwarze Diesel-Lokomotive passt ins nostalgische Bild des Bahnhofs, genauso wie die tür- und fensterlosen Waggons. Die Brücke in die Gegenwart schlagen die riesigen Red Bull-Werbungen, die sämtliche Wagen überziehen. Schon bei meiner Reise durch China, vor Arbeitsbeginn in Yangon, war mir aufgefallen, dass das österreichische Energydrink-Imperium mittlerweile bis in die hintersten Ecken Asiens vorgedrungen ist. Ein Privileg, das bislang Coca Cola vorbehalten war. Die Red Bull-Dosen sind hier jedoch nicht rot, sondern golden, wie die Stupas der Pagoden. Das Marketing in Wien scheint die kulturellen Vorlieben der Burmesen – oder „people of Myanmar“, wie es politisch korrekt heisst, weil sich sich die hiesige Bevölkerung aus 135 ethnischen Gruppen zusammensetzt, die teils schlecht auf die burmesische Mehrheit zu sprechen sind – studiert zu haben.

Unser Zug fährt dem Fahrplan entsprechend um Punkt 10.10 Uhr los. Gemächlich nimmt er Fahrt auf, ein repetitiver Rhythmus setzt ein; ein meditativer Loop, der mich für die nächsten Stunden begleiten wird. Unser Waggon wiegt sanft hin und her, gelegentlich wird er von unebenen Geleisen kurz geschüttelt. Warme Luft strömt durchs Abteil, die sich wie im Dampfbad anfühlt. 36°C zeigte das Thermometer am Bahnhof, die relative Luftfeuchtigkeit liegt etwas unter 90 Prozent. Ein halbes Dutzend an der Decke fest geschraubte Ventilatoren, aus Eisen gehandwerkt, pastellgrün angemalt – jeder ein echtes Vintagestück – sollten zusätzlichen Fahrkomfort bieten. Doch die Rotoren bewegen sich im selben Tempo, wie die Autos in Yangon Feierabendverkehr – überhaupt nicht.

Meine Mitpassagiere sitzen im Schneidersitz auf den Bänken, die in Fahrtrichtung den Seitenwänden entlang verlaufen. Es herrscht mönchische Ruhe. Die Brust zur fensterlosen Öffnung hin, schauen sie auf die gemächlich vorbeifliessenden Siedlungen. Häuser, auf Teak oder Bambusstelzen, die Wände von Bambusrohren getragen und mit geflochtenen Bambusschnipseln ausgekleidet. Die Dächer aus getrockneten Palmwedeln, Plastikfolien oder Wellblech, manchmal auch ein farbiges Flickwerk aus allem zusammen – je nachdem ob die Bewohner zur Mehrheit gehört, die mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss oder ob sie in dauerhafte Materialien investieren können. Pfützen von den letzten Monsunregen liegen vor den Behausungen, Kinder spielen im Schlamm, Hühner, Gänse und Hunde streunen auf kleinen Abfallhalden – ein idealer Nährboden für die Übertragung jegliche Arten von Krankheiten.

Ein Betelnussverkäufer nutzt die Zugfahrt zur Vorbereitung aller nötigen Ingredienzien – Nuss, Kalk, Gewürze und Blätter.
Ein Betelnussverkäufer nutzt die Zugfahrt zur Vorbereitung aller nötigen Ingredienzien – Nuss, Kalk, Gewürze und Blätter. (Bild: Samuel Schlaefli)

In Kyeemyidine sitzt sich ein junger Mann in einem farbigen Longyi (einer Art Sarong) neben mich. Seine Lippen sind rot gefärbt und seine Zähne arg zerfressenen. Er trägt einen Bauchladen, bestückt mit allerlei Dosen und einer kleinen Arbeitsfläche, die weiss gefleckt ist, als wäre er soeben von einem Schwarm Tauben attackiert worden. Mein Nachbar ist einer von tausenden Betelnussverkäufern in Yangon. Der Betelnussverkauf ist eine Subökonomie, an der tausende Verkäufer und Süchtige hängen. Die begehrte Frucht der Betelpalme ist die Droge des kleinen Mannes (tatsächlich habe ich bisher erst eine Frau kauen gesehen) ist omnipräsent und in der Downtown gibt es fast eben soviel Bettelnussverkäufer wie Freiluftgarküchen. Wenn nach 22 Uhr auf den Gehsteigen die letzten Woks, Suppentöpfe und Schienbein-hohen Plastikhocker weggeräumt werden, gibt es irgendwo immer noch einen Bettelnussstand, an dem sich die Taxifahrer einen «Fix» besorgen können.

Die getrocknete Nuss wird zermalmt und mit etwas Kalkpaste – deshalb auch das weisse Fiasko auf dem Bauchladen meines Nachbars – und Gewürzen in ein Blatt eingerollt. Danach wird lange auf dem Päckchen rumgekaut, bis die stimulierende Wirkung sich vollends entfaltet. Ein Nebenprodukt des Kauens ist die ockerfarbene Betelnuss–Spucke auf den Gehsteigen, die visuell (und akustisch) nicht aus dem Alltag Yangons wegzudenken ist. Mein Zugnachbar trägt einen grossen Sack mit leuchtend grünen Blättern bei sich. Er wird sie während der Fahrt feinsäuberlich entstielen und sie fürs spätere Rollen von Betelpaketen glätten.

Eine Marktfrau aus Danyingon mit frisch gerüstetem Gemüse.
Eine Marktfrau aus Danyingon mit während der Fahrt gerüstetem Gemüse. (Bild: Samuel Schlaefli)

Kurz vor 13h fahren wir in Danyingon ein, bekannt für seinen grossen Markt entlang der Zuggeleise. Korpulente Frauen, in farbige Tücher gehüllt, hieven übervolle Jutesäcke in die Waggonluken; Auberginen, Gurken, Bohnen, Okra, kleine Tomaten und viel Grünzeugs, dessen Verwendung und Namen ich erst noch kennenlernen muss. Vorbei ist die Ruhe; furcht einflössende Donnerstimmen hallen durch das Abteil. Nun wird getratscht, während die Einkäufe mit dem Rüstmesser für den späteren Verzehr präpariert werden. Bald liegen auf den Bänken kleine Haufen mit Grünabfall. Neu gehört auch eine Gans zu unseren Fahrgästen. Von Zeit zu Zeit kann ich ihren Schnabel erkennen, der aus einer grünen Plastiktasche hervor lugt.

Fürs leibliche Wohl ist auf dem circular train gesorgt: Verkäuferinnen springen auf den Zug auf und verkaufen den Fahrgästen aus ihren Körben und Bottichen fritierte Wachteleier, in Chili gewendete Mandarinenschnitze und fritierte Brote mit Butter und Kondensmilch bestrichen. Zwischenzeitlich wird unser Waggon sogar von einem temporären Bordrestaurant beglückt. Ein Strassenverkäufer hievt in Oakkalape seine Nudelküche auf den freien Platz zwischen den Sitzbänken. Eine niedrige Holzkonstruktion mit aufgetürmten Reisnudeln zu seiner linken und den für einen Nudelsalat nötigen Ingredienzien zu seiner Rechten – Fischsauce, Limetten, Chili, Erdnüsse. In einer Aluschüssel mischt er daraus mit den Händen kleine Portionen, und befriedigt damit so manches Hüngerchen bei meinen Mitreisenden.

Ab Thawne wird die Umgebung wieder urbaner. Der Strassenverkehr wird zunehmend chaotisch. Vor den Barrieren stehen lange Autokolonnen. Schwarze, auf Hochglanz polierte SUVs mit getönten Fensterscheiben neben Fahrradtaxis mit hölzernen Seitenwagen; die günstigste Option für Güter- oder Personentransport (pro Seitenwagen zwei Personen, Rücken an Rücken). Eine surreale Gleichzeitigkeit von Parallelwelten, die schwer vereinbar sind. Die krassen Ungleichheiten in Mobilität, Wohnen, Essen und Freizeit sind an jeder Ecke der Stadt zu beobachten. Im Schatten der Brücken schlafen hagere Männer auf Betonbänken. Und kurz darauf taucht der hohe Turm des Hotels «Sule Shangri-La» auf, fünf Sterne, Kronleuchter in der Lobby, Swimming Pool auf der Rückseite.

Werbung für Facebooks Charmeoffensive in Myanmar.
Werbung für Facebooks Charmeoffensive in Myanmar. (Bild: Samuel Schlaefli)

Kurz vor Yangon folgt ein weiteres Lehrstück in burmesischer Markenkunde und zeitgenössischer Wirtschaftsgeschichte: Telenor (Norwegen) und Ooredoo (Katar) haben quasi ganze Bahnstationen exklusiv für ihre Werbungen gekauft – nun gibt’s die blauen (Telenor) und die roten Stationen (Ooredoo). Die beiden Unternehmen gehören zu den grossen Gewinnern der Öffnung Myanmars seit 2011 unter Präsident Thein Sein. Vor zehn Jahren kostete eine SIM-Karte in Yangon noch 1000 Dollar, vor drei Jahren waren es hundert, heute sind es gerade noch eineinhalb Dollar. Seit 2014 ist die Anzahl Internet-Nutzer von zwei Millionen auf 39 Millionen gestiegen. Die Handy-Durchdringung, gemessen anhand der zirkulierenden SIM-Karten (und deshalb zu hoch), liegt heute bei 89 Prozent; 2011 waren es noch sieben. Facebook ist sogleich auf den Zug aufgesprungen. In Kooperation mit MPT, dem staatlichen Anbieter, bietet der Internetgigant freien Zugang zu einer selektierten Anzahl von Webinhalten und -services. Damit sichert sich der kalifornische Internetgigant die Übermacht über den burmesischen Onlinemarkt und einen wertvollen Datenfundus. Facebook ist bei Myanmars Jugend in wenigen Jahren zur Informationsquelle Nummer Eins geworden – weit vor Fernsehen und Radio. Das zeigt auch die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen auf der Redaktion. Wer sich keine Extra-Datenpakete für sein Handy leisten kann, findet die MPT/Facebook-Aktion natürlich grossartig.

Ein ähnliches Facebook-Angebot hat in Indien eine lebhafte Diskussion über Netzneutralität entfacht. Was von Zuckerberg als Philanthropie verkauft wurde, empfanden indische Journalisten, Anwälte, NGOs und Tech-Pioniere als Kolonisierung des Internets. Ihre Kampagne «Save the Internet» brachte das Programm schliesslich zu Fall. Vergangenen Dezember wurde «Free Basics», wie das Programm hiess, von der Telecom Regulatory Authority of India gestoppt. In Myanmar lässt man Zuckerberg bisher gewähren. Nach Jahrzehnten der Zensur und des krass eingeschränkten Zugangs zu Informationen, entbehrt es nicht an Ironie, dass die Verfügbarkeit an frei, sprich bezahlbarer Information, für die meisten wiederum eingeschränkt ist. Diesmal nicht aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen.

Vor uns tauchen die silbrigen Kirchspitzen der St. Mary Church zur Linken und die Zwiebeltürme der Kandawgalay Kabastan-Moschee zur Rechten auf – dahinter ein Heer an Baustellen für neue Hotels und luxuriöse «condominiums», die derzeit stadtweit wie Pilze aus dem Boden schiessen. Der Rhythmus des ratternden Zuges verliert an Tempo, wir fahren langsam in die «Central Railway Station» ein. Das Zugticket hat mich exakt 25 Mal weniger gekostet als das Eintrittsticket ins «National Museum» einige Tage zuvor. Was meine Annäherung an die «Stadt des beendeten Unfriedens» angeht, war die Zugfahrt um einiges lehrreicher.

 

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