Ashes to Ashes…

Kathmandu ist dieser Tage eine Stadt der Gegensätze. Das Chaos auf den Strassen wird tagsüber durch die politischen Kampagnen der an den Wahlen teilnehmenden Parteien verstärkt. Beflaggte Lastwagen, Pickups mit riesigen Speaker-Anlagen und marschierende Demonstranten ziehen mit lautem Gehupe und Gekreische durch die Quartiere. Einfarbige Parteiflyer werden verteilt und Wahlslogans einstimmig in die staubig Luft hinaus geschrieen. Abends weichen die schreienden Wahlkämpfer singenden Kindern, die in Festtagskleidung von Tür zu Tür ziehen und Deusi Bhailo-Lieder singen. Tihar – nach Dashain das zweite grosse Hindu-Festival in Nepal – hat vor drei Tagen begonnen, und überall in der Stadt erleuchten farbig-blinkende Elektrogirlanden und Kerzen die dunklen Gassen. Opfergaben für die Götter werden auf Silbertableaus oder in aus Blättern zusammengesteckten Schalen vor die Haustüren gestellt. Hunderte Menschen strömen in die kleinen Quartiertempel. Weihrauch und Räucherstäbchenduft liegt in der herbstlich kühlen Luft.

Strassenhunde erhalten am dritten Tihar-Tag ihr "Tika".
Strassenhunde erhalten am dritten Tihar-Tag ihr „Tika“.

Jeder der fünf Tihar-Festtage steht im Zeichen eines Tieres oder Menschen. Wer die Augen offenhält, erkennt sofort, welche Wesen gerade (unbewusst) ihren grossen Tag erleben. Der erste Tihar-Tag ist den Krähen gewidmet. Die wehrten sich noch mit Erfolg gegen die hinduistischen Versuche, ihnen Tika (farbige Punkte) auf die gefiederten Stirnen zu malen und Blumenketten um die Hälse zu legen. Die Hunde – geehrt am zweiten Tag – waren da bereits wesentlich weniger erfolgreich. Viele der dreckigen street dogs laufen seit gestern als sprichwörtlich bunte Hunde durch die Stadt und versuchen vergeblich, die ihnen umgehängten gelben Blumengirlanden abzuschütteln. Noch wehrloser sind die hie und da grasenden Kühe, die heute ihren grossen Tag hatten. Mit farbigen Hörnern und kiloweise angesteckten Blumen stehen sie im emsigen Treiben und suchen zwischen all dem rumliegenden Plastikschrott und Abfall nach ein paar frischen Büscheln Gras.

Der Abend des dritten Tages steht ganz im Zeichen des Geldes. Geschäfte und Restaurants haben aussergewöhnlich lange geöffnet und versuchen mit schönen, mandalaartigen Mustern aus farbigem Reismehl Laxmi, die Göttin des Glücks und des Wohlstands, in ihre Betriebe zu locken. Laxmi Puja, heisst der kunterbunte Brauch. Meine Berufskollegen beim Kantipur-Verlag (zu dem auch die Kathmandu Post gehört) machten sich heute in der Früh einen Spass daraus,vor den Eingangstüren des Kantipur-Komplexes eine kleinen Laxmi Puja-Wettbewerb zu veranstalten. Als ich pünktlich um 12 Uhr bei der Arbeit erschien, waren die Kunstwerke schon fertig gestreut. Das Rennen für sich entschieden haben die Damen und Herren des Kantipur Television Networks. Der Kathmandu Post-Pfau sah neben dem eindrücklichen Fernseh-Mandala ziemlich blass aus…

UNO-Lunch und Schuhspurensuche

Nur wenige meiner Kollegen bei der Post sind über Tihar in ihre Heimatdörfer ausgeschwärmt, um den traditionellen Feiern auf dem Land beizuwohnen. Die allermeisten blieben in der Stadt und haben über die Festtage fleissig gearbeitet. Ich habe mich am Freitag an die Fersen von “on saturday”-Reporterin Weena Pun gehängt und den Tag als Reporter an ihrer Seite verbracht. Um 12 Uhr starteten wir mit einem von der UNO gesponserten Lunch im Himalayan Hotel. Der Lunch war für die Teilnehmer eines Kongresses zu “Social Inclusion and Gender in the CA Elections 2013″ gedacht, an der weder Weena noch ich teilgenommen hatten. Gemeinsam mit den 14 tatsächlich teilnehmenden Journalisten haben wir uns dann aber über das opulente Buffet gefreut und uns im Hotelgarten auf Kosten der United Nations verköstigt. Danach machten wir uns im Touristenbezirk Thamel auf Spurensuche für eine Follow-Up Geschichte zum Projekt “1000 Paar Schuhe für Nepal”. Die Post hatte bereits vorige Woche kurz über das von den Schweizer Unternehmen Globotrek, Transa und LOWA gesponserte Projekt berichtet. Die drei Konzerne hatten im April in Luzern insgesamt gut 1700 Paar gebrauchte Wanderschuhe gesammelt und sie Ende Oktober nach Nepal gebracht, um sie an lokale Mountain Guides und Träger abzugeben. Die Schuhe sollen von der Organisation Kathmandu Environmental Education Project (KEEP) verwaltet und für ein kleines Entgelt an die Träger vermietet werden. Zwei Dinge an der Geschichte sind ein bisschen “schief”. 1) Das Projekt wurde am 27. Oktober mit einem pompösen Anlass in Kathmandu gefeiert, obwohl die Schuhe bis heute noch nicht bei KEEP angekommen sind. 2) Offensichtlich wurde nicht bedacht, dass nepalesische Träger und Guides im Schnitt deutlich kleinere Füsse haben als Schweizer Berggänger. Ein Grossteil der 1700 Paar Schuhe – so unsere Vermutung – wird also kaum je für ihren eigentlichen Zweck zum Einsatz kommen. Die Frage bleibt, was mit den nicht gebrauchten Schuhen passiert. Falls sie (wie hier üblich) irgendwann an den Ufern des Bagamati Rivers landen und vor sich hin modern, wäre das sicherlich nicht im Sinne von Herr und Frau Schweizer. Gut möglich, dass sich die Geschichte als gutes Beispiel für eine “good will goes wrong”-story entpuppt. Weena und ich haben KEEP besucht und uns bei einem grossen Trekking-Veranstalter, dessen Gründer selber 20 Jahre lang als Himalaya-Guide gearbeitet hat, umgehört. Morgen treffe ich mich dann in Kathmandu mit dem LOWA-CEO und einem Vertreter von Globotrek. Vielleicht wird das was, vielleicht nicht. Je nach dem hoffe ich darauf, dass das meine erste Nepal-Story für eine Schweizer Zeitung werden könnte.

Beauty Got The Beat

Eine leichtere und müssigere Story habe ich vergangene Woche für die Kathmandu Post geschrieben. Eliane Amherd, eine Walliser Jazz-Sängerin, wurde als Gast-Musikerin ans Jazzmandu-Festival eingeladen und hat (nach ihrem Gig auf der Schweizer Botschaft) an allen möglichen Orten in der Stadt gejamt. Ich habe mich nach ihrem Gig in Patan mit ihr auf ein Bier getroffen und über Jazz im Wallis, Musizieren in Kathmandu und staubige Inspirationen gesprochen. Hier die Story:

"Beauty and the beat", erschienen in der Kathmandu Post am Samstag, 2.11.2013.
„Beauty and the beat“, erschienen in der Kathmandu Post am Samstag, 2.11.2013.

 

Asche zu Asche…

Um in dieser staubigen Welt meine helvetischen Wurzeln nicht ganz zu vergessen und der Familientradition zu huldigen, habe ich mich an Allerheiligen frühmorgens aus dem Haus geschlichen und bin hinauf nach Pashupatinath gefahren. Der Besuch im einzigen öffentlich zugänglichen Krematorium der Stadt war mein persönliches Ersatzprogramm für die alljährlich stattfindenden ausgedehnten Familienspaziergänge über verschiedene Innerschweizer Friedhöfe. Pashupatinath gehört zum UNESCO Weltkulturerbe und ist ein eindrücklicher Ort um hinzusitzen, nachzudenken, sich zu besinnen. Das Schauspiel, das sich einem in dieser ausserhalb der Stadt liegenden Tempelanlage bietet, ist an sich recht makaber. Die Kathmanduites bringen ihre verstorbenen Angehörigen hierhin, lassen sie im Fluss von den hier arbeitenden Mönchen waschen und auf steinernen Plattformen im Freien verbrennen. Ich sass da im dichten Rauch und starrte stundenlang auf die lodernden Feuer. Asche zu Asche, Staub zu Staub. Nirgendwo zeigt sich das wohl deutlicher als in Pashupatinath. Der Besuch bei den Toten war eindrücklich, friedlich, schön.

What’s next? Weisse Männer in braunen Welten, glühende Gipfel in weiter Ferne, indische Sklaven gleich um die Ecke und – endlich – die DEZA.

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