Baseball (ja, Baseball!) im überfüllten Stadion und ein Becher Rum aus dem fahrenden Auto

Juego de beisbol entre los equipos Orientales de Granada y Boer de Managua, realizado en el estadio Roque Tadeo Zavala, el 20 de enero, 2013. GERMAN MIRANDA/LA PRENSA

Fussball wird in Nicaragua immer populärer, aber noch ist Baseball die Nummer eins. Das sollte man sich unbedingt mal live reinziehen – nicht des Spiels wegen.

Die Party war gut. Der Morgen danach weniger. Ziemlich angezählt schleppte ich mich am vergangenen Sonntagmittag aus meinem Zimmer. Im Wohnzimmer sass Inti – der Vermieter des Abnbs, das für mich längst vom Kurz- zum Langzeitaufenthaltsort geworden ist – und erzählte mir sogleich enthusiastisch, dass er am Nachmittag an ein wichtiges Baseball-Spiel in Granada gehe. Ob ich nicht mitkommen wolle? Ich holte mir einen Kaffee in der Küche.

Eigentlich wollte ich an jenem Sonntagnachmittag eine Kolumne für die Medienwoche schreiben. Eigentlich wollte ich in Ruhe mit meiner Familie skypen. Eigentlich wollte ich mich in den Garten setzen und lesen. Ein Baseball-Spiel war in diesen Vorsätzen alles andere als vorgesehen. Hinzu kommt: Es war ein BASEBALL-Spiel. Nie habe ich die Faszination für diesen Sport begriffen. Ich übte mich früher zwar überaus gerne als Pitcher im Hinterhof und im Sport-Unterricht, als Zuschauer kann einem aber auch als leidenschaftlicher Sportfan schon mal das Gesicht einschlafen.

Das aber, das war kein normales Baseball-Spiel. Es standen sich die Tiburones aus Granada und die Gigantes aus Rivas gegenüber. Wichtiger noch: Es ging um den nationalen Titel im baseballverrückten Nicaragua. Der Sieger machte einen entscheidenden Schritt zur Meisterschaft. Ich konnte mir ausmalen, dass im Stadion die Hölle los sein musste – zumal es sich um ein Heimspiel einer Mannschaft handelte, die noch nie Meister geworden war.

Drei Männer wie aus der Werbung

Nun, ich habe mich fürs Hingehen entschieden und mich glücklicherweise nicht getäuscht. Zuerst aber mussten wir eine knappe Stunde Auto fahren. Wir taten es so, wie man es hier zu tun pflegt: Mit ziemlich lauter Musik und geöffneten Fensterscheiben. Bei einem Rotlicht stoppten wir auf gleicher Höhe wie ein Pickup. Darin sassen drei Männer, die aus einer Sechzigerjahre-Ami-Werbung hätten stammen können: Kantiges Gesicht, Schlapphut und eine Flasche Flor de Caña – der beliebteste Rum des Landes – in der Hand.

Wir konnten es nicht lassen und riefen hinüber, sie sollen uns doch auch einen Becher einschenken. Sie ihrerseits liessen es sich nicht nehmen, uns zu überraschen – indem sie unsere nur halbwegs ernst gemeinte Bitte doch tatsächlich erfüllten. Sie schütteten einen Schluck Rum ins Plastikglas und warfen sogar noch ein paar Eiswürfel aus einer Tüte hinein, die sie extra mitgenommen hatten. Was folgte, war eine Mischung aus Grobfahrlässigkeit und karibischer Ungezwungenheit: Weil die Ampel wieder auf grün geschaltet hatte, fuhren beide Autos los, allerdings im Schritttempo. Der Beifahrer überreichte Inti derweil den Becher. Hinter uns – sie waren sich der “Übergabe” nicht gewahr – hupten längst andere Autos. Wenn das nur meine Kinder eines Tages nicht lesen.

Das Ticket für 3.50 Franken

Viel Rum wars zum Glück nicht und auch das Ziel nicht mehr fern, wie sich am immer chaotischer werdenden Verkehr zeigte. Auf Anweisung des Wachmanns parkierten wir hinter (!) zwei bereits abgestellten Wagen. Sie wären unmöglich wieder herausgekommen. Aus dem Stadion schwappten die Sprechchöre der Zuschauer hinüber, die Spannung war mit Händen zu greifen. Wie ich diesen Moment doch lieb! Und beim Billetthäuschen zeigte sich, dass meine Befürchtung, für ein solch wichtiges Spiel keine Tickets mehr zu kriegen, unberechtigt war. Innerhalb von 30 Sekunden und gegen ein Entgelt von umgerechnet 3.50 Franken hatte wir unsere „Plätze“.

Warum dem so war, merkte man bereits unmittelbar nach der Ticketkontrolle. Die Sitzplätze waren allesamt besetzt, doch dahinter drängten sich Tausende Leute. Ellbogen an Ellbogen, Hüfte an Hüfte. Alle wollten wenigstens ein bisschen was vom Spiel, das jede Sekunde beginnen musste, mitkriegen. Gut, hab ich keine Platzangst. Und noch besser, hatte ich mein Handy im Auto liegenlassen. Offiziell passen 10‘000 Personen ins Stadion. Wie viele es an jenem (wie immer) schwülwarmen Sonntagnachmittag waren, weiss wohl nicht mal der liebe Gott, den die Akteure unten auf dem Feld vor jedem Abschlag um Unterstützung bitten.

Nastuch im Ohr

Ich versuchte, die Gedanken an die Tragödien von Heysel und Hillsborough zu verdrängen und mich aufs Spiel zu konzentrieren. Obwohl ich beileibe nicht gross bin, sah ich über die Köpfe und Schultern der kleingewachsenen Nicaraguaner locker aufs Feld. Das dortige Geschehen würde angesichts seiner Dramatik und der nicht mehr für möglich gehaltenen Wende Stoff für eine zusätzliche Kolumne bieten – worauf ich jetzt aber verzichte. Nur soviel: Auf den Rängen wurde gesungen, getanzt und mit den unsäglichen Vuvuzuelas getrötet, dass ich mir schon nach wenigen Minuten Nastuchfetzen in die Ohren stopfte. Die Stimmung war so ansteckend, dass ich bald einmal – ein fliegender Händler hatte mir eine Banderole verkauft – mitfieberte.

Kurz vor dem vermeintlich entscheidenden Zusatz-Inning mussten wir wegen eines am Flughafen wartenden Airbnb-Gasts das Stadion verlassen. Ein Zufall wohl, dass kein weiteres Auto hinter uns parkiert hatte. Wir holten die Person ab, fuhren nach Hause, stellten den TV an und konnten – in der Zwischenzeit wurde wegen gleichbleibendem Spielstands ein weiteres Inning angehängt – sogar noch das Ende der Partie mitverfolgen. Seit dem Anpfiff waren zu diesem Zeitpunkt fünf Stunden vergangen. Ich wusste auf einen Schlag wieder, warum ich den Sport als langatmig in Erinnerung hatte.

Übrigens: Die Kolumne für die Medienwoche hab ich dann bis in die späte Nacht geschrieben. Sollte man es ihr anmerken, war also nicht nur der nachmittägliche Becher Rum daran Schuld.

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