Bei den Reichen lernt man sparen, bei den Armen lernt man schenken

Kargad, Tbilisi! Es ist Zeit die Koffer zu packen und zurück in die Schweiz zu reisen. In den zwei Monaten durfte ich vieles lernen und erleben. Drei Dinge sind mir hier besonders aufgefallen und werde mich in Zukunft immer wieder an meine Zeit in Georgien zurückdenken lassen.

  • Gäste sind Könige
  • Bildung ist der Grundstein einer guten Wirtschaft
  • Guter Journalismus ist Teamwork

Speis und Trank für Jedermann

Viele Länder schreiben sich auf die Kappe besonders gastfreundlich zu sein. Zwei Anekdoten aus Georgien zeigen, dass es die Georgier mit der Gastfreundschaft wirklich ernst meinen. Mit dem Bus unterwegs nach Sighnaghi, eine Stadt im Osten von Tbilisi, der Busfahrer hält immer wieder an um irgendwelche Geschäfte zu erledigen.

Nach einem weiteren Halt kommt er mit frisch gebackenen Broten zurück. „Hast du unser gutes georgisches Brot schon probiert?“, fragt er mich und streckt mir ein Brot hin. Gemeinsam essen wir das Brot und legen die letzten Kilometer nach Sighnaghi zurück. Auch seine Landsmänner, die noch bei uns im Bus sitzen, bekommen ein bisschen Wegproviant.

Dieses Erlebnis war keine Ausnahme. An einem sonnigen Sonntag schlenderte ich planlos durch die Altstadt. Ich kam an einer Weinhandlung vorbei vor der drei Georgier in Gartenstühlen sassen und gemütlich ein Glas Wein tranken. Als ich schon fast vorbei war, fragte mich einer der Jungs: „Willst du Wein probieren?“ Ich nahm das Angebot dankend an. 

Wir gingen also in den Weinkeller und er frage lediglich: „trocken oder halb süss?“ Ich entschied mich für den halb süssen und er füllte ein Weinglas bis oben voll, streckte es mir entgegen und forderte mich auf mit ihm nach oben, zurück zu seinen Freunden zu gehen.

Er erklärte nichts über den Wein oder die Weinhandlung sondern war mehr an meiner Lebensgeschichte interessiert. Was ich hier mache und wie mir Georgien so gefalle, wollte er wissen. Auch seine Freunde löcherten mich mit Fragen. Und so ging es dann stundenlang weiter. Wir tranken Wein, ab und zu holte jemand etwas zu Essen. Als es dunkel wurde, wollte ich ihnen wenigstens eine Flasche Wein abkaufen, denn dass ich für die offerierten Gläser nichts bezahlen werde, wusste ich schon von Anfang an. Aber auch Wein kaufen war in diesem moment nicht möglich. Du bist jetzt unsere Freundin, natürlich bekommst du den Wein gratis.

Diese offene und grosszügige Art beeindruckt mich sehr. Egal wie viel Geld jemand hat, Gäste werden behandelt wie Könige. Die Gastfreundschaft vereinfachte mir den Anfang in einer fremden Stadt sehr. Zusätzlich verleiht es mir ein Gefühl von Sicherheit. In einer anderen Stadt wäre es mir irgendwann mulmig geworden, mit einer Gruppe einheimischer in einer unbefahrenen Strasse zu sitzen und Wein zu trinken. 

Den Georgiern ist es wichtig, dass es ihren Gästen gut geht und dass ihnen das Land gefällt. Dass sie mit Touristen viel Geld machen können, haben viele noch nicht gemerkt. Aus touristischer Sicht hoffe ich natürlich, dass diese Offenheit bleibt. Aus wirtschaftlicher Sicht würde es dem Land sicher nicht schaden, wenn sie etwas weniger grosszügig wären. Das Land und die Leute würden mir genau gleich gut in Erinnerung bleiben, wenn ich die Weinflasche bezahlt hätte. 

Schlechte Bildung, schlechte Wirtschaft

Schon Nelson Mandela sagte: „Bildung ist die mächtigste Waffe um die Welt zu verändern“. Diese Erkenntnis scheint in Georgien noch nicht angekommen zu sein. In den ersten zwölf Schuljahren gibt es weder Niveaustufen, noch die Möglichkeit sich irgendwie zu spezialisieren. Alle Kinder haben exakt den gleichen Unterricht.

Danach gehen alle an die Uni. Eine alternative wie Lehrstellen oder ähnliches gibt es nicht. Das bemerkte ich im Alltag häufig. Handwerker beispielsweise sind nicht ausgebildet. Sie haben sich ihr Handwerk selber beigebracht oder vielleicht wurde ihnen das eine oder andere von Verwandten gezeigt. Dementsprechend chaotisch sehen auch die Baustellen aus. 

Vor einem Jahr wurde eine Bildungsreform angekündigt. Laut Studenten hat sich bis jetzt aber noch nichts verändert. Sie wussten teilweise sogar nicht mal etwas davon. Veränderungen am Schulsystem wären aber dringend nötig, wenn das Land weiterkommen möchte. Wer eine gute Ausbildung will geht ins Ausland. 

Freie Journalistin anstatt Stagiaire

Für meinen Arbeitsalltag nehme ich folgendes mit: Lieber eine Sitzung zu viel als eine zu wenig. Beim SRF hatte ich immer den Eindruck, wir reden zu viel über Zielgruppen und Aussagewunsch bevor wir eine Geschichte realisieren.

Nach zwei Monaten ohne richtige Arbeitskollegen merke ich, wie wichtig diese Gespräche sind. Häufig kam ich bei einem Artikel nicht weiter, weil ich nicht genau wusste für wen ich den eigentlich schrieb.

Da ich auch nie Feedback erhielt, merkte ich wie nachlässig ich wurde. Plötzlich war mir alles egal. Ich konnte mich nicht motivieren an einer Geschichte zu bleiben, bis sie gut war. Zum Glück lernte ich zu diesem Zeitpunkt per Zufall einen Autor kennen, der auch für die Georgia Today schrieb und als Korrektor tätig war. Ich fragte ihm, wie es ihm so ergeht immer zu Hause zu arbeiten ohne Feedback und ohne konstruktive Gespräche über die Arbeit. 

Er war zwar auch nicht mehr wirklich motiviert für die Zeitung zu schreiben, aber etwas blieb bei mir hängen. Er sagte: “ Ich will nicht, dass ich nicht dahinter stehen kann, was unter meinem Namen veröffentlicht wird. Egal ob die Chefredakteurin auch mit einem schlechteren Text zufrieden wäre. Ich arbeite solange daran, bis auch ich zufrieden bin.“ Das hat mir eingeleuchtet und mich motiviert wieder ehrgeiziger zu sein. Ein weiterer Beweis, dass Gespräche mit Arbeitskollegen wertvoll sind.

Alles in Allem waren die zwei Monate in Georgien sehr spannend. Eine Prognose wie es mit dem Land weitergeht wage ich nicht.

 

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