„Che resonance berbère“

Filmemacher Habib Mestiri
Habib Mestiri

 

Chokri Belaïd – die berberische Version von Che Guevara

Habib Mestiri – tunesischer Filmregisseur – denkt über den linken Politiker Chokri Belaïd nach und welche Bedeutung Belaïd für Tunesien sechs Monate nach seinem Tod hat. Mestiris Film „Heureux le Martyr“ ist ein Portrait über den ermordeten Politiker, Juristen und Verteidiger der Menschenrechte Chokri Belaid, hat am Dienstag 23. September seine Premiere in Tunis, im Rahmen des „Human Screen Festival“, ein internationales Menschenrechts-Filmfestival.

Habib Mestiri hat Chokri Belaid in den letzten Jahren unter Habib Bourguibas Regime kennen gelernt. Er war damals Journalist in Tunesien und hat Demonstrationen gefilmt, dafür wurde er eingesperrt sowie zahlreiche Studenten ebenfalls. Die beiden haben sich dann in der tunesischen Wüste kennen gelernt, wohin man Gefangene zur Umerziehung gebracht hatte. Danach ist Mestiri nach Italien gegangen und hat Belaïd etwas aus den Augen verloren. Der Film sei für ihn auch eine Möglichkeit gewesen, sich wieder näher mit dieser aussergewöhnlichen Figur der tunesischen Gegenwart zu beschäftigen.

Aufgezeichnet von Christina Omlin

Chokri Belaïd im Film von Habib Mestiri
Chokri Belaïd im Film von Habib Mestiri

„Ich habe versucht einen mehr persönlichen Film zu machen und nicht vor allem einen Film über einen politische Figur. Warum? Weil die menschliche Seite von Chokri Belaid ein ganz wichtiger Teil seiner Persönlichkeit ist. Seine Ermordung hat einen neuen Mythos kreiert. Er ist eine Art berberische Version von Che Guevara.

Ich zeige ihn explizit auch im Kreis seiner Familie. Er war ein sehr guter Vater, die Liebe zwischen ihm und seiner Frau Besma war in jeder Beziehung aussergewöhnlich. Das Verhältnis zu seinen Eltern ebenso. Er hat sich für die Kultur stark gemacht hat, Poesie und bildende Kunst geliebt. All das trägt zu seinem Mythos bei. Er war ein Verfechter der Menschenrechte; ein Anwalt für die benachteiligten Bevölkerungsschichten Tunesiens. Als Anwalt hat er vor Gericht auch Tunesier vertreten, die keine Mittel hatten sich zu verteidigen. Aber ich wollte keinen politischen Film machen. Denn ich glaube nicht ans politische Kino. Ich glaube an die Realität. Das dokumentarische Kino zeigt die Realität. Natürlich ist mein Film vor allem für Tunesien gemacht, aber ich möchte auch der Welt etwas über Tunesien erzählen. Diese zwei Jahre seit der Revolution bis zur Ermordung von Chokri Belaïd  sind ein wichtiger Teil der tunesischen Geschichte

Chokri Belaïd im Kreis seiner Familie (Film Habib Mestiri)
Chokri Belaïd im Kreis seiner Familie (Film Habib Mestiri)

Dieser Dokumentarfilm ist keine Eloge an die linken Parteien (Anmerkung: Chokri Belaïd war Mitglied der Partei „Mouvement des patriotes démocrates“), obwohl er auch zeigt, wie diese kleinen Oppositions-Parteien in einem Einparteienstaat funktioniert haben, indem nie wirklich ein demokratisches System etabliert wurde. Es ist eine Eloge an die Werte des Politikers Chokri Belaïd. Die Menschen in Tunesien glauben an diese Werte, sie teilen diese Werte. Sie wollen keine neue Partei, die Privilegien nur unter sich verteilt, dieses Mal unter dem Deckmantel des Islam. Die Tunesier wollen die Lügen der Politiker nicht mehr, sie haben genug. Die Hauptbotschaft von Chokri Belaïd war, dass die Politik sich nicht mehr vom täglichen Leben der Menschen abwenden darf. Er hat die Menschen geliebt, er hat dieses Land geliebt.

Einer der Auslöser, warum ich diesen Film gemacht habe war meine Teilnahme am Begräbnis von Chokri Belaid. Dort habe ich eine ganz starke Verbindung zwischen den Menschen in diesem Land und den Werten von Chokri Belaïd gespürt, eine echte Zuneigung. Über eine Million Menschen, fast ein Zehntel der tunesischen Bevölkerung hat an der Beerdigung teilgenommen.

Die kleinen linken Parteien in Tunesien haben immer von der Revolution geträumt. Aber es ist eine virtuelle Revolution geblieben, so wie viele junge Menschen auf der ganzen Welt davon träumen die Welt zu verändern. Und plötzlich ist in Tunesien alles konkret geworden. Die Menschen sind auf die Strasse. Sie haben ein Regime gestürzt. Chokri Belaïd hat angefangen die linken Parteien auf eine Beteiligung an der Macht vorzubereiten. Unter den Linken hat er viele Dinge in Bewegung setzen können: Von der Theorie in die Realität. Für die Wahlen im Oktober 2011 hat es noch nicht gereicht in Tunesien eine gemeinsame Kraft aufzubauen. Aber nach der Ermordung von Mohamed Brahmi (ein Oppositionspolitiker und gewählter Parlamentarier) haben sich alle Oppositionsparteien zu einer gemeinsamen Front zusammengeschlossen. Dass Chokri Belaïd von den Worten zu echten Taten übergegangen ist, dass war einer der Gründe für seine Ermordung.

Der Esprit von Chokri Belaïd ist immer noch da. Da ist zuallererst seine Frau Besma, eine charismatische Persönlichkeit. Sie kann eine Menschenmenge ebenso begeistern wie Chokri Belaïd. Auch Mohamed Brahmis Witwe kann das, mit einfachen und profunden Worten. Wir entdecken das in Tunesien, diese starken Frauen, die mobilisieren können. Auch das wird die politische Landschaft verändern.

Belaïd war eine politische Führungsfigur, wie es sie nicht oft gibt. Er hatte eine unglaubliche Energie, eine Kapazität die Leute mitzunehmen, er war der unermüdliche Aktivist. Er konnte ohne Aktivismus gar nicht leben. Davon gibt es in der arabischen Welt nicht viele. In den Sechziger Jahren waren es noch mehr mit Bourguiba in Tunesien und Nasser in Aegypten. Aber sie haben sich nicht weiterentwickeln können und einmal an der Macht haben sie die Menschen aus den Augen verloren. Belaïd war unglaublich intelligent. Es gibt eine Anekdote über ihn: Ein Lehrer fordert ihn auf aus einem Buch vorzulesen. Belaïd hatte das Buch nicht dabei, zitierte aber den Text aus dem Gedächtnis. Er war ein sehr spezieller Mensch. Wir brauchen Menschen wie ihn, die uns sagen, ja wir können den Lauf der Geschichte ändern. Denn wir kennen das partizipieren am politischen Leben noch nicht wirklich.

Protestrufe und Nationalhymne zur Eröffnung des Human Screen Festivals, Eröffnungsfilm über Chokri Belaïd
Protestrufe und Nationalhymne zur Eröffnung des Human Screen Festivals, Eröffnungsfilm über Chokri Belaïd

Die Demokratie ist für Tunesier immer etwas Oberflächliches etwas Virtuelles geblieben. Es gab zwar Wahlen, aber die wurden gefälscht oder man kannte das Resultat schon vorher. Wir haben uns nie wirklich als Volk an der Politik beteiligt. Deshalb brauchen wir hier so etwas wie einen Lehrer in der Schule, der uns ein wenig in eine Richtung schiebt, der uns überzeugt, dass wir zusammen funktionieren können, dass wir uns organisieren können. Die meisten Leute hier haben sich in den letzten Jahrzehnten immer mit der politischen Machthabern arrangiert, weil man sie sonst bestraft hat. Die Leute sind jetzt auf der Suche, aber sie warten auch. Sie warten darauf, dass jemand kommt und ihnen zeigen wird, wohin die tunesische Gesellschaft sich bewegen soll. Wir brauchen ein Gesellschaftsprojekt um aus dieser Passivität heraus zu finden. Das ist die mediterrane Seite von Tunesien, eine Tendenz passiv auszuharren. Dieses Gesellschafts-Projekt sehen die Tunesier im Moment nicht, weder auf der Seite der Islamisten noch auf der Seite der Opposition.

Die Leute wollen eine Annäherung der Politik an ihre Realität, an ihren Alltag, an ihre wirtschaftlichen Sorgen. Die Kaufkraft die ständig abnimmt, die Jugendarbeitslosigkeit, etc. Sie wollen eine sozial ausgeglichenere Gesellschaft als sie heute in Tunesien existiert. Darum brauchen wir demnächst Wahlen. Dann beginnen die Menschen wieder zu denken, wer sie aus dieser wirtschaftlichen Krise heraus führen wird. Und die Wahlen wären eine Chance, die Islamisten zur Raison zu bringen, die sich noch immer durch die letzten Wahlen im Oktober 2011 zu legitimieren versuchen.

Jeder der heute an die Macht kommt in Tunesien wird die gleichen Probleme vorfinden, falls es ihm nicht gelingt die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen. Wir sind ein kleines Land, und das ist eigentlich gar nicht so schwer. Da bin ich optimistisch. Wir haben eine junge Bevölkerung. 25% geht noch zur Schule. Wir werden das schaffen. Wir müssen nur in die Zukunft schauen und mit einer gewissen Ernsthaftigkeit ans Werk gehen. Und nicht auf Geld aus Qatar hoffen. Jetzt wo diese Gelder weniger stark fliessen kann man sehen wie die Probleme anfangen, in Ägypten ebenso wie in Tunesien. Wir sollten uns bewusst sein, dass sich Tunesien immer auch an Europa orientiert hat, an Italien, an Frankreich. Und dass wir jetzt unser Land stabilisieren müssen, die Sicherheitslage wieder in den Griff bekommen. Im Film spricht Chokri Belaïd über aktuelle Dinge, wie wenn er gar nicht gestorben wäre. Das kann uns auch in dieser schwierigen Lage ein Leitfaden sein, wie wenn Chokri Belaïd immer noch unter uns wäre. Ich glaube, das würde ihm gefallen.“

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