Dem Papst auf den Fersen

Gläubige harrten stundenlang aus, um Papst Franziskus zu sehen.

Am Dienstagabend, um 23 Uhr leuchtete die Nachricht auf meinem Handy auf: „Es tut mir leid, alle Karten sind weg.“ Damit schwand die letzte Hoffnung, doch noch in das Stadion Kyaikkasan Ground zu kommen. Dahin, wo am nächsten Morgen Papst Franziskus als erstes Kirchenoberhaupt eine Messe in Myanmar halten wird. Ein Auftritt, der bereits im Vorfeld für Spannungen sorgte: Lokale Kirchenoberhäupter riefen Franziskus dazu auf, den Begriff Rohingya nicht zu verwenden.

Bereits Wochen vorher schrieb ich Mails an meine Redaktionskollegen im entfernten Chang Mai (Thailand): Wie decken wir die Messe, die Gespräche mit den Regierungsvertretern und religiösen Führern ab? „Schreibe so viel Stories wie möglich“ – kam als Antwort zurück. Die Medienakkreditierung sei bereits abgelaufen, an die öffentliche Messe käme ich aber ohne Anmeldung. Kurz stutzte ich, doch war ich mit zwei Reportagen beschäftig und unterwegs. Meine Erfahrung mit der Mizzima-Redaktion war zudem: Informationen fliessen spärlich; jene, die ich erhalte, stimmen aber.

Beim Papstbesuch war es nicht so. Nur zufällig erfuhr ich zwei Tage vor seinem öffentlichen Auftritt, dass sich auch Privatpersonen dafür akkreditieren müssen. Mir blieben 36 Stunden – und die Einsicht, dass sich ausser dem Fotografen niemand um den Anlass gekümmert hatte. Also begann ich, Kirchen abzuklappern und erfuhr einmal mehr die Vor- und Nachteile einer Kultur, in der ein Nein kaum über die Lippen kommt.

Nachdem ich – stets mit dem Versprechen auf eine Eintrittskarte – mehrfach durch ganz Yangon geschickt wurde, erhielt ich die Nummer eines Organisators. Er versprach mir eine Karte: „Sie kommen rein, ganz sicher.“ Wir verabredeten uns drei Mal. Zwei Treffen liess er kurzfristig platzen. Dann, am Dienstagabend als ich auf dem Weg zu seiner Wohnung war, sagte er mir am Telefon: Er könne „nichts mehr für mich tun“. Ein Knacken in der Leitung, ein Piepsen, aufgelegt.

Ein letzte Hoffnung blieb: Ein Pfarrer aus Bangkok, der angeblich noch ein paar Eintrittskarten zu vergeben hatte. An der Rezeption seines Hotels hiess es, er schlafe bereits. Um vier Uhr morgens stünde er auf und würde er mich anrufen. Er kontaktierte mich früher. Als ich in meinem Guesthouse ankam, blinkte die Nachricht auf: Sorry, keine Karte mehr.

Was tun? Um fünf Uhr morgens vor das Stadium stehen und ein Schild hochhalten? Oder vor Ort Sicherheitsbeamte zu überreden versuchen? Beides erschien wenig Erfolg versprechend. Trotzdem stieg ich am nächsten Morgen ins Taxi. Der Plan: Der Messe ausserhalb des Stadions zu lauschen – und sie zu streamen. Mit den Papst-Anhängern liesse sich auch noch sprechen, wenn sie das Gelände verlassen.

Der Taxifahrer war wenig begeistert ob meines Ziels. Früh begann er „traffic, traffic“ zu murmeln und bog dann kurz vor dem Stadium links statt rechts ab. Mein Protest beeindruckte ihn ebenso wenig wie Google Maps. Unbeirrt steuerte er den VIP-Eingang an. Miteinander sprechen konnten wir nicht. Sein Englisch beschränkte sich auf ein repetierendes: „Here, madam, here“ nachdem er das Taxi gestoppt hatte. In der sengenden Sonne und auf dem schmalen Streifen neben der dicht befahrenen Strasse hatte ich allerdings wenig Lust, zu Fuss das riesige Gelände zu umrunden. Der Haupteingang lag genau auf der anderen Seite.

Ein Soldat wurde auf uns aufmerksam, klopfte an die Fensterscheibe. Kopfschütteln. Auch er verstand kein Englisch. Ich, ein VIP? Nein! Dennoch wies er mich an, aus dem Taxi zu steigen. In seiner Begleitung passierte ich seine schwer bewaffneten Kollegen und liess meinen Protest verebben.

Die Bühne für den Papst lag bereits in Sichtweite, als wir eine Barriere erreichten. Der dortige Einsatzleiter der Polizei guckte mich überrascht an. Zwei Tage zuvor scheiterte ich schon einmal an dieser Stelle. Damals versuchte ich, im Stadion eine Eintrittskarte zu erhalten. Ein Tipp, der sich als wenig hilfreich erwies. Bereits damals entschuldigte sich der Polizist für einen Fehler, den er nicht gemacht hatte.

An diesem Morgen zeigte ich ihm die SMS des Organisators, liess ihn dessen Versprechungen lesen. Unser Gespräch wurde von zwei jungen Europäerinnen unterbrochen. Obwohl sie keine Eintrittskarten auf sich trugen, hatten auch sie es bis zu dieser letzten Barriere geschafft. Zu diesem Zeitpunkt war das Stadion längst voll, die VIPs sassen auf ihren Plätzen. Der Polizist schüttelte den Kopf: Er könne uns unmöglich reinlassen. Unser Bitten und Drängen begann ihn langsam zu nerven.

Zwischen den Bäumen und mit Blick auf die Bühne – so nah sassen nicht einmal die VIPs bei der Messe von Papst Franziskus.

Neben uns erstreckte sich eine Rasenfläche, ein paar Bäume spendeten Schatten. Was, wenn wir dort stünden und somit in seinem Blickfeld blieben? Ganz genau betrachtet, gehört dieser Bereich ja nicht zum Zuschauersektor, vielmehr war es ein undefinierter Korridor… Der Polizist zögerte, drehte sich zu seinen gelangweilt blickenden Kollegen – und sagte: „Geht, aber schnell.“ Unsere Taschen kontrollierte niemand. Kurz darauf drehte Franziskus im Papamobil eine Runde durch die Menge. 30 Meter von uns entfernt.

 

Der Papstbesuch stand im Fokus der Rohingya-Krise. Die Hintergründe dazu gibt es im Artikel Heilige Diplomatie, der in der „Nordwestschweiz“ erschienen ist.

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