Die Lichtgestalt aus der fernen Schweiz

Maurice Demierre with farmers family in Las Pilas in Northern Nicaragua. Swiss National killed by Contra in 1986. Maurice demierre met boeren familie in Las Pilas in Noord Nicaragua. Vermoord door de Contra in 1986. Maurice Demierre werkte als agronoom en vrijwilliger van de de Zwitserse organisatie Freres sans Frontieres. Foto: Rob Brouwer/Hollandse Hoogte
Maurice Demierre: Der Entwicklungshelfer aus der Schweiz wurde am 16. Februar 1986 von der Contra bei Somotillo ermordet. (Foto: Rob Brower)

Vor genau 30 Jahren wurde der Entwicklungshelfer Maurice Demierre im Norden Nicaraguas ermordet – sein Tod löste auch in der Schweiz eine breite politische Debatte aus.

 

Es ist einer jener Momente des Tages, in denen man nicht recht weiss, ob es noch Tag ist oder schon Nacht. Der Schweizer Maurice Demierre, Entwicklungshelfer, Idealist, Tiefgläubiger, sitzt hinter dem Steuer des Kleinbusses und fährt von Somotillo, einer abgelegenen Kleinstadt im Norden Nicaraguas, Richtung honduranische Grenze. Die Gegend ist gefährlich, der Guerilla-Krieg zwischen den sandinistischen Regierungstruppen und den anti-revolutionären Contras tobt dort mit besonderer Wucht. Maurice, den hier alle nur Mauricio nennen, weiss das. Aber er tut einem Freund, der die Bauernfrauen und deren Kinder eigentlich hätte nach Hause fahren sollen und nun verhindert ist, einen Gefallen. So wie er es schon unzählige Male zuvor getan hat.

Sie fahren auf eine Kreuzung zu, links geht es direkt zum Grenzposten, rechts ins bäuerliche Niemandsland. Kurz vor 18 Uhr erhellt ein greller Lichtstrahl den eindunkelnden Himmel. Der Wagen ist auf eine Mine gefahren. Zusätzlich durchsieben Maschinengewehrsalven die Windschutzscheibe. Maurice hat keine Überlebenschance, die Projektile treffen ihn mit voller Wucht. «Sein Herz jedoch, es blieb verschont. Es war zu gross und kräftig für die Splitter», sagt Concepción Espinal Méndez, die ihn – schluchzend und verzweifelt, weil sie soeben einen Freund verloren hat – noch am gleichen Abend zur Aufbahrung vorbereitet. Auch fünf der mitfahrenden Mütter sterben.

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Auf dieser Kreuzung bei Somotillo wurde Maurice Demierre ermordet. Am linken Bildrand zeugt ein Kreuz davon. (Foto: Orlando Valenzuela)

Dreissig Jahre ist es her, seit Maurice Demierre sein Leben auf jener Kreuzung liess, genau dreissig Jahre. «16/02/86» steht noch heute auf einem kleinen Metallkreuz am Strassenrand. Kaum einer der vorbeifahrenden Automobilisten und Ochsentreiber dürfte es zur Kenntnis nehmen. Später hat jemand «y 5 madres» (spanisch für: «und 5 Mütter») hinzugeschrieben – ihre Holzkreuze, die ursprünglich daneben standen, waren längst vermodert. Es war eines jener Jahre, das in Nicaragua als besonders blutig in Erinnerung bleibt. Mittendrin, obwohl ihre Missionen betont pazifistisch waren: Ideologisch motivierte Entwicklungshelfer aus der Schweiz, die nach der sandinistischen Revolution im Jahr 1979 zuerst vereinzelt, dann zu Hunderten ins zentralamerikanische Land strömten.

Die totale Hingabe

Maurice gehörte zu den ersten Brigadisten, die kamen. Geprägt von seinem Glauben, aufgrund dessen er den Militärdienst verweigerte und dafür ins Gefängnis musste, entschloss er sich 1982, nach Nicaragua auszuwandern. «Seit langem fühle ich mich dazu berufen, mich für die Armen und deren Entwicklung einzusetzen. Für die, die uns nötig haben», sagte er vor der Abreise. Seine Freundin Chantal Bianchi ging mit. «Aus Liebe», sagt sie, «Maurice war der Mann meines Lebens.»

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Chantal Bianchi und Maurice Demierre in einer Aufnahme Anfang der 1980er-Jahre. (Foto: Olivier Gonin)

Umgeben von Armut und in ständiger Gefahr setzten sie sich für die Ideale der Revolution ein. Sie vermassen Landgüter, damit diese gerechter aufgeteilt werden konnten, sie halfen beim Aufbau von Schulen, unterstützten die Anliegen von Frauen oder rackerten sich wochenlang auf dem Feld ab. «Die Arbeit war hart, gab uns aber eine grosse Befriedigung», sagt Bianchi, die heute in Yverdon-les-bains ein Theaterensemble leitet. Abends kehrten sie nach Villa Nueva, rund 15 Kilometer von Somotillo entfernt, zurück und verbrachten dort viel Zeit bei der Nachbarsfamilie. «Wir assen zusammen, lachten zusammen, sangen zusammen», sagt Espinal Méndez und trällert leise die Melodie von «La Palomita Guasiruca» vor sich hin. Es war Maurices Lieblingslied.

Es war wohl dies, die totale Hingabe an die Arbeit und eine tiefe Verbundenheit mit der lokalen Bevölkerung, warum die Leute im äussersten Norden Nicaraguas von Maurice Demierre noch immer wie von einem Halbgott sprechen. Warum Maurices Grab auf dem zentralen Platz von Somotillo liegt. Warum auch dreissig Jahre später in vielen Häusern noch das Konterfei des blonden Jünglings mit Strubbelfrisur hängt. «Mauricio lebt nicht mehr, aber in unseren Herzen bleibt er uns erhalten. Seine Arbeit trug so viele Früchte», sagt die nach wie vor überzeugte Sandinistin Silvia Uriarte Gonzáles. «Er war wie ein Motor für mich – und er ist es noch immer. Sein Einsatz bei der Arbeit und für die Sache sind mir ein Vorbild», sagt Juan Isidro Betanco Martínez, der ihm den wohlwollend gemeinten Übernamen «Garrobo» (spanisch für: Leguan) gab. In jenen Jahren habe es auf seiner Finca besonders grosse Exemplare der Echse gegeben, weshalb der Name zum grossgewachsenen Freiburger gepasst habe, sagt er und lacht.

Der Bundesrat und die USA

Kein halbes Jahr nach Maurice Demierre geriet mit Yvan Leyvraz ein weiterer Schweizer Brigadist im nicaraguanischen Norden in einen Hinterhalt, auch er starb im Kugelhagel der Contras. Damit erreichte die Gewalt eine Dimension, welche die Schweizer Politik – insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Hilfsprojekte auch Bundesgelder beanspruchten und sich weiterhin Hunderte Staatsangehörige im Land befanden – nicht mehr kaltlassen konnte.

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Im Norden Nicaraguas erinnern sich zahlreiche Personen an „Mauricio“. Im Haus dieses Ehepaars hängen sogar noch seine Fotos. (Foto: Orlando Valenzuela)

Wie das «Jahrbuch Schweiz – Dritte Welt» festhält, folgte eine breite innenpolitische Diskussion über Sinn und Unsinn der Hilfseinsätze im krisengeschüttelten Land. Der Bundesrat drückte zwar sein Bedauern über den Tod der Schweizer aus, verzichtete aber auf einen Protest gegenüber den USA, welche die Contras unterstützten. Eine offizielle Schweizer Delegation überprüfte schliesslich die Situation vor Ort, woraufhin der Bundesrat entschied, die Aufbauhilfe weiterzuführen. Er legte jedoch eine sogenannte Sicherheitslinie fest. Nördlich davon durften keine Schweizer mehr arbeiten. Das empfanden die Hilfswerke als Erpressung, da es ausgerechnet die ärmsten Regionen des Landes treffe. Ohnehin verlor die Solidaritätsbewegung in der Schweiz aber an Zulauf.

Die Erinnerung an die beiden getöteten Westschweizer bleibt freilich auch in der Schweiz lebendig. Anlässlich des dreissigjährigen Todestags organisiert die in seinem Andenken entstandene «Association Maurice Demierre» in und um Freiburg mehrere Veranstaltungen. Und im Juli dieses Jahres unternimmt eine Schweizer Gruppe eine Gedenkreise nach Nicaragua. Noch ist unklar, wer daran teilnehmen wird – vor zehn Jahren gesellten sich mit Maria Roth-Bernasconi (SP, GE) und Luc Recordon (Grüne, VD) auch zwei Nationalräte dazu.

Der tragische Brief

Sie trugen damals, umgeben von Hunderten Personen aus der lokalen Bevölkerung, ein Transparent mit der Aufschrift «Si me matan, déjenme en Nicaragua» (spanisch für: «Wenn sie mich töten, lasst mich in Nicaragua») durch Somotillo. Es waren die Worte, die Maurice – im Wissen, dass er sich in ständiger Gefahr befand – seiner Freundin Chantal anvertraute. Sie hatte die schmerzliche Aufgabe, seinen Wunsch an seinem Sterbeort Somotillo umzusetzen. Nicht einfach, wenn die Familienangehörige in der Schweiz leben – und wenn das Nachbardorf Villa Nueva, wo das Paar die meiste Zeit lebte, um die sterblichen Überreste seines «Sohnes» bittet.

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Maurice Demierre liegt auf dem zentralen Platz von Somotillo begraben. (Foto: Orlando Valenzuela)

Die Geschichte des Entwicklungshelfers Maurice Demierre, der für seine Überzeugung sogar den Tod in Kauf nahm, wäre jedoch nicht vollständig, wenn sie nicht mit einer besonders tragischen Note enden würde: Die Abreise des Paars war Anfang 1986 längst geplant, der Arbeitsvertrag lief wenige Wochen nach jenem verhängnisvollen Februarsonntag aus. Bereits verabschiedete sich der Freiburger von den lieb gewonnen Nicas. Es fiel ihm nicht leicht. «Das Schwierigste ist nicht, die Arbeit hinter sich zu lassen, sondern diese Leute zu verlassen», schrieb er wenige Tage vor dem Gemetzel an seine Schwester und seinen Schwager. Als diese den Brief in den Händen hielten, war Maurice bereits tot.

Dieser Text erschien zuerst im Zeitungsverbund „Die Nordwestschweiz“.

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