Die neuste Langnase auf der Redaktion

Warum warme Socken und ein robuster Magen empfehlenswert sind. Und was Britney Spears mit mir gemeinsam hat. Mein erster Tag auf der Redaktion der Vientiane Times in Laos.

 

Meine neue Chefin begegnet mir kauend. Sie nimmt auf dem Gang der Redaktion gerade das zweite Frühstück zu sich. Süsser Klebreis mit Kokosmilch und frischer Mango in Bananenblättern. Die Sekretärin vom Empfang hat mich in den dritten Stock des riesigen neuen Redaktionsgebäudes am Stadtrand gebracht und nun stehe ich vor der Leiterin des Feature-Desk, designierte Chefredaktorin der Vientiane Times. Ihr Wort würde mir die nächsten drei Monate Gesetz sein.

Sabaidee sage ich, nenne meinen Namen und strecke die Hand zum Gruss aus. Die Chefin bleibt sitzen und kaut weiter. Dass sie nicht lächelt, scheint mir zunächst nicht weiter von Bedeutung, schliesslich hat sie den Mund voll.

Später schreiten wir durch die riesigen Redaktionsräumlichkeiten. In den ersten zwei Etagen des vierstöckigen Gebäudes hat es Platz für Verwaltung, Marketing, die Führungsriege mit geräumigen Einzelbüros, wo auf Regalen unzählige goldene Pokale aufgereiht sind. Auf dem dritten Stock sind in drei Räumen die Redaktionen von Vientiane Times, dem einzigen englischsprachigen Medium von Laos und Le Renovateur, der einzigen französischsprachigen Zeitung, sowie Layout und Informatik zusammengepfercht. Im vierten Stock hat es sogar eine Turnhalle, in der die Mitarbeiter Tischtennis spielen oder schwitzend im Kreis rennen. Ich zähle drei karg möblierte Aufenthaltsräume, draussen im Freien hat es eine Küche, wo eine Layouterin im traditionellen Wickel-Rock steht und grünes Gemüse mit Knoblauch dünstet. Ich werde den meisten Mitarbeitern vorgestellt. Ein paar schauen kurz interessiert, einige blicken nicht einmal von den Tastaturen auf. Die Langnasen kommen und gehen in dieser Redaktion. Mir werden die zwei australischen Freelancer vorgestellt, die als Korrektoren angestellt sind. Ich mache einen kleinen Scherz darüber, dass sie mit Überzeit rechnen müssten, wenn dann meine Texte kommen. „Haha, I don’t think so“, meint der ältere der beiden und grinst vielsagend.

Schliesslich setzen wir uns in einen fensterlosen Raum, der mit „Bibilothek“ angeschrieben ist. Drinnen steht ein Regal mit etwa einem Dutzend abgegriffenen Büchern auf Englisch. In einem Schaukasten liegen aufgeschlagene Hefte in laotischer Schrift. Auf einer Vorrichtung, die aussieht wie ein Herrendiener, hängen ein paar alte Ausgaben der englischsprachigen Bangkok-Times. Die Redaktion ist erst gerade von ihrem alten, praktisch im Zentrum gelegenen Büro an den Stadtrand in einen repräsentativen Neubau gezogen. Meine Chefin setzt sich und schaut mir ein paar Sekunden lang streng ins Gesicht. „Also, Ketlina, Du bist jetzt also für drei Monate hier…“, beginnt sie. Ich nicke und lächle erwartungvoll. Ich habe die letzten sechs Ausgaben der Zeitung, deren Redaktion direkt dem Informationsministerium des kommunistischen Staates unterstellt ist, am Wochenende gelesen. Ich habe mich über die Geschichte des Landes informiert. Mit vielen Leuten gesprochen, die länger hier waren. Man kann nicht behaupten, dass ich schlecht vorbereitet wäre auf dieses Gespräch. Auf die erste Frage meiner Chefin war ich trotzdem nicht vorbereitet. „Hast Du schon gegessen?“ Ich verneine. „Ok“, sagte die Chefin sichtlich zufrieden mit meiner Antwort, „Du wirst nachher gleich etwas essen!“

Beim Mittagessen mit meinen neuen Kollegen, von denen mir nicht klar ist, ob sie von der Chefin dazu verknurrt wurden, die neue Langnase mitzunehmen, versuche ich herauszufinden, wer in welchem Bereich arbeitet. Stattdessen bekomme ich zu hören, wo jeder der drei jungen Herren (und eine nicht mehr ganz so junge Dame von der laotisch-sprachigen Zeitung im benachbarten Gebäude) eigentlich in Zukunft lieber arbeiten würden. Nämlich im Tourismus-Sektor. Als Fremdenführer. Als Urwald-Guide. Als Elefanten-Führer. Da gibt es mehr Geld zu verdienen, da kann man freier arbeiten, glauben sie. Ich frage nochmals nach, an welchen Themen sie momentan bei der Vientiane Times arbeiten. Einer sagt, er warte noch aus Informationen aus dem Finanzministerium, ein anderer verfasst einen Bericht über eine Theateraufführung von gestern Abend. Dann kommt das Essen. Es gibt scharfen Papaya-Salat, Suppe mit Zitronengras , gedünsteten Wasserspinat und Schweinshackfleisch an Chillipaste. Dazu wird brauner Klebreis in Rattan-Körben und frische Kräuter wie Thai-Basilikum und eine Art Schnittlauch serviert. Die Kollegen schauen mir amüsiert zu, wie ich umständlich Reisbällchen forme und in den Mund stecke. Es entsteht eine kurze Diskussion darüber, ob ich Britney Spears nur sehr ähnlich sehe oder sogar genauso aussehe wie sie. Empört blicke ich vom Teller auf: „Die ist blond und hat braune Augen“, protestiere ich. „Sie hat die exakt gleiche Nase“, insistiert die Kollegin von der laotischen Zeitung . Ich verkneife mir einen sarkastischen Kommentar in die Richtung, dass für mich auch alle asiatischen Männer aussehen wie Jacky Chan. Ich will es mir ja nicht verscherzen mit den neuen Kollegen, vor allem da ich sie äusserst sympathisch finde. Sie kümmern sich um mich, als gelte es stets, mich vor Ungemach zu bewahren: „Steig rechts vom Motorrad ab, die Strasse ist zu gefährlich, mach die Tasche gut zu, nimm doch lieber Wasser ohne Eis, das ist besser für den Magen.“ Als ich bezahlen will, lehnen die Kollegen empört ab. Sie wollen mich einladen. Auf dem Rückkweg in die Redaktion muss ich noch ungefähr fünf verschiedene Süssspeisen vom Strassenrand probieren, darunter den ominösen, süssen Reis, den meine Chefin zum zweiten Frühstück hatte. Es schmeckt alles frisch und köstlich. Die neuen Kollegen schauen entzückt zu, wie ich alles mit Wonne verschlinge und machen auf laotisch Scherze auf meine Kosten. Die verfressene Langnase wird wohl bald nicht mehr durch die Bürotür passen.

Zurück in der Redaktion fällt mir auf, das für die etwa zwanzig Journalisten am Feature-Desk und im Business-Ressort nur ein Festnetz-Telefonanschluss vorhanden ist. Îch frage nach, ob ich ihn benutzen darf. Nur im Notfall, sagt ein Kollege. Telefoniert werde nicht viel. Ich setze mich an den mir zugewiesenen Arbeitsplatz und starte den Computer. Zehn Minuten später kann ich mich einloggen. Zwischendurch gehe ich auf den Gang, um mich aufzuwärmen, die Klimaanlage bläst unerbittlich kalte Luft in mein Gesicht, es ist, als hätte ich im Dezember meinen Arbeitplatz am Zürcher Bürkliplatz aufgeschlagen. Auf dem Gang begegnet mir nochmals der australische Freelancer. Er will wissen, wie es lief mit meiner Chefin. Ich erzähle ihm, dass sie mich wie erwartet angewiesen hat, über Kulturelles und Themen aus dem Bereich Tourismus zu schreiben. Mit anderen Worten: Bloss nichts Politisches. Er schaut mich betreten an und sagt vorwurfsvoll: „Aber alles ist politisch.“ Ich will etwas erwidern, doch er sagt, er wolle das nicht hier auf dem Gang besprechen. Er lädt mich auf ein Beerlao ein und verschwindet im eisigen Büro.

Da sich in den nächsten Stunden niemand um mich kümmert, beginne ich, schriftlich ein paar Vorschläge für Artikel aufzuschreiben, die ich meiner Chefin zur Bewilligung vorlegen will: „Sustainable Backpacking“, der neuste Renner für den politisch korrekten Touristen in Laos. Ein Portrait über ein junges Liebespaar der Volksgruppe Hmong, die sich beim traditionellen Match-Making-Event kennengelernt hat. Ein Interview mit der Leiterin einer zeitgenössischen Tanz-Company, die an öffentlichen Schulen neuerdings Tanz-Workshops anbietet, um den Kinder den traditionellen Tanz näherzubringen. Ich kopiere meine Vorschläge in ein Mail und schicke es über mein privates Email-Konto an die Chefin, die ihrerseits auch geschäftlich nur über ihre private Email kommunziert. Die Internetverbindung ist langsam, ich sitze ein paar Minuten dort und beobachte, wie sich die Sanduhr dreht.

Gegen halb fünf steht plötzlich meine Chefin neben mir. Es dauert einen Moment, bis ich sie erkenne, denn sie hat die langen Haare unter einer Dächlikappe versteckt und trägt jetzt grasgrüne Frottee-Sportkleidung. Sie geht Tischtennis spielen mit ihrem Vorgesetzten. „You are okay“, sagt sie und lächelte zum erstenmal. Sie meint nicht mich generell, sondern die Vorschläge. Ich kann loslegen.

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