Ein Aktivist mit Kamera

Filmstill aus "Au Temps de la Révolte" Youssef Ben Ammar
Filmstill aus „Au Temps de la Révolte“ Youssef Ben Ammar

Youssef Ben Ammar kommt mit dem iPad unterm Arm zum Treffen ins Grand Café du Théatre in Tunis. Der junge Filmemacher zeigt mir seinen Dokumentarfilm „Au Temps de la Révolte“ vorab. Der halbstündige Film entstand für einen Wettbewerb des Goethe-Instituts Tunis zum Thema „Versöhnung“ und wird am 4. Oktober erstmals öffentlich gezeigt. Er erzählt in drei Teilen von der Zeit nach der tunesischen Revolution.

Mit den beiden politischen Morden an Chokri Belaïd und Mohamed Brahmi wählt Youssef Ben Ammar Schlüsselmomente der aktuellen politischen Ereignisse Tunesiens aus. Er macht die Töchter der beiden Politiker zu Hauptfiguren und mischt sie mit Szenen der Menschen, die am Tag der Ermordungen spontan auf die Strasse gingen. Das Bildmaterial hat Ben Ammar selber mit einer Handkamera aufgenommen. Er war an beiden Tagen (6. Februar und 25. Juli 2013) in Tunis unterwegs und hat praktisch pausenlos gedreht. Als Filmer versteht sich Youssef Ben Ammar als Teil seiner Zeitgeschichte und nimmt explizit Stellung gegen die politischen Morde. Ein Aktivist mit Kamera.

 Trister postrevolutionärer Alltag

Zwischen die beiden politischen Ereignisse stellt er Ausschnitte aus dem Alltag nach der Revolution: Die leeren Trams am Abend, die früher immer überfüllt waren; arbeitlose Jugendliche in Cafés; Kinder, die das Trinkwasser noch mit Eseln holen müssen. Tunesien kommt nicht vom Fleck. Youssef Ben Ammar erzählt fast ausschliesslich mit Bildern, er steuert sie gekonnt zwischen Spannung und Entspannung. In den ersten beiden Teilen wird kaum gesprochen, die Szenen wechseln schnell.

Die beiden Mädchen von Chokri Belaïd sind noch im Schulalter. Youssef Ben Ammar zeigt sie in ihren Kinderzimmern eingebettet zwischen Stofftieren, wie sie sich am Computer Videos der Demonstrationen für ihren Vater anschauen. Die Töchter von Mohamed Brahmi sind schon älter. Mit ihrem Auftritt ändert Youssef Ben Ammar sein Erzähltempo, sie wird intimer, statischer. Die 18-jährige Tochter erzählt Tränen überströmt wie sie ihren von Schüssen getroffenen Vater zusammen mit ihrem Bruder aus dem Auto ziehen will. Versöhnung? Nein Versöhnung gibt es für sie nicht.

Kein passives Zuschauen möglich

„Au Temps de la Révolte“ ist eine halbe Stunde Film, die den Zuschauer zum unmittelbar Beteiligten macht. Man steckt mitten drin in den politischen Turbulenzen Tunesiens und die Zukunft dieser Politiker-Kinder geht einen plötzlich etwas an. Wie sehr werden die Ermordungen ihrer Väter ihr weiteres Leben bestimmen? „Au Temps de la Révolte“ gibt darauf keine Antwort. Er zeigt aber, was sich Menschen in diesem Land antun. Sie kämpfen mit allen Mitteln und vollkommen rücksichtslos um die politische Macht. Das Leben der meisten Menschen verbessert sich dadurch kaum, im Gegenteil. Angst greift in Tunesien wieder um sich. Versöhnung sieht anders aus.

Youssef Ben Ammar
Youssef Ben Ammar

Youssef Ben Ammar ist noch Filmstudent, es ist erst sein zweiter kurzer Dokumentarfilm. Er zeigt schon eine deutlich gereifte Filmsprache. Er verknüpft geschickt Erzähl-Ebenen untereinander und hat ein Händchen für dramaturgisch spannende Abläufe, erkennt emotionale Momente. Das ist für einen jungen Filmemacher schon viel. Auf seine weiteren Werke im Bereich gesellschaftspolitischer Autorenfilm darf man gespannt sein.

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