Ein Firmenessen wie «Benissmo» und Misswahl, aber gut

Wenn die Redaktion des «El Nuevo Diario» Königin und König krönt, der Chef ausgelassen Reggaeton tanzt und Andrea Bocelli interpretiert wird, dann ist das «so ein Anlass» zum Jahresende.

Es gab schon seit Wochen Anzeichen dafür, dass etwas im Tun ist. Jeden Tag zur Mittagszeit verwandelte sich das Fotostudio der Redaktion in einen Übungsraum. Gleich daneben habe ich meinen Arbeitsplatz, der lediglich mit einer dünnen Wand abgetrennt ist. Seit Anfang Dezember hörte ich immer wieder diese spanische Interpretation von Andrea Bocelli’s Klassiker «Vivo per lei», gesungen von zwei Mitarbeitenden des «El Nuevo Diario». Es tönte schrecklich, und wurde im Lauf der Probezeit leider nicht viel besser.

Neben den Gesangstalenten probte auch das Rock’n’Roll Pärchen und die Karibik-Gruppe. Die Vibrationen schwangen durch die ganze Redaktion und hin und wieder wurden wir gefragt, ob wir auch eine Präsentation vorbereiten. Wir, also die beiden «chelas» (so werden die Hellhäutigen hier gerne genannt), wussten noch gar nicht wofür. «Es gibt da so einen Anlass», erklärten die RedaktionskollegInnen knapp.

Warten auf die Einladung

Erst ein unauffälliger Aushang am Empfang des Redaktionsgebäudes brachte ein bisschen Aufklärung. Es war die Rede von einer «Fiesta del fin de año», eine Art Firmen-Weihnachtsessen, dachten wir. Auf dem Plakat wurden alle aufgerufen, sich für die Wahl der Königin und des Königs des «El Nuevo Diario» anzumelden und vorzubereiten.

Da wir leider weder singen, noch Reggaeton tanzen im Bastrock, und schon gar nicht eine Comedy-Show auf Spanisch anbieten können, entschieden wir uns, talentlos als Zuschauerinnen dabei zu sein. Doch noch ein ganze Weile lang hatte die Sache einen Haken: Wir wurden nicht eingeladen.

Die richtige Garderobe könnte entscheidend sein

Bis zum Tag davor, dem 18. Dezember 2014. Da kam endlich der Chef persönlich daher und kündigte an, es gäbe da «so einen Anlass», und er würde sich freuen, wenn wir auch da wären. Es gäbe auch Essen, Bier und Rum, fügte er an, um uns zu überzeugen, dass es sich lohnt, dabei zu sein. Es würde am Freitag ab zirka 16 Uhr auf dem Parkplatz der Zeitung stattfinden. Wie der Chef, kündigte auch ein Fotograf den «Anlass» als kleine Feier an: «Kommt doch auch noch kurz vorbei», sagte er.

Als wir erfuhren, dass wir auch ohne Abendkleid und Absatzschuhe an das Fest kommen dürfen, waren wir beruhigt, obwohl wir sicher waren, dass wir unter den modebewussten Redaktionskolleginnen aussehen würden wie zwei hängengebliebene Rucksacktouristinnen. Kurzum, wir hatten keine Ahnung, was uns erwartet.

Buffet, Buchhaltung und Bombenparty

Am Freitag Morgen kommen wir also mit dem Redaktions-Taxi an und auf dem Parkplatz steht eine grosse Bühne. Unzählige Plastikstühle werden mit Stoffüberzug und Maschen geschmückt, runde Tische werden aufgestellt. Es erinnert an ein lateinamerikanisches Hochzeitsfest.

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Um 16 Uhr zeigt sich dann endlich, dass jener Abend, der immer als «so ein Anlass» bezeichnet wurde, eine Bombenparty ist und die Talentshow – abgesehen von dem gratis Buffet – der Hauptgrund für die Anwesenheit der Mitarbeitenden. Die verschiedenen Bereiche der Zeitung, also die Redaktion, der Verlag, die Spedition und die Buchhaltung treten zum Kampf an. Die Karibik-Gruppe gegen das Rock’n’Roll Paar, Andrea Bocelli gegen den Witzerzähler, der Evo Morales imitiert und die Zeitungsbesitzer (die mitten im Publikum sitzen) rücksichtslos wegen ihres Reichtums parodiert.

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Die mitfiebernden KolegInnen der Wettbewerbs-Paare tragen Glizerhüte, zünden Böller, es wird getrillert, getrommelt und gepfiffen. Ihre Hoffnung: Wer mehr Lärm macht, holt sich bei der Jury mehr Punkte. Und so pfeift die Redaktion die Buchhaltung aus und jeder Bereich will mit farbigen Transparenten und Plakaten auf sich aufmerksam machen.

Hellhäutige im Salsafieber

Und wir stehen als Teil der Redaktion mittendrin. Obwohl wir nicht immer verstehen, was die Meute schreit, lallen wir mit und trillern kräftig, wenn auch manchmal im falschen Moment. Dann, als Einige vor lauter Bier und Rum schon fast umfallen, kommt das grosse Finale. Die Talente, als Pärchen formiert, stellen sich in Abendrobe auf die Bühne und die Sieger werden gekrönt wie bei einer Misswahl.

Und die Redaktion gewinnt! Königin Gisele und König Juan werden vom ganzen Team gefeiert und es wird ausgelassen getanzt. Der oberste Chef im Reggaeton-Fieber, die Chauffeure beim Salsa mit den Hellhäutigen. Es ist ein Firmenessen wie «Benissimo» und Misswahl, aber gut.

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