Ein Konflikt so nah und doch so fern

Es brutzelt und zischt am Nachtbazar.

Ein Pandabär schwebt durch die Luft. Neben ihm flattern ein pinker Delfin und ein Löwenkopf. Der Verkäufer preist seine Ballone lauthals an. Ein Meter weiter zischt es. Eine Frau dreht runde, kleine Teigböden im Öl. Neben dem Herd kühlen in einem Korb die fertigen Snacks aus: Motw Lan Ma yar heissen sie, klärt mich später ein Redaktionskollege auf. Eine Art Mini-Samosa mit Kichererbsen im Innern.

Meine Zeit in Myanmar beginnt mit einem dreitägigen Fest. Das Thadingyut, das Lichterfest, ist der Rückkehr Buddhas aus dem Himmel gewidmet und gehört zu den wichtigsten Feierlichkeiten im Land. In dieser Zeit leuchten in den Pagoden tausende von Kerzen und in den Fenstern blinken bunte Lichterketten.

Gleich um die Ecke der Mizzima-Redaktion, meinem Arbeitsort für die nächsten zwei Monate, verwandelt sich die Strasse in einen wuseligen Bazar. Abgesperrt für den Verkehr, flanieren die Besucher zwischen Karussells, Strassenküchen und Verkaufsständen. Junge Frauen setzen sich pink leuchtende Hasenohre auf. Einige Gäste genehmigen sich in einem der angrenzenden Restaurants ein Bier, obwohl der Verzicht auf Alkohol eine der fünf Sittenregeln im Buddhismus ist. Die Stimmung ist fröhlich, beschwingt.

Was sich hier zeigt, kontrastiert sämtliche Bilder aus Myanmar, die in den vergangenen Wochen um die Welt gingen: Jene von Menschen auf der Flucht, die ausgemergelt und traumatisiert ihr Land verlassen. 500 Kilometer trennen Yangon von Sittwe, der Hauptstadt des Rakhine-Staates. Von dort sind seit Ende August mehr als eine halbe Million Rohingyas in den Nachbarstaat Bangladesch geflüchtet. Als ob Sittwe zu einem anderen Land gehört, nimmt der Alltag in Yangon seinen gewohnten Lauf. Die Polizei oder das Militär sind hier praktisch nicht zu sehen.

Deren (sichtbare) Abwesenheit fällt bereits am Flughafen auf. Argwöhnisches Bodenpersonal oder misstrauische Zöllner? Fehlanzeige. Dabei wäre es ihnen ein leichtes gewesen, mich als ausländische Journalistin ihre Macht spüren zu lassen. In den Unterlagen der Redaktion hat sich ein falsches Datum eingeschlichen. In Bangkok wollte mich das thailändische Bodenpersonal deshalb am Weiterflug nach Yangon hindern. Erst als ich unterschrieb, für sämtliche eventuellen Kosten aufzukommen, liessen sie mich an Bord. In Yangon angekommen, korrigierte der Zöllner hingegen das Datum ohne zu zögern. Von Hand. „Next please“, das wars.

Ich bin in einer Gesellschaft angekommen, die eine dezidiert andere Haltung zum Konflikt im eigenen Land und den überlieferten Gräueltaten hat als die internationale Gemeinschaft. Wiederholt wird mir erzählt: „Die Rohingyas brennen ihre Häuser selber nieder. Sie fotografieren das Feuer, stellen die Bilder in die sozialen Medien und beschuldigen uns dann dafür. Nun zeigt die ganze Welt auf uns.“ Meine burmesischen Gesprächspartner fühlen sich missverstanden und ungerecht behandelt. Sie sprechen von „Fake News“ und überbieten sich mit Erklärungen für die aktuelle Situation. Einige sprechen von „grosser Politik“, die im Hintergrund den Konflikt steuern würde. Als Beispiel wird Bangladesch angeführt, das es auf den Rakhine-Staat abgesehen haben soll. Andere fürchten, dass die Muslime bald die Mehrheit in Myanmar stellen und die Macht übernehmen würden. Es sind diffuse Ängste und krude Begründungen, die mir zugetragen werden. Erzählt von Einheimischen, die allesamt englisch sprechen und fast ausnahmslos einen Uni-Abschluss besitzen.

 Anders als sonst, bricht das Gespräch bei diesem Thema rasch ab. Bislang war mit keinem Einheimischen ein längeres, vertieftes Gespräch über die Situation im Rakhine-Staat möglich. Sichtlich unwohl antworten meine Gegenüber auf meine Fragen. Knapp und ausweichend. „Unsere Regierung wird das Problem lösen“, würgen sie eine Diskussion ab. Dabei nehmen sie den Blickkontakt wieder auf, suchen nach einem neuen Thema. In den vergangenen Tagen fiel ihnen das leicht: „Warst du schon am Lichterfest? DA solltest du hingehen.“

 

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