Ein Regenbogen spaltet ein Land

Ein Stück Stoff prägte meine erste Woche auf der Redaktion des „Georgian Journal“ in Tbilisi. Fussball-Star Guram Kashia trug dieses Stück Stoff, ein regenbogenfarbenes Armband, bei einem Spiel in Holland. Und löste damit Proteststürme in seiner Heimat Georgien aus.

Guram Kashia mit dem Regenbogen-Armband (Quelle: netgazeti.ge).

Guram Kashia ist Mitglied des Georgischen Nationalteams und Captain des Fussballvereins Vitesse Arnheim. Wie viele andere Captains holländischer Clubs streifte er sich für ein Spiel kürzlich ein Band in den Regenbogenfarben über den Arm und zeigte damit seine Solidarität mit der LGBT-Community. Dass sich Fussballspieler mit dem Erkennungszeichen der LGBT-Community auf dem Platz zeigten, war eine Idee des Niederländischen Fussballverbandes, eine Kampagne zur Unterstützung sexueller Minderheiten.

Wie die holländischen Fans auf den Regenbogen an Kashias Arm reagierten, weiss ich nicht. Was ich weiss: Hier, in seiner Heimat Georgien, hat sich der Fussballer mit seiner Solidaritätsaktion Feinde gemacht. Hasskommentare in den sozialen Medien oder die Forderung, aus dem Georgischen Nationalteam auszusteigen, waren nur der Anfang. Demonstranten zündeten Rauchbomben in Tbilisis Strassen und steckten Pride-Fahnen in Brand. Nachdem ein TV-Sender eine Diskussion über die Homophobie im Land ausgestrahlt hatte, bewarf eine rechtsnationale Gruppierung den Hauptsitz des Senders mit Hühnern.

Kundgebung von Geistlichen der Orthodoxen Kirche in Tbilisi.

Mich machte dieser Hass gegenüber Homosexuellen sprachlos. Eine Ursache dafür sah ich bald selbst. An meinem ersten Arbeitstag begleitete ich ein Fernseh-Team von „Palitra News“, dem Medienhaus zu dem „Georgian Journal“ gehört, zu einer Kundgebung von Geistlichen der Orthodoxen Kirche. Meine Arbeitskolleginnen hatten mich zuvor gewarnt, wir sollten vorsichtig sein, aber die Stimmung vor dem Gebäude des Georgischen Fussballverbandes war ruhig. Die Geistlichen hielten Banner hoch und gaben den Medien Interviews. Eine der Reporterinnen übersetzte mir, was die Demonstranten sagten: Sie beschuldigten den Georgischen Fussballverband, LGBT-Propaganda zu betreiben, sprachen darüber, dass Homosexualität nicht akzeptabel sei und allein das Engagement für LGBT-Anliegen schon eine Sünde.

Der Einfluss solcher Meinungen ist weitreichend in Georgien: Rund 80 Prozent der Bevölkerung gehören hier der Orthodoxen Kirche an. Eine Umfrage eines US-Meinungsforschungsinstituts, die in Artikeln derzeit oft zitiert wird, zeigt: 93 Prozent der georgischen Bevölkerung sind der Meinung, Homosexualität sollte nicht akzeptiert werden. Hier küsst ein Mann einen anderen Mann besser nicht auf offener Strasse: „Übergriffe gegen Personen, die sich in der Öffentlichkeit als homosexuell zu erkennen geben, können vorkommen“, warnt das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten in seinen Reisehinweisen zu Georgien.

Facebook-Post des georgischen Präsidenten Giorgi Margvelashvili.

Aber: Es gibt auch die anderen Stimmen hier. Journalisten, mit denen ich sprach, distanzierten sich deutlich von den Protesten, bezeichneten sie als „Bullshit“ oder „Reality TV“. Ein Reporter zeigte mir seine Facebook-Wall, auf der gerade ein Shitstorm tobte. Er hatte in einem Post seinen Respekt für Guram Kashia kundgetan – und wurde daraufhin selbst Zielscheibe von Beschimpfungen und Drohungen. Die meisten der Kommentare wollte er lieber nicht für mich übersetzen. Freunde rieten ihm, den Post wieder zu entfernen, aus Sorge um seinen Ruf. Er aber liess ihn da und antwortete sachlich auf alle Kommentare.

Meine Arbeitskollegen sind nicht die einzigen, die sich für Guram Kashia wehren. Tbilisis neuer Bürgermeister Kakha Kaladze, selbst ein ehemaliger Fussballer, betonte in einem Interview, es gebe ein Recht auf freie Meinungsäusserung. Dasselbe tat Georgiens Präsident Giorgi Margvelashvili in einem Facebook-Post.

Und Guram Kashia selbst? Der Fussballer äusserte sich kaum zu der Aufregung, die er ausgelöst hatte. In einem seiner wenigen Interviews sagte er: «I always support the freedom of human beings and I am always against violence. As long as you don’t harm people and are a good human being you can be anyone you want.»

Ein Stück Stoff also hat mich durch meine erste Woche begleitet. Ein Stück Stoff, das mir gezeigt hat, wie hin- und hergerissen dieses Land ist. Dazu passen diese beiden Schriftzüge, die mir in meinen ersten Tagen in Tbilisi begegnet sind. Der eine erzählt von Offenheit und Toleranz, der andere von Diskriminierung und von einem Land, das zutiefst geprägt ist von einem konservativen Glauben. 

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