Gefühlte Sicherheit

Weihnachten steht vor der Tür. Oder zumindest der Weihnachtsbaum. Genau wie bei meinem Kollegen Samuel Schumacher in Kathmandu will bei mir hier in La Paz nicht so recht Weihnachsstimmung aufkommen. Für mich ist Weihnachten etwa genauso weit weg wie die Schweiz. Die letzten Tage waren ungewöhnlich heiss für die Stadt auf über 3000 Meter über Meer. Wir hatten um die 27 Grad und obwohl Regensaison ist, regnet es kaum, was den Bauern allmählich zu schaffen macht. Jetzt hat man mir diese Weihnachtsstimmung aber schliesslich vor die Nase gesetzt: Als ich letzthin ins Büro kam, stand ein dekorierter Weihnachtsbaum vor dem Eingang.

66 % der «Paceños» fühlen sich nicht sicher

Weihnachten
Weihnachten ist für mich genauso weit weg wie die Schweiz. Jetzt hat man mir den Weihnachtsbaum vor die Nase gesetzt.

Weniger besinnlich ist das Resultat einer Umfrage unter «Paceños», wie die Einwohner von La Paz genannt werden. Die Organisation «Observatorio La Paz Cómo Vamos», die unter anderem von der NGO Solidar Suiza PADEM unterstützt wird, präsentierte kürzlich die Ergebnisse der Umfrage. 83,5 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die mangelnde Sicherheit als grösstes Problem der Stadt sehen. 2011 sahen nur 57 Prozent der «Paceños» die mangelnde Sicherheit als Hauptproblem, 2012 waren es bereits 67 Prozent. Damit ersetzt die mangelnde Sicherheit die Korruption und die wirtschaftliche Situation, welche in den Vorjahren ganz oben auf der Problemliste standen.

66 Prozent der Personen finden, dass La Paz kein sicherer Ort ist. Im Zentrum und in der wohlhabenderen «Zona Sur» fühlen sich die Leute sicherer als in den anderen Aussendistrikten. Tatsächlich hat die Kriminalität laut verschiedener Studien zugenommen. Aber die subjektive Wahrnehmung der Gewalt hängt auch mit anderen Faktoren zusammen. So wird der exzessive Konsum von Alkohol als weiteres, gravierendes Problem angesehen, was schliesslich oft zu einer höheren Gewaltbereitschaft führt. Gleichzeitig empfindet der grösste Teil der Befragten den Polizeischutz als schlecht. Dies hängt damit zusammen, dass die Leute den Institutionen, welche für die Sicherheit verantwortlich sind, nicht vertrauen.

Gravierend ist die Gewalt an Frauen. Wenige der Befragten finden, dass Frauenrechte respektiert werden. Sieben von zehn Personen geben an, eine Frau zu kennen, die schon Opfer von Gewalt wurde. Gleichzeitig gibt es aber auch ein Wissensdefizit über die Gesetzeslage und die Anlaufstellen. Nur etwa die Hälfte der Befragten kennt das neue Gesetz zur Prävention von Gewalt an Frauen, welches nach dem Mord an der Journalistin Hanalí Huaycho durch ihren Ex-Mann verabschiedet wurde (s. Blog-Eintrag «Blick in die Geschichte»).

Die «Paceños» vertrauen eher Gott als dem Staat.
Die «Paceños» vertrauen eher Gott als dem Staat.

Was die Studie ebenfalls zeigt: Die  «Paceños» vertrauen eher Gott als dem Staat. Bei der Institution, in welche sie am meisten vertrauen, geben die meisten (74,4 Prozent) die Katholische Kirche an. Darauf folgt die Stadtregierung mit (74,1 Prozent), was vor allem mit der Popularität des Stadtpräsidenten Luis Revilla zusammenhängt und nicht mit der Arbeit des Stadtparlamentes oder der Qualität der Dienstleistungen, diese schneiden deutlich schlechter ab.  An dritter Stelle stehen die Medien und erst an siebter Stelle die Regierung von Evo Morales. Die Institutionen, in welche die Einwohner von La Paz am wenigsten vertrauen, sind die Polizei (30 Prozent), die Justiz (29,2 Prozent), das nationale Institut für Statistik (27,8 Prozent) und die politischen Parteien (25 Prozent). Das Misstrauen hängt mit der Korruption und der Ineffizienz zusammen, mit welcher diese Institutionen assoziiert werden.

Ein weiteres Problem ist das Thema Gesundheit. Nur sechs von zehn «Paceños» haben Zugang zur medizinischen Versorgung und diese wird als schlecht eingestuft. Nur rund 35 Prozent der Einwohner hat eine Krankenversicherung, während die anderen 65 Prozent – die Bevölkerung, die im informellen Sektor arbeitet – nicht versichert ist.

Auch das aktuelle Transportsystem der Stadt findet wenig Zustimmung. Der Verkehr ist ein Chaos, die Strassen sind oft verstopft und je nach dem, wo man wohnt, ist es schwierig noch einen freien Platz in einem Transportmittel oder überhaupt einen Transport zu erwischen. Allerdings zeigen sich die «Paceños» hier zuversichtlich. Anfang Jahr lanciert die Stadt ein neues Bussystem, mit grossen, modernen Bussen und fixen Haltestellen. Diese bedienen vor allem die Quartiere, die bis jetzt schlecht an den öffentlichen Verkehr angebunden sind. Daneben soll der Betrieb der neuen Luftseilbahn, die El Alto mit der «Zona Sur» verbindet, ebenfalls Anfang Jahr aufgenommen werden. (Ein ausführlicher Bericht über das Verkehrssystem in La Paz folgt).

Auf der positiven Seite zeigt die Umfrage, dass 95 Prozent der Einwohner, stolz ist «Paceño» zu sein und sich mit der Stadt, die den Regierungssitz beheimatet, identifiziert. Die Umfrage wurde im Oktober 2013 unter 1000 Einwohnern durchgeführt. Das Durchschnittsalter liegt bei 39 Jahren, 52 Prozent der Befragten sind Frauen, 48 Prozent Männer.

Der Stadtpräsidne
«Wer sagt uns, dass wir soviel trinken müssen?» Der Stadtpräsident appelliert an die Verantwortung der Bevölkerung.

Der Stadtpräsident, der bei der Umfrage durchaus gut wegkommt, nahm an der Pressekonferenz auch die Bevölkerung in die Pflicht. Die mangelnde Sicherheit sei eine Herausforderung, der sich die Behörden annehmen müssten. Gleichzeitig müssten aber auch die Bürger Verantwortung übernehmen. «Wer sagt uns, dass wir so viel Alkohol trinken müssen? (bis zum Ausbruch der Gewalt)?» Gleiches gelte für das Abfallproblem. «Es gibt Orte in der Stadt, wo wir bis zu dreimal am Tag den Abfall einsammeln. Wir können die Stadt nicht in einem guten, sauberen Zustand behalten, wenn die Einwohner nicht auch selbst dazu beitragen.»

Revilla ist wortgewandt und macht einen kompetenten Eindruck. Es gibt Beobachter, die ihm in den kommenden Jahren ein nationales Profil voraussagen. Er sei durchaus ein Kandidat für die Präsidentschaftswahlen in fünf bis zehn Jahren.

Puppe zur Abschreckung Krimineller
Apropos Sicherheit: Kürzlich besuchte ich die Schweizer Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit «Swisscontact». Ihre Büros sind in Sopocachi untergebracht. Einem Quartier, das eigentlich als sicher gilt. Aber nur ein paar Blocks von «Swisscontact» entfernt, hängt eine Puppe an einer Strassenlaterne. Auf dem angebrachten Schild steht «Estamos vigilando»  – wir überwachen (diesen Ort).  Solche Puppen dienen der Abschreckung. Sie sollen Kriminellen zeigen, wie man hier mit ihnen zu verfahren gedenkt. In Bolivien existieren zwei Rechtssystem, das bürgerliche und das indigene, traditionell überlieferte Recht. In Bolivien kommt es immer wieder zu Lynchmorden. Die Bürger greifen zur Selbstjustiz. Ein paar Tage nach meiner Ankunft hier in La Paz, kam es in Sorata, einer Provinzstadt 130 Kilometer von La Paz entfernt, zu einer solchen schrecklichen Tat.

Die Puppe dient der Abschreckung.
«Wir überwachen (hier)», die Puppe dient der Abschreckung.

Der Chef einer Pizzeria wurde ermordet. Verdächtig wurden zwei junge Männer im Alter von 20 und 24 Jahren. Ob sie es wirklich gewesen sind, ist nicht klar. Aber die aufgebrachte Meute packte sich die die zwei Jungen. Der Jüngere konnte entkommen. Der Ältere wurde auf dem zentralen Platz von Sorata gehängt.

Als ich meinen Arbeitskollegen von der Puppe in Sopocachi erzähle und, dass ich eigentlich dachte, dies wäre ein sicheres Quartier, ernte ich ein kollektives «No, no es tan seguro» (Nein, es ist nicht so sicher). Und gleich darauf folgen die Beispiele. Der Chefredaktor erklärt, er wäre schon dreimal überfallen worden in Sopocachi und einmal mit dem Messer bedroht. Und ein anderer Redaktionskollege erklärt, er habe früher in diesem Quartier gewohnt und es sei eingebrochen worden. «Nirgends in La Paz ist man ganz sicher», meint schliesslich meine Chefin, ich solle stets vorsichtig sein.

Ich habe noch nicht herausgefunden, woher diese unterschiedliche Wahrnehmung kommt. Ich fühle mich in La Paz ziemlich sicher. Klar, treffe ich gewisse Vorsichtsmassnahmen. Es gibt einige Quartiere und Strassen, die ich meide. Wenn ich spät nachts nach Hause gehe, nehme ich jeweils ein Taxi und zwar nur eines der offiziellen Firma. Natürlich bin ich erst zwei Monate in La Paz und vielleicht kann ich auch von Glück reden, dass es bisher zu keinen Zwischenfällen kam. Aber auch Schweizer, mit denen ich gesprochen habe, die schon mehrere Monate oder Jahre hier leben, fühlen sich in La Paz ziemlich sicher, verglichen mit anderen Grossstädten Lateinamerikas. Dass es Kriminalität und Gewalt gibt, verneint hier freilich niemand. Eine Schweizer Soziologin, die schon einige Jahre hier lebt, meinte aber, man könne das Resultat der Umfrage auch so interpretieren: Dass die «Paceños» die mangelnde Sicherheit als grösstes Problem sehen, zeige auch, dass es kein anderes dominierendes Problem gebe.

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