Grenzerfahrungen

Die Fotografen des Daily Stars sind zwar immer noch sehr nett und witzig aber sie binden mich kaum in ihren Arbeitsalltag ein. Aufträge wollen sie mir keine geben, da ich keine festangestellte Fotografin bin. Und das Mitnehmen klappt in den meisten Fällen auch nicht. Nachdem ich mehrmals von ihnen versetzt wurde, beschliesse ich, mich selbst zu organisieren. Ich schreibe eine E-Mail an die Fotojournalistenschule Pathshala und die Fotoagentur Drik. Ein paar junge Fotografen melden sich und zeigen sich interessiert an einem Treffen und einer eventuellen Zusammenarbeit. Einer von ihnen ist Samsul Alam Helal, ein ehemaliger Pathshala  Student. Er schreibt, dass er für Übermorgen einen Trip in den Norden des Landes plant. Falls ich interessiert sei, soll ich doch am anderen Tag in der Schule vorbeikommen. Bei diesem Treffen erklärt mir Helal mit wenigen Worten sein Vorhaben. Er scheint eher schüchtern und spricht leise. Entsprechend habe ich Schwierigkeiten ihn zu verstehen. Am Ende unserer Unterhaltung weiss ich, dass er morgen mit dem Nachtbus in den Norden des Landes fahren wird. Dort will er während drei bis vier Tagen das Hindufestival Durga Puja (Bilder und Bericht Durga Puja) in einer ländlichen Umgebung fotografieren und betreffend der Grenzproblematik zwischen Indien und Bangladesch recherchieren. Auch wenn die Informationen eher spärlich sind und ich Helal kaum kenne, sage ich spontan zu, vorausgesetzt ich erhalte ein paar Freitage im Büro. Dort ist man skeptisch und hat Angst, dass mir etwas zustossen könnte, aber ich setze mich durch. Schliesslich bin ich hier, um das Land zu erleben.

Helal im Studio, wo er seine bekannteste Arbeit (Love Studio) aufgenommen hat.
Helal im Studio, wo er seine bekannteste Arbeit (Love Studio) aufgenommen hat.

Helal und ich verabreden uns am nächsten Tag, um die Bustickets zu kaufen. Als ich am ausgemachten Treffpunkt in Shahbag ankomme, frage ich mich plötzlich, ob ich ihn überhaupt erkennen werde. Denn bei unserem Treffen gestern auf dem Dach der Schule war es bereits dunkel. Da ich als Westlerin unübersehbar bin, brauche ich mir darum aber keine Sorgen zu machen. Helal führt mich in den gegenüberliegenden Park, wo wir erst mal einen Tee trinken. Es ist ein langsames aneinander Antasten. Immer wieder entstehen Gesprächspausen, zum Teil sprachlich bedingt aber auch dadurch, dass wir wohl beide nicht so recht wissen, was wir sagen sollen. Ich wüsste nur zu gerne, was er von mir denkt und ob es ihm unangenehm ist eine Bideshi (Ausländerin) bei sich zu haben. Der Gedanke, dass ich die nächsten Tage von diesem «Fremden» abhängig sein werde, amüsiert und beunruhigt mich gleichermassen. Normalerweise bestimme ich den Ablauf einer Reise selbst. Doch jetzt bin ich plötzlich nur Mitläuferin während Helal die Organisation und die Kommunikation übernehmen wird. Ob er sich der Verantwortung bewusst ist? Als Ausländerin ziehe ich immer und überall die Aufmerksamkeit der Leute auf mich, was nicht immer erwünscht ist. Kann mich Helal falls nötig aus einer heiklen Situation herausmanövrieren? Eine Antwort darauf, würde erst der Ernstfall liefern. Deshalb verdränge ich diese Gedanken lieber und konzentriere mich auf die positiven Aspekte. Denn diese Art zu reisen kann auch sehr (ent)spannend sein. Man weiss zwar nie, wie das Programm für den nächsten Tag aussieht, muss sich gleichzeitig aber auch um nichts kümmern.

Nach der Teepause beginnt unsere eigentlich Mission: Der Kauf der Bustickets. Wir fragen an verschiedenen Verkaufsstellen nach, doch die Tickets nach Lalmonirhat sind nicht überall erhältlich. Als wir die Tickets schliesslich in den Händen halten ist es bereits halb fünf und in vier Stunden fährt der Bus ab. Wenig Zeit, wenn man bedenkt, dass wir beide nochmals nach Hause müssen, um zu packen. Der Verkehr in Dhaka ist kurz vor dem Eid Festival besonders dicht und als ich in Moghbazar ankomme, bleiben mir gerade mal 30 Minuten, um zu packen.

Pünktlich erreiche ich um sieben Uhr unseren Treffpunkt in Shahbag. Helal trifft zwanzig Minuten später und ohne Gepäck ein. Die Zeit hat für ihn nicht gereicht, um zu seinem Haus in Old Dhaka zurückzukehren. Per Telefon hat er einem Freund die Packliste durchgegeben und ihn gebeten, die Sachen so rasch als möglich nach Shahbag zu bringen. Mir ist es schleierhaft, wie wir unter diesen Umständen in einer Stunde den Bus erreichen sollen. Aber Helal bleibt ruhig und trinkt Tee. Ich tue es ihm gleich, denn schliesslich habe ich oben gepriesen, wie entspannend es sein kann, sich um nichts kümmern zu müssen.

Als die Tasche schliesslich da ist, wartet das nächste Problem. Fast alle CNG’s (Autorickshaw) sind besetzt. Und jene Fahrer die frei sind, haben wegen dem Verkehrschaos kein Interesse in den Norden Dhaka’s zu fahren. Doch wir haben Glück: Einer von ihnen erbarmt sich unser und nimmt uns mit… jedenfalls so weit, bis ihm das Gas ausgeht (CNG’s sind mit Erdgas betrieben). Glücklicherweise gelingt es Helal relativ schnell, ein anderes CNG zu organisieren. Doch als wir unterwegs einen weiteren Zwischenhalt einlegen müssen, um Helal’s Laptop abzuholen, ist für mich klar, dass der Bus ohne uns abfahren wird. Helal aber meint, dass uns die Busgesellschaft vorher anrufen wird und er dann sicher noch ein wenig Zeit herausschinden kann. Wenig später kommt der Anruf tatsächlich und wir erhalten Anweisungen wohin wir fahren sollen, um zuzusteigen. Wie wir die richtige Stelle irgendwo im Halbdunkeln am Strassenrand finden, bleibt das Geheimnis von Helal und dem CNG-Fahrer.

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Es ist zehn Uhr. Der Bus hätte eigentlich vor eineinhalb Stunden abfahren sollen, aber irgendwie scheint dies hier niemanden zu stören. Um halb elf sind alle Passagiere an Bord und der Bus fährt ab. Oder zumindest die paar Meter bis der Stau anfängt. Im Stop-and-Go Modus kommen wir nur langsam voran. Es ist heiss und stickig. Die Ventilatoren fehlen entweder oder funktionieren nicht richtig. Sie geben einzig ein lautes Surren von sich, wenn der Bus über eine Bodenwelle hüpft. Entnervte Passagiere reissen die verbliebenen Ventilatoren von der Decke und werfen sie aus dem Fenster des fahrenden Busses. Auf den kurzen Strecken, auf denen es möglich ist, zu beschleunigen, wird zudem schnell klar, dass mit der Kupplung etwas nicht stimmt. Im Schritttempo fahren wir bis zum nächsten Parkplatz, wo wir alle aussteigen und auf einen Ersatzbus warten müssen. Mit noch mehr Verspätung nehmen wir die Fahrt im «neuen» Bus wieder auf. Doch immer wieder kommt der Verkehr zum totalen Stillstand. Und dann geht oft für eine oder mehr Stunden rein gar nichts mehr. Ich beobachte den Gegenverkehr. Lastwagen, die teils meterhoch mit Kies, Holz, Ziegeln oder Stahlrohren beladen sind. Und obendrauf sitzt oder schläft nicht selten eine Person. Auf den Ladeflächen anderer Laster stehen dicht zusammengepfercht Kühe. Sie werden für das muslimische Opferfest Eid in die Stadt gebracht.

Tausende von Kühen werden für das muslimische Opferfest nach Dhaka gebracht.
Tausende von Kühen werden für das muslimische Opferfest nach Dhaka gebracht.
80 Kilometer in 8 Stunden... wir hätten auch das Fahrrad nehmen können.
80 Kilometer in 8 Stunden… wir hätten auch das Fahrrad nehmen können.

Es ist bereits Tag als wir die Achtzigkilometer-Marke passieren. Acht Stunden für 80 Kilometer! Und rund 260 liegen noch vor uns. An einer der Raststätten machen wir eine Frühstückspause. Der volle Magen, die aufkommende Hitze und das Einatmen der Abgase machen mich schlapp. Den Rest der Reise verbringe ich mehr oder weniger schlafend. Eigentlich schade, denn die Landschaft mit ihren grünen Reisfeldern, den Flussläufen und kleinen Siedlungen ist wunderschön.

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Nach 14 Stunden haben wir es geschafft und treffen in Lalmonirhat ein. Später holt uns Neon, ein alter Studienkolleg von Helal, im Guesthouse ab und bringt uns zu seinem frisch eröffneten Restaurant. Wir lernen einen Teil von Neon’s Familie und Freunden kennen und verbringen den Rest des Tages bei gemütlichem Zusammensein.

Leben im Niemandsland

Während Lonely Planet Lalmonirhat überhaupt nicht erwähnt, steht im Bradt Guide Folgendes: «Unless you’re a sociologist, international relations expert, or lover of quirky destinations, there isn’t much reason to stop in this backwater district, one of the last outposts of northern Bangladesh. But if you qualify as any of the above, you’ll be surprised to learn that this remote district is home to a fascinating tale of India-Bangladesh relations.»

Bangladesch ist im Westen, Norden und Osten von Indien umgeben. Im Südosten grenzt es auf etwa 200 Kilometer Länge an Myanmar und im Süden liegt der Golf von Bengalen. Ein über 4000 Kilometer langer Stacheldrahtzaun markiert die Grenze zwischen Indien und Bangladesch. Der Bau dieser Anlage kostete Indien mehrere Milliarden Franken. Er soll verhindern, dass illegale Einwanderer und Terroristen nach Indien gelangen und umgekehrt Schmuggler Medikamente und Vieh (Kühe sind in Indien heilig und dürfen nicht geschlachtet werden. Sie sind deshalb kaum etwas wert. Auf der anderen Seite der Grenze in Bangladesch verkaufen sie sich aber sehr gut) nach Bangladesch bringen. Doch der Zaun ist nicht dicht und einige der Soldaten der BSF (Indian Border Security Force) drücken gegen ein entsprechendes Entgelt auch mal die Augen zu. Ansonsten gelten sie aber als schiessfreudig. Die Grenze zwischen Indien und Bangladesch gilt denn auch als eine der gefährlichsten der Welt. Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 1000 Toten in den letzten 10 Jahren.

Kommt dazu, dass jenseits des Grenzzauns auf beiden Seiten historisch bedingte Enklaven, sogenannte Chitmahals, vom jeweiligen Nachbarland liegen. Die Bewohner dieser Enklaven leben völlig abgeschnitten von ihrem Heimatland und haben meist keinen Pass oder Identitätskarte, da weder ihr Heimatland noch das Land, in welchem die Enklave liegt, sie als Bürger anerkennt. Um die Enklave zu verlassen und in ihr Heimatland zu gelangen, müssen sie also gleich zweimal illegal eine Grenze überqueren. In vielen Enklaven gibt es zudem weder Strom noch frisches Trinkwasser, da beide Länder es nicht zulassen, Leitungen über das Gebiet des anderen Landes zu verlegen. Dohogram-Angorpotha, die größte bangladeschische Exklave, ist immerhin durch den Tin Bigha Korridor mit dem Mutterland verbunden.

Blick über den Dharla River nach Indien
Blick über den Dharla River nach Indien
Die Idylle trügt: Die Grenzregion zwischen Indien und Bangladesch ist eine der gefährlichsten der Welt.
Die Idylle trügt: Die Grenzregion zwischen Indien und Bangladesch ist eine der gefährlichsten der Welt.

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Tod an der Grenze

Ich wusste zwar, dass Indien und Bangladesch nicht die besten Freunde sind. Wie kompliziert und absurd die Beziehung allerdings wirklich ist, wird mir erst jetzt, wo ich mich näher damit befasse, bewusst. In Lalmonirhat selbst merkt man wenig von der Grenzproblematik. Die Stadt ist ruhig, grün und friedlich. Nach dem Moloch Dhaka eine wohltuende Abwechslung.

Aussicht von unserem Guesthouse.
Aussicht von unserem Guesthouse.

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Lalmonirhat bei Nacht
Lalmonirhat bei Nacht

Als ich allerdings am nächsten Tag zusammen mit Helal und Sazu, einem lokalen Reporter und älterer Bruder von Neon, für Bilder vom Durga Puja Festival per CNG durch die umliegenden Dörfer fahre, erreicht uns plötzlich die Mitteilung vom Tod eines Bauers in der Nähe von Hatibandha. Er wurde scheinbar von der BSF (Indian Border Security Force) erschossen. Sazu versucht sofort weitere Informationen zum Vorfall zu erhalten, was wegen Netzwerkproblemen auf dem Land gar nicht so einfach ist. Wir kehren frühzeitig nach Lalmonirhat zurück, damit Helal und Sazu die weiteren Schritte planen können. Da alles in Bangla besprochen wird, bleibt mir einmal mehr nichts anderes übrig als zurückzulehnen und meinen Begleitern zu vertrauen.

Unterwegs mit Helal und Sazu.
Unterwegs mit Helal und Sazu.
Zeit für eine Teepause bleibt immer. Hier mit Sazu und Helal
Zeit für eine Teepause bleibt immer. Hier mit Sazu und Helal.

Am Sonntagmorgen nehmen wir nach dem Frühstück den Bus nach Hatibandha. Der Bus ist gestossen voll. Während Sazu und Helal stehen müssen, darf ich mich auf eine speziell für Frauen reservierte Bank neben dem Fahrer setzen. Wirklich bequem ist es nicht. Platz für die Beine gibt es kaum und bei jeder Bodenwelle drohe ich zwischen die Bankreihen zu fallen. Trotzdem geniesse ich die wilde Fahrt. In Hatibandha angekommen wird erst mal Tee getrunken. Um zu wenig Essens- oder Teepausen kann ich mich bei meinen Begleitern wahrlich nicht beklagen. Auch wenn beide extrem dünn sind, essen sie wie die Weltmeister. Während ich Mühe habe meinen Teller Reis zu bodigen, schaufeln Helal und Sazu gleich eineinhalb oder zwei Teller rein.

Von Hatibandha aus fahren wir mit einem CNG zur Familie des getöteten Bauers. Dort ist die halbe Verwandt- und Nachbarschaft zusammengekommen und schaut mich nun verwundert und neugierig an. Sofort wird ein Stuhl organisiert, auf den ich mich setzen muss. Ich komme mir sehr merkwürdig vor. Eigentlich geht es hier um das Leid einer Familie und trotzdem ist nun alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Helal befreit mich aus dieser Situation und nimmt mich mit in ein nahegelegenes Haus, wo er mit einem bangladeschischen Grenzwächter spricht. Natürlich folgen mir die Leute auch hierhin. Die Schaulustigen bilden einen Halbkreis um das Bett auf dem wir sitzen und weitere Leute schauen zu den Fenstern und anderen Ritzen in den Wänden rein. Im Halbdunkeln des Raumes erzählt der bangladeschische Soldat was vorgefallen ist. Sein Gewehr hat er dabei über die Knie gelegt und immer wieder lehnt er sich im Schneidersitz nach vorn, um durchs Fenster zum indischen Grenzzaun zu schauen. Ein tolles Bild, doch leider wollen die Soldaten nicht fotografiert werden.

Hier in der Nähe wurde der Bauer erschossen.
Hier in der Nähe wurde der Bauer erschossen.
Verwandte und Nachbarn des Getöteten.
Verwandte und Nachbarn des Getöteten.

Helal fasst später die Informationen des Soldaten für mich zusammen. Demnach ist dem Bauer ein Kalb entlaufen. Beim Versuch es einzufangen, ist er ins Kreuzfeuer der BSF geraten. Die BSF wird später sagen, der Bauer sei an Viehschmuggel beteiligt gewesen. Als wir später hinter das Haus des Bauers gehen, sehen wir die Mutterkuh und ihr Kalb. Was für ein sinnloser Tod. Doch leider eine alltägliche Gefahr, mit der die Bewohner an der Grenze leben müssen. Denn längst nicht alle, die die BSF tötet, gehören Schmugglerbanden an oder sind Terroristen oder illegale Einwanderer. Immer wieder trifft es auch unschuldige Opfer, die zu nahe an oder unwissentlich gar über die Nulllinie, wie die Grenze genannt wird, kommen. Denn der Zaun muss gemäss einem Abkommen zwischen den beiden Ländern rund 135 Meter innerhalb der indischen Grenze liegen. Das führt zu weiteren absurden Situationen. So liegen einige Felder von indischen Bauern jenseits des Zaunes. Sie müssen also, um ihre Felder zu bestellen, täglich die Grenze passieren. Auf der anderen Seite arbeiten sie friedlich Schulter and Schulter mit den bangladeschischen Bauern, bevor sie am Abend durch ein Tor im Zaun wieder nach Indien schlüpfen.

Wir befinden uns immer noch bei der Familie des getöteten Bauers und werden nun zu seinen engsten Angehörigen vorgelassen. Die junge Ehefrau sitzt in einer einfachen Hütte. Als wir die Hütte betreten fängt sie an zu weinen. Ein paar Angehörige zerren zudem ihre beiden drei- und sechsjährigen Söhne zu ihr, damit wir ein möglichst dramatisches und herzzerreissendes Bild machen können. Doch ich fühle mich in diesem Moment einfach nur fehl am Platz und lasse meine Kamera in der Tasche. Auch dann als ich draussen vor der Hütte die Mutter antreffe, die sich an der Wand festkrallt und ihren Kummer laut herausschreit. Als Sazu und Helal ihr Material gesammelt haben, lassen wir die Familie einen Moment alleine.

In einem nahegelegenen Dorf machen wir eine Teepause. Ich müsste eigentlich auch mal auf die Toilette, die gibt es in diesem Restaurant allerdings nicht. Helal fragt bei einer Familie auf der anderen Strassenseite nach und sie erlauben mir ihre Toilette im Garten zu benutzen. Als ich fertig bin, hat sich die Neuigkeit bereits herumgesprochen. Die ganze Familie sowie die Nachbarn haben sich vor dem Haus versammelt, um die Ausländerin zu sehen.

Bei dieser Familie darf ich die Gartentoilette benutzen.
Bei dieser Familie darf ich die Gartentoilette benutzen.
Einfaches Leben auf dem Land
Einfaches Leben auf dem Land

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Eine wunderschöne, gütige Frau. Wir verstehen uns auch ohne gemeinsame Sprache.
Eine wunderschöne, gütige Frau. Wir verstehen uns auch ohne gemeinsame Sprache.
Die Nachbarschaft kommt zusammen, um die Ausländerin zu sehen.
Die Nachbarschaft kommt zusammen, um die Ausländerin zu sehen.

Als der Leichnam des Bauers auf der Ladefläche eines Jeeps von der Obduktion in Lalmonirhat eintrifft, kehren wir nochmals zur Trauerfamilie zurück. Die Leiche ist in ein blutgetränktes Tuch gehüllt und dieses wiederum in eine blaue Plastikplache. So wird sie auf ein Bettgestell aus Holz, welches man nach draussen gebracht hat, gelegt. Irgendjemand öffnet den Sack und das Tuch, damit der Kopf und die Brust des Toten sichtbar werden. Ich halte mich im Hintergrund, werde aber von den Anwesenden in die erste Reihe gezerrt. Trotzdem verzichte ich auch hier auf ein Bild.

Es ist Zeit für uns zu gehen. Das CNG bringt uns zurück nach Hatibandha. Die Landschaft ist malerisch, verschwindet aber schon bald in der Dunkelheit. Zeit für jeden von uns den eigenen Gedanken nachzuhängen. Ich frage mich, was aus der Witwe und ihren beiden Söhnen wird. Wie kann sie für deren Lebensunterhalt sorgen? Und ich frage mich, ob es richtig war keine Fotos zu schiessen. Wäre es als Fotojournalistin nicht meine Aufgabe gewesen? Ja, werden wahrscheinlich die meisten sagen und ja, sagen später auch meine Kollegen vom Daily Star. Sie sagen mir, als Fotojournalist sollte man sich nie von den Emotionen hinter den Bildern und Geschichten einholen lassen, sondern bloss die News sehen. Ich bin auch dafür, dass solche Geschichten erzählt und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Doch ich finde nicht, dass man dafür eine Nahaufnahme vom blutüberströmten Leichnam und der weinenden Ehefrau und ihren Kindern zeigen muss. Hier in Bangladesch sieht man solche Bilder jedoch täglich in den Zeitungen.

Hätte ich mich mit den Leuten verständigen und mehr über die Hintergründe erfahren können, vielleicht hätte ich mich dann eher getraut, das eine oder andere Bild zu machen. Jene Bilder die mich aber so interessierten, waren nicht erlaubt. Ich durfte zum Beispiel keine bangladeschischen Grenzsoldaten und auch nicht in Richtung des indischen Grenzzauns fotografieren. Auch ohne Bilder auf der Speicherkarte nehme ich viel von diesem Tag mit.

Nach einer weiteren Stunde Busfahrt sind wir zurück in Lalmonirhat, wo Helal und ich in einem Teashop landen. Bei einer Tasse Tee lernen wir einen Lehrer und einen Polizisten kennen. Sergeant Moshiur ist anfangs nicht sehr gut gelaunt. Er hat heute erfahren, dass er während Durga Puja und dem Eid Festival arbeiten muss. Die Unterhaltung mit uns heitert ihn aber sichtlich auf. Er fragt mich, ob ich den Flughafen von Lalmonirhat sehen möchte. Ich habe heute schon einmal von dem angeblich grössten Flughafen Asiens gehört, und bin deshalb nicht abgeneigt ihn mir anzuschauen. Als der Sergeant allerdings sagt: «Okay, let’s go!», bin ich etwas perplex. Eine Sightseeing-Tour bei Nacht macht wohl kaum Sinn. Doch der Sergeant lässt diesen Einwand nicht gelten. So machen wir uns zu viert (Helal, der Lehrer, der Sergeant und ich) im Auto des Sergeants auf zum Flughafen. Als Polizist werden ihm dort die Tore geöffnet und wir können eine Runde auf dem Runway drehen. Der Flughafen wurde von den Briten gebaut und von ihnen ihm zweiten Weltkrieg benutzt. Vom Flughafen geht es zum Bahnhof, von dort zur Police Line, wo rund 400 Polizisten wohnen, und schliesslich wieder zurück ins Zentrum. Der Lehrer verabschiedet sich von uns, doch für den Sergeant scheint die Nacht erst zu beginnen. Er fährt mit Helal und mir zum Park, wo ein Monument an die Freiheitskämpfer erinnert. Am liebsten würde er uns auch noch eine Moschee zeigen, aber zu der hat selbst der Herr Polizist nachts keinen Zutritt. Dafür nimmt er uns mit zum Gefängnis. Vom Dach des Hauses des Gefängnisdirektors können wir die Anlage überblicken. Der Gefängnisdirektor lädt uns für einen Tee in seine Wohnung ein. Doch ich merke, wie Helal müde wird und bitte den Sergeant uns zum Guesthouse zu fahren. Beim Abschied versucht der Sergeant erfolglos meine Telefonnummer zu erhalten. Als Polizist weiss er sich aber auch anders zu helfen. Am nächsten Morgen schickt er einfach einen seiner Untergebenen in unser Guesthouse, um uns für eine Tasse Tee in seinem Büro abzuholen. Das ist doch mal was anderes, wenn am Morgen plötzlich ein Polizist in Vollmontur vor der Hoteltüre steht und einen abführen will.

Der Bahnhof von Lalmonirhat
Der Bahnhof von Lalmonirhat
Abfallentsorgung auf bengalisch. Der Sergeant in seinem Büro.
Abfallentsorgung auf bengalisch. Der Sergeant in seinem Büro.

Eigentlich wollten wir noch eine Nacht länger in Lalmonirhat bleiben, doch wir haben kein Geld mehr. Und in der ganzen Stadt (immerhin über 55000 Einwohner) gibt es gerade mal einen Bankautomaten und dieser funktioniert momentan nicht. So kommt es, dass wir nach einem Ausflug zu einer Durga Puja Feier (Bilder und Bericht Durga Puja) in Moghulhat noch am selben Abend abreisen müssen. Obwohl wir nur kurze Zeit hier waren, haben wir ein paar Freundschaften geschlossen. Entsprechend stressig wird der Abschied. Wir trösten uns damit, dass wir hoffentlich schon bald wiederkommen werden. Falls es die politische Situation zulässt, wollen Helal und ich Anfang November für Kali Puja wieder nach Lalmonirhat fahren. Denn dann ist es den Leuten auf beiden Seiten der Grenze erlaubt an den Grenzzaun zu gehen und mit ihren Verwandten und Freunden auf der anderen Seite zu sprechen (Leider kommt alles anders… s. Bericht: «Pechsträhne in Lalmonirhat»).

Die Rückreise mit dem Nachtbus dauert nur elf Stunden. Vor Dhaka kommt es aber wieder zum Stau. Dieses Mal weil tausende von Leuten die Stadt fürs Eid Festival verlassen und in ihre Dörfer zurückkehren. Die Busse, die uns entgegenkommen sind bis aufs Dach mit Menschen vollgepackt. Auch wenn das Busfahren in Bangladesch als ziemlich gefährlich gilt (schlechte Strassen, alte Busse und verrückte Fahrweise), liebe ich es. Ich empfinde es als entspannend in die alten Sitze zurückzulehnen und sich allem was kommen mag, einfach hinzugeben, während draussen die Landschaft vorbeirauscht. Freiheit total…

Während die Kühe fürs Eid Festival in die Stadt gebracht werden...
Während die Kühe fürs Eid Festival in die Stadt gebracht werden…
...verlassen die Leute diese und kehren zu ihren Familien in den Dörfern zurück.
…verlassen die Leute diese und kehren zu ihren Familien in den Dörfern zurück.

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