Heimat, fremde Heimat

Wie es sich anfühlt, sich plötzlich in einer völlig anderen Welt und in einer beruflich schon längst vergessenen Position wiederzufinden.

Hoch oben über den Dächern Kathmandus, auf der Terrasse, da sitze ich.

Ich lausche den mir grösstenteils noch ungewohnten Klängen. Zumindest in dieser Kombination sind sie mir noch nicht vertraut. Ich höre ein Hämmern, von links und von rechts, rundherum immerwährendes Autohupen, Hundegebell von nah und fern.

Über den Dächern Kathmandus
Über den Dächern Kathmandus.

Die Blumen auf der Terrasse: Sie tanzen im Wind, ganz leicht. Der Wind macht die spätsommerliche Hitze erträglich.

Da! Wieder steigt ein Drache auf, hinter dem übernächsten Haus. Farbig – blau, gelb, grün – ruckelt er durch die Luft. Ich schliesse die Augen wieder. Mein Gesicht der Sonne zugewandt.

Die Wärme gibt mir ein wohliges Gefühl hier in der Fremde. Angekommen ist erst mein Körper. Mein Geist hat Verspätung.

Wieder riecht es nach etwas verbranntem. Dann wieder nach Abgasen. Die Luft Kathmandus ist derzeit aber vermutlich so rein wie schon lange nicht mehr. Und bestimmt wäre es auch lauter, hätte Indien nicht vor einigen Tagen die Grenzübergange nach Nepal blockiert. Seither fehlt es hier vor allem an Treibstoff.

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Behälter mit Trinkwasser werden knapp. ©ekantipur

Nepal, eines der ärmsten Länder der Welt, leidet derzeit zusätzlich. Zu den fast schon stündlichen Stromausfällen kommen nun kilometerlange Schlangen vor den Tankstellen dazu. Viele Schulbusse fahren nicht mehr. Die Taxipreise haben sich innert Tagen vervielfacht. Und es gibt schon erste Befürchtungen, dass als Folge der Handelskrise mit Indien auch Nahrungsmittel und Trinkwasser knapp werden könnten.

Ich werde mir wohl ein Velo mieten, um zur Redaktion der „Kathmandu Post“ zu gelangen, mein neues journalistisches Zuhause. Dort hatte ich vor paar Tagen einen schweren Einstand. Vom Chefredaktor zum Praktikanten: das geht ja noch, darauf war ich vorbereitet.

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Fahrzeuge stehen Schlange für Treibstoff, darunter auch ein Bus mit Ziege auf dem Dach. ©ekantipur

Alle sind zwar sehr freundlich und hilfsbereit. Aber eine falsche Handbewegung oder eine sarkastische Bemerkung im falschen Moment, kann sehr schlecht ankommen. Oder meine ich das nur? Und ist alles gar nicht so anders als bei uns?

Jedenfalls ist das Englisch meiner nepalesischen Arbeitskolleginnen noch sehr gewöhnungsbedürftig. Und wegen der permanent offenen Fenster ist es sehr laut in den provisorischen Redaktionsräumen (das eigentliche Gebäude ist seit dem schweren Erdbeben vom 25. April nicht mehr nutzbar). Oft muss ich mehrmals nachfragen, da komme ich mir schon sehr dumm vor.

Aber auch daran werde ich mich wohl gewöhnen. Denn auch das ist Teil meines neuen Alltags, meines neuen Lebens.

Ich schliesse die Augen.

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