How my story died

Die Geschichte gab auf der Redaktion einiges zu diskutieren: “Shoes from Switzerland” titelten verschiedene Zeitungen Ende Oktober und berichteten kurz über den offiziellen Festakt vom 27. Oktober, an dem die angereisten Vertreter von Globotrek und LOWA der nepalesischen Organisation Kathmandu Environmental Education Project (KEEP) rund 1’200 Paar Schuhe übergeben wollten. Kurz zum Hintergrund: Die drei Schweizer Unternehmen Globotrek, Transa und LOWA haben im April an verschiedenen Orten in der Schweiz gebrauchte Wanderschuhe gesammelt mit dem Ziel, möglichst viele noch brauchbare Schuhe nach Nepal zu verschiffen. Hier sollten die Schuhe an Träger und Guides abgegeben werden. Ein sinnvolles Projekt, da viele Nepalesen das ganze Jahr hindurch mit völlig unzureichendem Schuhwerk im Himalaya umherklettern.

Zu reden gab die Geschichte aus zwei Gründen: 1) Es stand das Gerücht im Raum, die Schweizer hätten nicht berücksichtigt, dass ihre Füsse im Schnitt gute vier Nummern grösser seien als jene der Nepalesen. Sprich: Die eingeflogenen Schuhe seien allesamt viel zu gross. 2) Die Schuhe waren bei unserem Besuch bei KEEP am 2. November noch immer nicht an ihrem Bestimmungsort eingetroffen, obwohl die offizielle Übergabe damals bereits eine Woche zurücklag. Verdächtig, dachten wir. Mit dem Drang eines investigativen Entlarvungs-Reporters machte ich mich am vergangenen Dienstagnachmittag auf ins Hotel Shangri La im Norden der Stadt und traf mich mit Globetrotter-Reiseleiter Daniel Jacot und LOWA-CEO René Urfer zum Gespräch. Die beiden waren eben von einer Nepal-Rundreise zurückgekommen und hatten vor ihrem Rückflug netterweise eine Stunde Interview-Time für mich freigeschaufelt.

Ergebnis des Gesprächs: Die drei Firmen welche die Schuhsammelaktion initiiert hatten dachten selbstverständlich an die unterschiedlichen Schuhgrössen und haben die eingesammelten Schuhe vor ihrem Versand fein säuberlich aussortiert. LOWA hat jeden einzelnen Schuh repariert (falls nötig) und obendrauf noch rund 200 Paar nigelnagelneue Paar Schuhe beigesteuert. Jene gebrauchten Wanderschuhe, die zu gross waren für nepalesische Füsse, wurden für ein Hilfsprojekt in Litauen bereitgemacht. Erste Komponente der kleinen Sensationsgeschichte tot. Die Tatsache, dass die Schuhe bis heute nicht bei KEEP eingetroffen sind, ist einem Gesetz der nepalesischen Übergangsverfassung zu verdanken, das besagt, dass keine Gebrauchtwaren ins Land importiert werden dürfen – mit Ausnahme von Medizinalgeräten und Solarpanels. Sinn dieses Gesetzes ist es, die lokalen Märkte gegen günstige Importe zu schützen. LOWA, Transa und Globetrotter haben sich aber eine Menge Mühe gemacht und arbeiten derzeit mit dem Tourismus-Minister, dem obersten Zollverantwortlichen Nepals und der Schweizer Botschaft an einer Spezialregelung. Diese wird voraussichtlich in den nächsten Tagen in Kraft treten. Die Schuhe sind also unversehrt in Nepal eingetroffen, haben aber einfach noch eine kleine Zollhürde zu nehmen. Zweite Sensationskomponente tot. Und somit wird das nichts mit dieser kleinen Geschichte über eine “good intentions gone wrong”-Aktion. Kommt dazu, dass LOWA, Transa und Globetrotter die lokale KEEP Organisation über die nächsten fünf Jahre mit rund 30’000 US Dollar unterstützen, um einen guten Miet- und Reparaturservice für die lokalen Sherpas garantieren zu können. An dem Projekt ist definitiv nichts auszusetzen. Im Gegenteil. Chapeau vor den Initianten.

Tihar, Downhill und Guaves

Sonnenaufgang in Nagarkot
Sonnenaufgang in Nagarkot

Gestorben ist im übrigen nicht nur meine kleine Schuhgeschichte, sondern auch meine Hoffnung auf die angekündigten “glühenden Gipfel in der Ferne”. Meine beiden Tihar-Freitage habe ich für einen Velo-Ausflug nach Nagarkot genutzt. Die kleine Stadt auf einem Hügelkamm nordwestlich von Kathmandu ist berühmt für ihre fantastischen Bergpanoramen und Ausblicke. Ich habe mir ein Zimmer mit Fensterfronten auf drei Seiten gebucht in der Hoffnung, am frühen Morgen in einem warmen Bett liegen und auf ein umwerfend glühendes Himalaya-Panorama hinausschauen zu können. Das Zimmer war genial, der ruhige Leseabend auch. Aber der frühmorgendliche Blick aus dem Fenster gab nichts als ein orange-gelbliches Geschmiere am fernen Horizont preis. Viel zu viel Nebel, Dunst und Wolken. Ich habe keinen einzigen Gipfel ausmachen können. Anyway, I’ll do it again!

Rapsfelder im bäuerlichen Hinterland Kathmandus.
Rapsfelder im bäuerlichen Hinterland Kathmandus.

Die kurvige Downhillfahrt über schottrige Landstrassen zurück nach Kathmandu war den Ausflug wert. Auf meiner Fahrt durchs Hinterland des “Valleys” traf ich auf eintönige Wahlplakate, linguistische Fehlgriffe, boomende Bauzonen und eine junge Bäuerin, die mir strahlend drei Guaves in die Hand drückte und “Happy Tihar” wünschte.

bandah setzt Kathmandu Matt

Doch, Tihar ist vorbei, und der Ernst des nepalesischen Alltags macht sich wieder breit in den Strassen der Stadt. Am kommenden Sonntag beginnt der von den CPN-Maoisten ausgerufene zehntägige landesweite “bandah”. Die CPN-Maoisten, die die Wahlen am 19. November boykottieren und verhindern wollen, dass überhaupt abgestimmt werden kann, werden im ganzen Land ihre Truppen aufstellen und sicherstellen, dass sich keine Autofahrer auf die Strassen wagt, dass kein Ladenbesitzer seine Türen öffnet und dass kein TukTuk seine Runden dreht. Unklar ist, wie lange der bandah von den Maoisten aufrecht erhalten werden kann. Die meisten hier meinen, dass sich die Öffentlichkeit nach spätestens drei Tagen gegen die Maoisten erheben und ihre Anweisungen, zuhause zu bleiben, nicht länger beachten wird. Beim Lunch im “Heaven Foods” haben wir heute über unsere persönlichen bandah-Strategien diskutiert: Weena will sich als japanische Touristin tarnen und mit ihrer Kamera und stetigen “Ooooh, Konnichiwa, TSCHI, TSCHI, Ooooh…”-Tönen vorsichtig durch die Innenstadt schlendern. Darshan will den weiten Weg zur Arbeit zu Fuss gehen, auch wenn das mehrere Stunden dauern kann. Pranaya wird den bandah für ein paar gemütliche Freitage nutzen und ich brauche mir eh keine Sorgen zu machen, so der Tenor meiner Kollegen: “You’re white, and the Maoists are not stupid!”

Die geschundenen Strassen der Stadt werden es den Maoisten danken, dass sie Kathmandu für ein paar Tage lahm legen. Ein bisschen autofreie Erholungszeit wird den löchrigen Pisten hier gut tun. Ein besonders übel zugerichtetes “Exemplar” habe ich auf meinem Nachhauseweg vom LOWA/Globetrotter-Interview in Lazimpat entdeckt. Das Road-Widening Project der Regierung ist hier noch im vollen Gange. Ziel des Projektes ist es, die Hauptstrassen der Stadt um ca. vier Meter zu verbreitern, damit sich die Blechlawinen ungestört durch die Quartiere ergiessen können und sich nicht mehr ewig lange stauen. Dazu wurden an verschiedenen Orten in der Stadt ganze Häuserzeilen abgerissen und bestehende Wohnblöcke demoliert. An manchen Stellen kann man den Leuten noch heute in die aufgerissenen früheren Wohnräume schauen.

What’s next: Indische Sklaven, ein Berg voller Räuberbanden und ein weisser Mann…

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