Im Bermudadreieck der Entwicklungshilfe

Bian und Tai sind professionelle Zweifler. Im Auftrag der Deza reisen die zwei vietnamesischen Berater in die entlegendsten Gebiete von Laos, um Hilfsprojekte zu evaluieren. Ich bin zwei Wochen mitgereist.

Achtung, gleich kommen mehr Abkuerzungen, als im Wirtschaftsteil der NZZ. Das ist so in der Entwicklungsindustrie. Man spricht und schreibt vorwiegend in Kuerzeln, die ihrerseits aus kryptischem Sozial-Management-Kauderwelsch bestehen. Ich habe schon ein ganzes Notizbuechlein gefuellt mit diesem Entwicklungs-Volapueck. Ein durchschnittliches Beispiel: “The VNPA (Village Needs Prioritization Assessment) was not in compliance with the CDD (Community Driven Development)-Guidelines of PRF (Poverty Reduction Fund), hence the social inclusion process could not be followed as proposed by the SDC (Swiss Agency for Development and Cooperation).” Das ganze erhält endgültig einen babylonischen Touch, wenn man die Akzente der Internationalen hinzurechnet, deren Muttersprache ja oft nicht Englisch ist. Man muss also recht genau hinören, um zu verstehen, wovon die Rede ist. Momentan kommt es mir sogar so vor, als muesste dieses Entwicklungschinesisch beherrschen, wer in Laos etwas werden will. Jedenfalls ist diese Sprache im Alltag von vielen Auslaendern, die hier leben, wichtiger als ein paar Brocken Lao. Und die Entwicklungsindustrie ist riesig. Hunderte Organisationen, staatliche und nichtstaatliche, saeumen den Strassenrand der Hauptstadt Vientiane. Nicht-staatliche Organisationen (NGO) haben heute einen eher schlechten Ruf, denn nicht selten waren so manch gut gemeinte Projekte in der Vegangenheit zu wenig durchdacht, setzten falsche Anreize und am Schluss waren eingesetzte Mittel für die Katz, oder noch schlimmer: Fuer die Taschen der korrupten Behörden.

NGO war gestern

Seit ein paar Jahren ist zu beobachten, dass sich viele nicht-staatliche Organisationen nicht mehr so nennen, sondern ihr Kürzel zu „NPA“ geändert haben. Kurz fuer: Non Profit Association. „Eine Reputations-Massnahme”, erklärte mir die Leiterin einer Kinderhilfs-NPA, auf deren Empfang ich eingeladen war. Darüberhinaus aber sei Zweck und Funktionsweise dieser Organisationen dieselben geblieben. Empfaenge gibt es in Vientiane woechentlich. Ich koennte jeden Abend an zwei gehen und mich quer durch das Fingerfood-Buffet fressen. Was ich natuerlich nicht mache. Ich nehme eine Nudelsuppe zu mir und gehe frueh zu Bett.

Die diversen Organisationen, die sich um die Entwickung dieses Landes, seiner Leute, seiner Tiere, seiner Umwelt und so weiter kuemmern, sind mehrfach kartographiert worden. Ich selbst bin im Besitze einer derartigen Strassenkarte von Vientiane. Sie ist aeusserst hilfreich, wenn man hier fremd ist. Wenn ich zum Beispiel irgendwo hinfahre, orientiere ich mich an den Landmarken der internationalen Entwicklungsindustrie: “Bei der Welthungerhilfe links runter, an der WWF vorbei bis zur Weltbankniederlassung, dann rechts bis zur AussieAid…” und so weiter.  Gute Wegmarken sind auch die laotischen Ministerien. Das sind die grossen Häuser mit Giebeldächern, davor parkieren ganze Armadas von nigelnagelneuen Geländewagen: Range Rover, Porsche Cayenne, Hummer. (Viele Laoten sehen in der steigenden Zahl der Luxuskarrossen einen Gradmesser für die Korruption.) Gegen Abend orientiere ich mich zusätzlich an der Sonne, ohne Witz, denn sie verschwindet jeden Abend zuverlaessig als feuerroter Ball am Horizont hinter dem Mekong, wird also quasi vom kapitalistischen Nachbarn Thailand verschlungen. Ein grosses Spektakel fuer romantische Seelen.

Eine Prise Demokratie im kommunistischen Staat

Jedenfalls hatte ich in den letzten Wochen Gelegenheit fuer einen intensiven, wenn auch sehr punktuellen Einblick in die Entwicklungszusammenarbeit. Durch einen Glücksfall bin ich zwei ziemlich bemerkenswerten Persönlichkeiten aus der Beraterwelt Entwicklungsbranche begegnet: Tai und seine Partnerin Bian haben sich bei einer öffentlichen Ausschreibung der Deza durchgesetzt und evaluieren nun die Projekte des PRF (Poverty Reduction Fund), der mit Schweizer Steuergeldern (23 Millionen seit 2010) unterstützt wird. Nur die Weltbank hat mehr Geld in den Fund investiert als die Schweiz.

Die grundlegende Idee von PRF ist, Massnahmen zur Reduktion von Armut, die in den letzten Jahren bereits signifikant abgenommen hat, auch in die entlegensten Regionen von Laos zu bringen. Dabei geht es vor allem um den Aufbau von Infrastruktur. In Laos hat sich gezeigt, dass ethnische Minderheite sowie Frauen und Menschen mit Behinderung am wenigsten von Entwicklung und wirtschaftlichem Erfolg des Landes profitieren. Die ethnischen Minderheiten, die (je nach Quelle) bis zu 50 Prozent der laotischen Bevölkerung ausmachen, leben oft in der Abgeschiedenheit des mit dichtem Urwald überzogenen Hochlands. Es fehlt ihnen dort an den grundlegendsten Dingen wie Wasserversorgung und Elektrizität, von Bildung nicht zu sprechen. Viele können weder lesen noch schreiben und sind der laotischen Sprache nicht mächtig. Die Deza hat sich wohl auch deshalb für die Unterstützung des PRF entschieden, weil dieser einen von der Weltbank vorgeschlagenen Ansatz verfolgt, um so genannt vulnerable Gruppen besser in die Gesellschaft zu integrieren. Dieser Ansatz nennt sich Community Driven Development, kurz CDD, und er verhält sich konträr zur offiziellen Politik der laotischen Regierung: CDD will Entwicklung nicht von „oben“ diktieren, sondern von „unten“ organisieren und entscheiden.

Die Umsetzung dieses Konzepts sieht im Idealfall so aus: Die Dorfbewohner diskutieren und entscheiden in Versammlungen über anstehende Investitionen. Laut offiziellen Regeln haben sie auch die Budgethoheit. Die Abstimmungsresultate sind aber nur gültig, wenn mindestens 50 Prozent der Dorfbewohner anwesend sind, davon mindestens 40 Prozent Frauen. Dazu gilt die Bedingung, das von jedem Haushalt mindestens ein Vertreter anwesend sein muss. In ethnisch-heterogenen Dörfern müssen die ethnischen Gruppen gemäss ihrem Anteil an der Dorfbevölkerung repräsentiert sein. Fällt ein Abstimmungsergebnis knapp aus, wird das Projekt, das überwiegend von den Frauen gutgeheissen wurde, realisiert.

Spion an Bord

Man kann sich vorstellen, dass diese Art von Mikro-Demokratie auf Gemeindeebene von einem kommunistischen Kleinstaat wie Laos äusserst misstrauisch beäugt wird. Die laotische Regierung jedoch, wie in sovielen Fällen, beweist auch hier Sinn für Pragmatismus. Immerhin geht es um eine Stange Geld. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie gefährlich es in Laos ist, sich für mehr Autonomie der Gemeinden einzusetzen. Dies zeigt etwa der Fall von von Aktivist Sombath Somphone, der sich zuletzt für mehr Mitspracherechte der Landbevölkerung eingesetzt hatte. Er verschwand vor zwei Jahren ohne jede Spur. Dass er zuletzt dabei gesehen wurde, wie er von einer Polizeipatrouille in Vientiane gestoppt wurde, laesst nichts Gutes erahnen.

Die zwei Fragen also, welche die eingangs erwaehnten Consultants beantworten müssen, lautet: 1. Hält sich RF und die laotischen Behoerden an die Vorschriften und lässt die Dorfbewohner selbständig ueber Infrastrukturprojekte entscheiden? 2. Werden auch die Minderheiten und die Frauen in die Entscheidungsprozesse einbezogen?

Zur Beantwortung dieser Fragen reiste ein Team aus Consultants und Uebersetzern in die entlegenen Gebiete, die von PRF finanzierte Infrastrukturprojekte erhalten hatten. Bian* und Tai*, die beiden Consultants, waren ganz offensichtlich irritiert, dass die Deza eine Journalistin mit auf die Mission schickte. Ihre höfliche, aber steife Art liess durchscheinen, was sie von mir dachten: Nämlich, dass ich eine Art Spion bin.

Werte Leserschaft, ich muss diesen epischen Blogeintrag zweiteilen. Im zweiten Teil erfahren Sie, wie die Spionin enttarnt wurde.

*Die richtigen Namen habe ich durch populäre, vietnamesische Vornamen ersetzt

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