Im Zentrum der Macht

Auf dem Weg zur Arbeit stürmt eine wütende Meute auf das Sammeltaxi zu, in dem ich sitze. Der Fahrer gibt Gas, wir entkommen. An diesem Tag streiken die Trufistas, das sind die Chauffeure der Sammeltaxis, den sogenannten Trufis. Die Kollegen sind deshalb ziemlich sauer darüber, dass dieser Trufista sich nicht solidarisch zeigt und am Streik teilnimmt. Ich bin an diesem Morgen nichts ahnend in das Trufi gestiegen, habe mich nur gewundert, dass es nicht wie üblich voll ist.

Wer ins Zentrum will, muss zu Fuss gehen. Die Trufis blockieren die Strasse.
Wer ins Zentrum will, muss zu Fuss gehen. Die Trufis blockieren die Strasse.

Am Nachmittag kann ich den Direktor von «Página Siete» Juan Carlos Salazar und die Subdirektorin, Isabel Mercado, an ein Interview mit einem Minister begleiten. Diese findet im Zentrum der Macht statt, im Präsidentenpalast, wo der Minister sein Büro hat. Ich bekomme also die Gelegenheit den «Palacio de Gobierno» von innen zu sehen. Wir müssen uns zu Fuss durch die Innenstadt kämpfen, vorbei an den geparkten Trufis, welche bei ihrem Streik die Strassen des Zentrums blockieren.

Meine beiden Chefs sind spürbar nervös. Selten werden sie von einem Minister für ein Interview eingeladen da, wie bereits öfters erwähnt, die Zeitung als regierungskritisch gilt.

Der Minister ist sehr nett und offen. Er spricht ohne Seitenhiebe auf die Zeitung. Im Anschluss an das Interview gibt er uns sogar noch eine private Führung durch die geschichtsträchtigen Räume des «Palacio de Gobierno». Im Volksmund ist er auch bekannt als «Palacio Quemado», der verbrannte oder brenzlige Palast. Mitte des 19. Jahrhunderts war Bolivien geprägt von Unruhen und Aufständen. Bei einem der zahlreichen Aufstände wurde der Präsidentenpalast 1860 beinahe niedergebrannt.

Der Regierungspalast brannte 1860 fast ganz nieder.
Der Regierungspalast brannte 1860 fast nieder.

Meine Chefs sind mehr oder weniger zufrieden mit dem Interview. Wie erwartet, gibt der Minister meistens offizielle, vorgefertigte Antworten und weicht kritischen Fragen aus. Ein paar inhaltlich interessante Aussagen macht er dennoch. Dem Direktor von «Página Siete» ist es aber vor allem wichtig, dass sie sich überhaupt mit dem Minister treffen können. «Wir wollen, dass die Blockaden und ständigen Attacken gegen uns endlich aufhören», erklärt mir Salazar im Anschluss bei einem Kaffee. «Página Siete» sucht die Zusammenarbeit mit den Behörden, verteidigt aber gleichzeitig die Pressefreiheit.

Die Regierung von Evo Morales lässt Kritik nicht gerne zu. Hier ein Beispiel in der argentinischen Zeitung «Página 12». Die Vizeministerin für politische Kommunikation, Claudia Espinoza Iturri, schiesst gegen «Página Siete» . «Página Siete» sei konservativ und antinational, so Espinoza. Die Zeitung würde das Recht auf einen Meer-Zugang Boliviens in Frage stellen und ebenso die Politik der Nationalisierung von Rohstoff-Firmen. Man gebe bevorzugt den transnationalen Firmen eine Stimme. Die Journalisten seien völlig unfähig, zu realisieren, was die nationalen Interessen sind. Sie würden lügen. Schon oft hätte man eine Gegendarstellung verlangen müssen aufgrund von Falschmeldungen. Zudem wirft sie der Zeitung Verbindungen zu Chile vor. Chile gilt als «Erzfeind» Boliviens, was unter anderem damit zu tun hat, dass Bolivien im Salpeterkrieg den Zugang zum Pazifik an Chile verlor, aber noch bis heute auf dieses Recht pocht. Meine Kollegen bei «Página Siete» nehmen die Angriffe der Vizeministerin mit Humor zur Kenntnis.

Isabel Mercado (von links), Vizeminister Alfredo Rada und Juan Carlos Salazar beim Interview.
Isabel Mercado (von links), Vizeminister Alfredo Rada und Juan Carlos Salazar beim Interview.

Der Chefredaktor Cándido Tancara ist von Anfang an kritisch, was das Interview mit dem Minister angeht. «Es wird ein reines «Blabla» zur Verteidigung des Regierungskurses werden», prophezeit er, womit er schliesslich nicht ganz unrecht hat. «Und? Erschien dir der Regierungspalast wie der Regierungssitz eines plurinationalen Staates?», will er wissen, als wir zurückkommen. Ich weiss, worauf er hinaus will. Tatsächlich ist das Gebäude ein alter, prunkvoller Kolonialbau. An den Wänden hängen Porträts von vergangenen, weissen Führern. Von der Indígena-Kultur ist in dem «Palacio de Gobierno» nichts zu sehen. Keine Symbole, keine Bilder. Eher konserviert der Regierungspalast die vergangenen Zeiten.

Eintritt ins Herz der Regierung - wir führen das Interview im Präsidentenpalast.
Eintritt ins Herz der Regierung – wir führen das Interview im Präsidentenpalast.

Jetzt muss ich noch erklären, wer dieser Minister ist, den wir interviewt haben. Das hat mich nämlich etwas irritiert. Alfredo Rada ist Vizeminister für die Koordination der sozialen Bewegungen (movimientos sociales), was etwa einem Staatssekretariat entspricht. Die Regierung Morales selbst ist aus einer sozialen Bewegung entstanden, aus dem «Movimiento al Socialismo» (MAS), der heutigen Regierungspartei. Mir erscheint es etwas seltsam, dass die sozialen Organisationen in die Regierung integriert sind. Diese beziehen ja ihre Kraft aus dem Staatsversagen, aus ihrer Eigenschaft als parastaatliche soziale Ordnungssysteme. Eigentlich sollten diese unabhängig von der Regierung sein und deren Schritte beobachten und gegebenenfalls kritisieren. Stattdessen ist es umgekehrt und die Regierung kontrolliert die sozialen Bewegungen. Deshalb stellt mein Chef im Interview auch die Frage, wie freiwillig die Unterstützung der sozialen Organisationen für die Regierungspartei MAS ist und – jetzt im Wahlkampf besonders – für deren Kandidaten Evo Morales. Rada antwortet mit einem historischen Exkurs. Die MAS sei der politische Arm geworden aus einer sozialen Bewegung. Deshalb sei die Unterstützung historisch gegeben, was die Stärke der MAS erkläre und was einige Politanalysten «gefangene Stimmen» nennen würden.

Übrigens die Trufistas haben gestreikt, weil sie eine Erhöhung der Tarife verlangen. Derzeit liegt der Tarif für eine Fahrt bei drei Bolivianos (knapp 40 Rappen). Die Trufistas verlangen eine Erhöhung auf 3.50 Bolivianos.

 

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