Kathmandu, 8pm

Es muss ein schrecklicher Kampf gewesen sein, damals, als die Hindu Göttermutter Durga mit ihren weissnichtwievielen Armen den grimmig blickenden Dämon Mahishasura niederrang und mit lautem Gekrächze um sein düsteres Dasein brachte. Die übersättigten Piktogramme, die dieser Tage die Türbalken vieler Gebäude Kathmandus schmücken, lassen daran jedenfalls keinen Zweifel. Und weil Durga damals so erfolgreich gefightet hat, nimmt sich ganz Nepal zu ihren Ehren jedes Jahr 15 Tage frei und feiert die Göttermutter mit dem Dashain-Fest. Geschäfte bleiben geschlossen, der Verkehr ist nur noch halb so unerträglich wie an normalen Tagen und die Strassen sind schon am frühen Abend leergefegt und zappenduster.

Ekantakuna Road, 7. Oktober, 8 pm.
Ekantakuna Road, 7. Oktober, 8 pm.

Auf meinem Arbeitsweg habe ich in den vergangenen Tagen mehrmals Vespafahrer gesehen, die eine oder gar zwei Ziegen über den Knien durch die Stadt chauffierten. Wenig später liegen die Tiere dann gevierteilt vor den garagenartigen Metzgereien. In den Auslagen werden gidi (frittiertes Hirn), khutta (Füsse), bhudri (Magen), jibro (Zunge), phokso(Lungen) und ragati (geronnenes Blut) angepriesen. Darauf habe ich bisher verzichtet und mir zum Dashain-Beginn stattdessen den ersten richtigen Kaffee seit meiner Ankunft vor drei Wochen gegönnt. Der war nicht viel billiger als jener in meiner Lieblingsbeiz (“kafi dihei” im Kreis 3). Doch er hat Wunder gewirkt…

Short Notes…

Bevor ich am Donnerstag in der Früh mit meiner ägyptisch-amerikanisch-helvetischen Expeditionstruppe für eine Woche ins Hochgebirge aufbreche, möchte ich hier gerne ein paar politische Entwicklungen, Gedanken und Beobachtungen der letzten Tage festhalten.

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Vereinte Maoisten VS Maoisten VS Marxisten VS Nepali Congress
Seit ich vor drei Wochen meine erste nepalesische Zeitung gekauft habe, werden die Newsspalten im Land von den bevorstehenden Wahlen und den mit ihnen zusammenhängenden Protesten und Drohungen dominiert. Zum zweiten Mal nach 2008 hat die nepalesische Bevölkerung (alle ab 16) die Möglichkeit, ein Parlament zu wählen, dessen wichtigste Aufgabe es sein wird, eine Verfassung zu verabschieden, die das Land aus der andauernden politischen Labilität führen könnte. Über 130 Parteien nehmen an den Wahlen teil. Tausende Wahlbeobachter werden in den 75 Wahlbezirken zum Rechten schauen und die nepalesische Armee wird die Wahllokale vor gewalttätigen Übergriffen schützen.

Genau dieser letzte Punkt ist eines der meist diskutierten Themen im Land. Die CPN-Maoisten (Communist Party of Nepal), eine Splittergruppe der mächtigen UCPN (United Communist Party of Nepal), drohen damit, die Wahlen zu boykottieren und werfen ihren Widersachern (v.a. der NC (Nepali Congress) und der UCPN) vor, die Armee gezielt einzusetzen, um CPN-Wähler an den Urnen einzuschüchtern oder sie gar davon abzuhalten, überhaupt an den Wahlen teilzunehmen. Aus den Reihen der CPN dringen alle möglichen Drohungen an die Öffentlichkeit. Die kommunistische Splittergruppe – die sich vorwiegend aus den maoistischen Kämpfern zusammensetzt, die sich im Bürgerkrieg 1996 bis 2006 mit den königsnahen Parteien stritten – droht mit bandas (Streiks), Demonstrationen und gar mit Waffengewalt. Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt weiter unklar, ob die CPN-Maoisten an den Wahlen teilnehmen werden oder ob sie sie grundsätzlich boykottieren. Die Editorial-Seiten der englischsprachigen Zeitungen waren in den letzten Wochen voll mit Kommentaren, die eine Verschiebung der Wahlen (momentan sind sie auf den 19. November angesetzt) fordern, um die CPN-Maoisten doch noch an Bord zu holen.

Zusätzlich Öl ins politisch lodernde Feuer goss vor zwei Tagen der Anschlag auf Mohammad Alam, ein muslimischer Kandidat der CPN-UML (Communist Party of Nepal, Unified Marxist-Leninist), der drittgrössten Partei nach der CPN und der NC. Alam wurde auf einer politischen Rallye von einem Unbekannten angeschossen und wird – so die heutige Berichterstattung – wohl nicht überleben. Sein Tod könnte die Feindschaft zwischen den Parteien weiter anheizen. Wie friedlich der letzte Monat vor der Wahl danach überhaupt noch bleiben kann, wird sich zeigen.

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Fragiler Kontext
Letzte Woche hat ein kleines Erdbeben die östlichen Bezirke der Stadt erwischt. Passiert ist nichts, aber ein klein wenig hat man es gespürt. Bei den Lunch-Diskussionen in der Kantipur-Kantine (Kantipur ist der herausgebende Verlag der Kathmandu Post) habe ich gefragt, wie das denn wäre mit dem 6-stöckigen Kantipur-Hochhaus (ich arbeite im 5. Stock), wenn ein heftigeres Erdbeben auftreten würde. “Then we would all die”, sagte Pranaya lakonisch und erzählte von einer Studie, über die ich ein paar Tage zuvor schon mit Jean-François Cuénod von der DEZA diskutiert habe. Laut der Studie sind die Chancen, dass Kathmandu in naher Zukunft von einem groben Erdbeben getroffen wird, relativ hoch. Ein Erdbeben wie jenes, das die Stadt 1934 in Schutt gelegt hatte, würde heute bis zu 200’000 Todesopfer fordern. Die Infrastruktur (und der Flughafen, der einzige Zugangspunkt zur Stadt) wäre völlig zerstört und die durch das Erdbeben obdachlos gewordenen rund 1.5 Millionen Menschen müssten ohne externe Hilfe in den ersten Wochen ums Überleben kämpfen.

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… was macht ihr dann?
Am Samstagabend bin ich auf der Suche nach einer “On Saturday”-Ausgabe der Kathmandu Post losgezogen und durch die schlafende Stadt gestolpert. Ich hatte tagsüber vergessen, mir die Zeitung zu kaufen und wollte unbedingt ein Original meines ersten nepalesischen Zeitungsartikels in den Händen halten. Kurz nach der Überquerung des Bagmati Rivers, der die Zwillingsstädte Patan und Kathmandu voneinander trennt, habe ich im schummrigen Laternenlicht vor mir ein Kind auf dem Trottoir liegen sehen. Ob Junge oder Mädchen hab ich nicht erkennen können. Spindeldürr, nackte Füsse, braunes Overall-Gewand, vielleicht knapp 10 Jahre alte. Als Schlafunterlage hat sich das Kind ein paar alte Plastiksäckchen zurechtgezupft, um nicht direkt auf dem nassen Gehsteig liegen zu müssen. Zugedeckt war es nicht. Ich bin erschrocken, erstarrt.

Letzte Woche hatte ich in der “MyRepublica”-Zeitung einen Artikel über die Situation der Strassenkinder in Kathmandu gelesen. Rund 1500 müssen es sein, geschätzte 80 Prozent davon Knaben. Fast alle süchtig nach Leim. Abgesehen von ein paar privaten Initiativen gibt es keine Stellen, an die sich die Kinder wenden könnten. Die Stadt selbst setzt sich nicht für sie ein.

Im ersten Moment dachte ich, das Kind sei tot. Ich habe geschaut, gewartet, versucht nachzudenken. Irgendwann hat sich das Kind geregt. Erleichterung, wenn es das angesichts einer solchen Begegnung überhaupt gibt. Ich bin umgekehrt, heimgekehrt, ohne Zeitung, aber mit einer Frage: Was unterscheidet mich von diesem Kind? Was habe ich getan, was hat dieses Kind getan, dass wir unsere jeweilige Position auf dieser Welt verdient haben? Im Endeffekt trennt uns zwei nichts als pures Glück; Glück, das ich im Übermass habe; Glück, das ihm gänzlich verwehrt blieb. Darf man in diesem Moment umkehren? Ist das jene Situation, über die Peter Singer in seinem Tümpel Gleichnis elaboriert hat? Was würdet ihr tun? Darf man darüber schreiben?

Es ist Nacht, nasser Gehsteig, niemand da. Dann liegt da ein Kind. Was macht ihr?

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