Leben mit unverständlichen Schnörkeln

Ein poetischen Wirtshausschild, das größtenteils unverständlich bleibt.

Es ist mir peinlich: Auch nach sechs Wochen in Tbilisi kann ich kaum ein Wort auf Georgisch lesen. Gerade mal eine Handvoll Buchstaben kenne ich – so kann ich dann mit Glück den Namen meiner Stadt entziffern. Mehr liegt aber nicht drin, die Reise nach Batumi bereitet bereits Schwierigkeiten. Gesprochen sind meine Georgischkenntnisse ebenso blamabel. Ich kann grüssen, mich verabschieden, Nein und Danke sagen. Passiv reicht es noch zu den Zahlen bis fünf – Danke dafür den Taxifahrern. Aber sonst bleibt die fremde Sprache ein Schwall wundersamer Laute.

Georgisch ist schön und schwierig. Mit keiner anderen grossen Sprache verwandt, besitzt sie viele für meine westeuropäische Ohren sonderbare Laute und Silben. Selbst Namen werden so schwierig zu verstehen. Hinzu kommt das eigene Alphabet. Schwungvoll geschnörkelt, mit unzähligen Bogen, die mir schmuck erscheinen – doch leider auch bedeutungslos.

Und trotzdem: Die Kommunikation funktioniert relativ problemlos. Und das nicht nur, weil Georgier eher Menschen weniger Worte sind, zumindest was die Kommunikation im öffentlichen Raum betrifft. Bedanken, sich im Laden Verabschieden, im Bus zur Seite rücken: all das ist auch völlig wortlos möglich.

Aber in Tbilisi ist man auch mit Englisch gut bedient. Der internationale Tourismus hat die Stadt längst erreicht, die jüngeren Georgier hatten Englisch in der Schule, die älteren haben zumindest die wichtigsten Wörter gelernt. Auch Speisekarten und die Leuchttafeln an den Bushaltestellen sind zweisprachig, die Veranstaltungshinweise auf Facebook – die wichtigste Informationsquelle für Kultur, Events oder Restaurants – zumindest meistens.

Es geht um Bier und Fisch in dieser Lokalität – ganz offensichtlich.

Mit Englisch kommt man weit, doch mit Russisch kommt man weiter. 25 Jahre Unabhängigkeit und der letzte Krieg mit Russland 2008 haben daran nichts geändert. Konnten daran nichts ändern, auch wenn man gelegentlich liest, die Georgier würden nicht gerne Russisch sprechen. Meine Erfahrung ist eine andere: Der Gemüsehändler an meiner Strasse beginnt sofort auf Russisch mit mir zu sprechen, wenn er merkt, dass ich kein Georgisch kann; der Händler auf dem Flohmarkt verhandelt den Preis auf Russisch; die Angestellte im Sulfurbad spricht kein Englisch, aber natürlich Russisch – wie eigentlich alle Georgier über 50. Sie sind noch in der Sowjetunion gross geworden.

Ausserhalb von Tbilisi ist es mit Englisch auch rasch schwierig. Abseits der Touristenströme braucht niemand Englischkenntnisse: Mit Fremden spricht man Russisch. Und wo vielen Touristen sind, dort sind auch viele Gäste aus der früheren Sowjetunion. Und sie können Russisch. Der aufstrebende Badeort Batumi oder der traditionelle Kurort Borjomi sind beliebt bei Gästen aus Kasachstan, aus der Ukraine und zunehmend auch wieder aus Russland. Trotz des jüngsten Krieges und den politischen Verstimmungen ist Georgien, die georgische Küche oder der georgische Wein, bei den Russen immer noch beliebt.

Selbst der Coca-Cola-Schriftzug ist kaum als solcher erkennbar.

Doch nicht nur für den Tourismus, auch für Kultur und Wissenschaft bleibt Russischen wichtig. Im Künstler- und Akademiker-Café hört man Gäste sorglos Russisch sprechen. Die Diskussion mit der Regisseurin nach der Filmvorführung ist selbstverständlich in Russisch. Die allgegenwärtigen russischen Bücher im Verkauf am Strassenrand sind nicht nur für Touristen bestimmt. Und wenn sich georgische, armenische und aserbaidschanische Kulturschaffende austauschen, tun sie das kaum auf Englisch. Russisch ist noch immer Lingua franca im Kaukasus.

Ein Schweizer Besucher hier sagte mir nach einer Woche in Georgien, er könne sich nicht vorstellen in Tbilisi zu leben. Die völlig fremde Sprache sei eine zu grosse Hürde – das fremde Alphabet, unverständliche Theaterstücke, die Filme im Kino ohne Untertitel, nur Georgisch übersprochen. Er hat recht, das kulturelle Leben ist nicht einfach in einem Land mit einer völlig fremden Sprache. Aber hier im Kaukasus würde es zumindest helfen, wenn man Russisch kann.

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