Leises La Paz

Eine Stadt ohne Verkehr – für die sicher scheinende Wiederwahl von Evo Morales ruhen die Motoren.

Wortfetzen statt Hupkonzerte, Hundegebell statt Motorenlärm – so wie an diesem Morgen klingt die Grossstadt La Paz nur alle fünf Jahre. Heute ist Wahltag, und in ganz Bolivien gilt ein Fahrverbot. Und so ist die Avenida Ismael Montes, auf der sich an jedem anderen Tag die Minibusfahrer im Schritttempo um den Vortritt streiten, jetzt: einfach leer.

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An einer Busstation geniesst ein herrenloser Hund die Ruhe. Als er doch gestört wird – das Fahrverbot gilt nicht für die Polizei –  hat er den nächsten Schattenplatz rasch gefunden. Und die Strasse rund um die Plaza de los Estudiantes, auf der man sich als Fussgänger stets durch dichtgedrängte Autos und Minibusse kämpfen muss, hat ein Landstreicher ganz für sich. Die Plaza Mayor ist fast menschenleer, unbehelligt vom Verkehr machen sich die Paceños auf zu den Wahlurnen.

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Morgens um acht haben die Wahllokale geöffnet. Und weil heute in diesem Land, in dem gerne und viel getrunken wird, wenige mit einem Kater aufgewacht sind – der Konsum von Alkohol ist wegen der Wahlen seit Freitag verboten – sind viele zeitig aufgebrochen, um ihre Stimme abzugeben. An die Urnen gehen fast alle. 2005, als mit dem bis heute amtierenden Evo Morales Ayma erstmals ein Indigener zum Präsidenten Boliviens gewählt wurde, betrug die Wahlbeteiligung satte 84 Prozent. Morales erklärte dies damals mit der „demokratischen Berufung“ des bolivianischen Volkes und frohlockte, kaum wo sonst gebe es eine solche Partizipation. Für die heutige Wahl wird eine ähnlich hohe Beteiligung erwartet. Dafür gibt es allerdings einen profaneren Grund als die Berufung zur Demokratie: Wer nicht wählt, bezahlt eine Busse von 400 Bolivianos. Das sind 55 Schweizerfranken, mehr als das durchschnittliche Wocheneinkommen eines Bolivianers.

Ähnlich gewiss wie die hohe Beteiligung scheint der Sieger der Wahlen: Evo Morales wird weitere fünf Jahre Boliviens Präsident sein. Sämtliche Umfragen sagen ihm einen ungefährdeten Sieg voraus. Die interessantesten Fragen sind, ob er es diesmal schafft, in sämtlichen neun Departementen des Landes zu gewinnen und ob es sein Movimiento al Socialismo im Parlament eine Zweidrittelmehrheit erreicht. Allerdings: Nach dem überraschenden Ausscheiden von Marina Silva aus dem Präsidentschaftswahlkampf in Brasilien sind hier in Bolivien Zweifel laut geworden, was Umfragen überhaupt taugen. Ich habe mich deshalb diese Woche auf die Suche nach einer verlässlicheren Prognosequelle gemacht – und sie in der Calle Linares gefunden. Dort sitzen stets ältere Herren am Boden, denen das Talent eigen ist, die Zukunft aus Coca-Blättern lesen zu können. Einen der Bekanntesten unter ihnen, sein Name ist Don Cipriano, habe ich gefragt, wer die Wahlen gewinnen wird. Und seine Ansage war klar: Evo Morales, mit 60 bis 70 Prozent der Stimmen. Weiter wusste der würdevolle Herr zu berichten, Morales werde in den kommenden fünf Jahren bei guter Gesundheit sein, müsse aber aufpassen bei seinen vielen Reisen – er sehe, dass Morales einen Unfall haben könnte. Hoffen wirs nicht.

Leider ist der Artikel, den ich über Don Cipriano verfasst habe – mein erster Beitrag für die Zeitung Página Siete – heute nicht wie geplant erschienen; aus Gründen, die sich auch meiner Vorgesetzten bisher nicht erschliessen, wie sie mir versichert hat. Das ist schade, aber schlimm ist es nicht. Es gibt Wichtigeres im Leben. Und seit mir Don Cipriano gesagt hat, dass es bei mir künftig in Sachen Arbeit, Gesundheit und Liebe bestens laufen wird, bin ich ganz gelassen.

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