Mandela für tot erklärt

In La Paz gehen die Menschen auf den Friedhof, um die Toten zu ehren.
In La Paz gehen die Menschen auf den Friedhof, um die Toten zu ehren.

Sie geben den Verstorbenen Brot, Süssigkeiten und den Lieblingswhisky mit auf den Weg. Allerheiligen hat in Bolivien eine besondere Tradition. Der von den Spaniern mitgebrachte katholische Glaube mischt sich mit Inhalten und Ritualen indianischer Traditionen.

Am Samstag, 2. November suche ich vergebens einen offenen Waschsalon. Allerheiligen wird hier während zwei Tagen gefeiert. Die Feier beginnt am 1. November um Mittag. Dann, so sagt es die Tradition, kehren die Seelen der Verstorbenen aus dem Totenreich zurück. Am nächsten Tag, um Mittag reisen die Seelen weiter.

Es werden aber nicht nur die Toten geehrt, sondern es wird auch ausgelassen gefeiert. Das Totenfest endet oft in einem Tanz- und Trinkgelage. In La Paz führte exzessiver Alkoholkonsum in und auf dem grössten Friedhof der Stadt (Cementerio General) in den vergangenen Jahren zu schweren Ausschreitungen. Die Behörden haben sich deshalb dieses Jahr mit einem verstärkten Sicherheitsaufgebot vorbereitet.

Dafür hat die Stadt laut Zeitungsangaben 800 Sicherheitskräfte und Polizisten aufgeboten und 40 Kameras auf dem Cementerio General installiert. Die Strassen rund um den Friedhof sind für den motorisierten Verkehr gesperrt. Erwartet werden 20 000 Personen.

Ein lukrativer Tag für die Blumenverkäufer.
Ein lukrativer Tag für die Blumenverkäufer.

Als ich nach einem nahrhaften Aufstieg auf dem Friedhof ankomme, scheint hier aber alles ruhig. Ich habe mir viel mehr Leute und ein grosses Chaos vorgestellt.

Vor dem Eingang des Friedhofs machen Blumenhändler wohl gerade den Umsatz des Jahres. Mehrere Polizisten kontrollieren, dass keine alkoholischen Getränke hinein gebracht werden und gewähren alkoholisierten Personen keinen Einlass. Von Exzessen ist hier dementsprechend nichts zu spüren. Obwohl, was der ältere Herr da aus der Sprite-Flasche ausschenkt, nicht wirklich wie Sprite aussieht. Zumindest hätte es keine Kohlensäure mehr und eine etwas ungewohnte Farbe.

Auch der Lieblingswhisky wird der Seele des Verstorbenen mitgegeben.
Auch der Lieblingswhisky darf nicht fehlen.

Die verschiedenen Gräber, die aus aneinander- und aufeinandergereihten Schaukästen bestehen, sind mit Blumen in allen Farben geschmückt. Die Verwandten legen Brote, Getränke, Süssigkeiten und andere Favoriten der Verstorbenen in die Kästen.

Die Allerheiligen-Tradition berührt die Menschen unterschiedlich. Ein Mann erklärt im Vorbeigehen, eigentlich habe er nicht viel übrig für diese Traditionen. Vor einem Grab sitzt eine Frau mittleren Alters und weint um einen Verstorbenen. Zwischen den Gräberreihen sind Musikgruppen zu hören. Mit Panflöten, Trommeln, Becken und Gesang spielen sie scheinbar gegen Geld die Lieblingsstücke eines Verstorbenen. Einige Familien sitzen vor den Gräbern ihrer Angehörigen und sprechen Gebete auf Spanisch oder einer indigenen Sprache, die ich nicht verstehe.

Angehörige beten für den Verstorbenen.
Angehörige beten für den Verstorbenen.

Vor einem Grab stehen besonders viele Menschen, eine Musikgruppe spielt und ein Fernseh-Team filmt. Es ist die letzte Ruhestätte des Musikers, Fernsehmoderators und populären Politikers Carlos Palenque Avilés. Er starb 1997 im Alter von 52 Jahren an einem Herzinfarkt. Hunderttausende trauerten damals um seinen Tod. Er sprach vor allem die städtischen Aymara an, die indigene Gruppe, welche einen Grossteil der Bevölkerung von La Paz darstellt. Diese hätten ihren «Compadre» gerne als Präsidenten gesehen. Aber Palenques Popularität beschränkte sich vor allem auf La Paz, zumal sein Radio- und Fernsehprogramm lange Zeit ausserhalb der Stadt nicht zu empfangen war.

Die Fernsehjournalistin, die mich gleich interviewen wird.
Die Fernsehjournalistin, die mich gleich interviewen wird.

Als ich weitergehen will, tappe ich prompt in die «Mikrofon-Falle» der Fernsehjournalistin von Unitel. Bevor ich weitergehen kann, hat sie schon die erste Frage gestellt. Sie will wissen, woher ich komme, wie ich diese Traditionen finde und wie Allerheiligen in der Schweiz gefeiert wird. Keine Ahnung, wann und ob das je ausgestrahlt wird. Ich muss über dieses unerwartete Interview schmunzeln. Eigentlich bin ich ja selbst als Journalistin unterwegs, um Eindrücke und Bildmaterial für meinen Blog zu sammeln.

Treppenbrot für den Abstieg der Seelen

Die Totenehrung findet auch ausserhalb des Friedhofes statt. Zuhause stellen die Familien einen Altar für den Verstorbenen auf. Auch hier wird aufgetischt, was der oder die Tote am liebsten trank und ass. Nach Tradition wird dieses Ritual bis drei Jahre nach dem Tod einer Person wiederholt. Auch die Bäcker haben Hochkonjunktur um Allerheiligen. Viele Brote zieren einen Altar. Einige, in Form einer Treppe oder Pferden, stehen symbolisch dafür, dass die Seelen auf- und absteigen können. Puppen aus Brot repräsentieren die Toten selbst.

Diktator-Kult und lebendige Tote

Mandela wird fälschlicherweise für tot erklärt.
Mandela wird fälschlicherweise für tot erklärt.

Auch die Regierung gedenkt der Toten. Im Büro des Aussenministeriums steht an Allerheiligen ein Altar mit Fotos der verstorbenen politischen Führer Néstor Kirchner (argentinischer Präsident bis 2007, verstorben 2010), Hugo Chávez (venezolanischer Präsident bis zu seinem Tod im März 2013) und Muammar al-Gaddafi (libyscher Diktator bis zu seinem Tod 2011). Was mich am meisten irritiert, aber scheinbar sonst niemanden, ist die Ehrung von einem Diktator wie Gaddafi. Der weit grössere Skandal hier – zugegeben ein totaler Fauxpas – ist, dass auf einem anderen Altar mitten auf dem Regierungsplatz Plaza Murillo neben verstorbenen Repräsentanten der Dekolonisation auch das Bild von Nelson Mandela hängt. Man hat den ehemaligen südafrikanischen Präsidenten, der in letzter Zeit gesundheitlich sehr angeschlagen war, kurzerhand für tot erklärt. Als die Verantwortlichen den Fauxpas bemerken, verdecken sie sein Bild mit einem Plakat.

Meine Kleider habe ich jetzt übrigens von Hand gewaschen.

 

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