Maoists, Media Monitors & Mad Women in KTM

Zur Abwechslung gibt’s heute mal ein bisschen Boulevard, frisch von den Strassen Kathmandus. Die Headline: “MAD WOMAN THROWING BRICKS AT PEDESTRIANS”. Tatort: eine kleine Quartierstrasse direkt vor meiner Wohnung. Als ich heute gegen 12 Uhr mein Zimmer verliess und Richtung Bushaltestelle gehen wollte, wurde ich auf unserem Quartiersträsschen von einer aufgeregten Menschenmenge zurückgehalten. “There’s a mad woman, wait here”, erklärte mir der junge Mann, der mich am Arm zurückhielt. Gemeinsam mit rund 20 anderen Personen stand ich am Rand des Quartiersträsschens. In rund 30 Metern Entfernung wartete eine zweite Menschengruppe, aufgeregt gen Himmel deutend. Zwischen uns, auf der löchrigen Strasse, lagen mehrere Backstein-Brocken. Drei Polizisten pressten sich an die Hausmauer auf der linken Strassenseite und machten sich an einer verschlossenen Haustür zu schaffen. Und dann kam die “mad woman” schreiend zum Vorschein, weit oben auf einem Flachdach stand sie, rief in die Menge unter ihr und begann erneut, mit Backsteinen zu werfen. Die Menge rund um mich lachte, fotografierte, telefonierte. Und während die mad woman weiter Backsteine um sich schmiss, brachen die Polizisten die Tür auf, schlichen sich unbemerkt nach oben und überraschten die Backstein-Dame auf dem Flachdach. Handschellen, Abtransport, vorbei der Spuk. Wozu das Ganze? Keine Ahnung. Ich hoffe, die Dame hat sich inzwischen wieder erholt.

MAD WOMAN THROWING BRICKS AT PEDESTRIANS
MAD WOMAN THROWING BRICKS AT PEDESTRIANS

Maoisten und Media Monitors
Abseits meiner normalerweise friedlichen Quartierstrasse verwandelt sich Kathmandu dieser Tage in eine heftig umworbenen Wahlkampfzone. Die Waffen in diesem Kampf sind Megafone, maoistische Flaggen, Pickup Trucks mit aufmontierten Lautsprecherboxen, marschierende Demonstrantengruppen und einfarbige A3-Plakate. In weniger als drei Wochen werden die Nepalesen zum zweiten Mal nach 2008 ein nationales Parlament wählen, das sich in erster Linie mit der erst noch zu schreibenden Landesverfassung auseinandersetzen werden muss. Das letzte Parlament scheiterte an dieser Aufgabe und wurde deshalb 2012 offiziell wieder aufgelöst. Öl ins heisse Wahlkampffeuer giessen die CPN-Maoisten, die die Wahlen boykottieren und damit begonnen haben, gewaltsam gegen diverse Vertreter anderer Parteien vorzugehen und die Wahlvorbereitungen aktiv zu stören. Die Kathmandu Post berichtete in den vergangenen Ausgaben täglich über neue Übergriffe der CPN-Maoisten, über brennende Autos, gestohlene Wahlunterlagen und tätliche Angriffe auf Politiker. Zu reden gibt auch die Freilassung diverser Gangster aus den Gefängnissen in verschiedenen nepalesischen Provinzen. In der Hauptstadt befürchtet man, die Verbrecher seien unter der Bedingung freigelassen worden, aktiv gegen politische Gegner der jeweiligen Justizvorsteher vorzugehen. Es brodelt gewaltig in den Tiefen der nepalesischen Politik. Friedliche Wahlen scheinen jetzt schon kaum mehr möglich zu sein. Zu was der Urnengang am 19. November führen wird, bleibt abzuwarten. Dass die EU vor zwei Tagen damit begonnen hat, die nepalesischen Medien mit einem Expertenteam aus “media monitors” zu überwachen und zu untersuchen, ob die Berichterstattung politisch ausgeglichen und fair vonstatten gehe, scheint angesichts der brennenden Autos und gewaltsamen Übergriffe bestenfalls niedlich.

Sherpas und die Schweizer Schuhe
Neben den alles dominierenden Wahlkampf-Themen fanden heute auch ausgelaufene Schweizer Wanderschuhe ihren Weg auf die Seiten der Post. Einer meiner Kollegen hat unter dem Titel “Shoes from Switzerland” über ein gemeinsames Projekt von Globotrek, Transa und LOWA geschrieben, die im April in Luzern über 1700 Paar gebrauchte Wanderschuhe gesammelt und vorige Woche nach Nepal geschickt haben. Globotrek hat die Schuhe vergangene Woche in Kathmandu an die Organisation Kathmandu Environmental Education Project (KEEP) übergeben. Von da sollen die Schuhe nun an Träger und Guides im Himalaya verschenkt werden. Gemeinsam mit meiner Kollegin Weena Pun werde ich mich morgen Nachmittag mit den KEEP-Verantwortlichen treffen und ein paar kritische Follow-Up Fragen stellen. Spannend ist beispielsweise folgende Frage: Der Durchschnitts-Schweizer trägt Schuhgrösse 43 (38 bei den Frauen), der Durchschnitts-Sherpa 38 (33 bei den Frauen). Was also macht man bei KEEP mit all den Schuhen, die hier niemandem passen? Enden die – wie all der andere Abfall der Stadt – auch im Bagmati-River? Schickt man sie zurück in die Schweiz? Or what?

Daneben durfte ich für die Post ein Feature über die Walliser Jazz-Musikerin Eliane Amherd schreiben, die derzeit in Kathmandu weilt, am Jazzmandu Festival aufspielt und an diversen Schulen und Musikakademien der Stadt Workshops leitet. Der Text erscheint in der kommenden “On Saturday”-Ausgabe. Es war irgendwie erlösend, in einem staubigen Hinterhof im nächtlichen Patan vis-à-vis von Eliane Amherd Platz zu nehmen, den “record”-button zu drücken und dann Dinge zu hören wie: “D’Müsiker hie si eifach änds güät. Das isch dr Wohnsinn!”

Eliane Amherd
Eliane Amherd

What’s poppin’ in Bangladesh, Tunesien, Laos und Bolivien?

An dieser Stelle möchte ich auf meine Mitstreiter in BangladeschTunesienLaos undBolivien  aufmerksam machen. Auf den jeweiligen Blogs gibts viel zu sehen, lesen und staunen. Beeindruckt hat mich etwa der jüngste Bericht von Bangladesch-Korrespondentin Carole Lauener (“Grenzerfahrungen“), in dem sie über ihren Trip ins umkämpfte Grenzgebiet zwischen Indien und Bangladesch berichtet.

Ich persönlich entschwinde in den kommenden Tagen ins Reich der Toten, kehre zurück in die Horror City von Banepa, radle hinauf nach Nagarkot, schreibe über eine ungeheuerliche Begegnung in der Siddhartha Bank und freue mich auf die allfällige Publikation meines Foto-Essays “Through Early Morning Fog”. Stay tuned!

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