Medien, Meinungsfreiheit und Misstrauen in Myanmar

Wie sieht eigentlich die Lage für Journalistinnen und Journalisten hier aus? Zeit für eine Übersicht zur Medienlandschaft Myanmars.

«Wie geht’s Frontier so?», fragt uns der Franzose, der seit gut drei Jahren in Yangon lebt, als ich mit der Multimedia-Verantwortlichen von «Frontier» zwecks Hintergrundgespräch in seinem Büro sitze.

«Nun, niemand von unserer Redaktion sitzt im Gefängnis, niemand ist schwer verletzt oder gilt als vermisst. Ziemlich gut also, würde ich sagen», antwortet meine Arbeitskollegin und wir lachen – auch wenn es Galgenhumor ist und wir alle wissen, wie es um die Medien in Myanmar zurzeit steht.

Lesender Zeitungsverkäufer in Myanmar
Zeitungsverkäufer in Yangon. Foto: Eva Hirschi

Von der Verurteilung zu sieben Jahren Gefängnis im Falle der Reuters-Journalisten habe ich bereits in meinem ersten Blogbeitrag berichtet. Leider war dies kein Einzelfall. Am 18. September wurde der ehemalige Kolumnist der regierungsnahen Zeitung «Global New Light of Myanmar» zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er sich in Facebook-Posts kritisch gegenüber Aung San Suu Kyi geäussert hatte; am 10. Oktober wurden drei Journalisten von «Eleven Media» verhaftet, weil sie über ein kontroverses geschäftliches Unterfangen der lokalen Behörden Yangons berichtet hatten. Die Journalisten von «Eleven-Medien» kamen inzwischen wieder frei, doch Festnahmen von Journalisten in Myanmar kommen leider regelmässig vor.

Diffamierung oder Meinungsfreiheit?

Allein im Jahr 2017 wurden gemäss Reporter ohne Grenzen 20 Journalisten angeklagt. Gesetzliche Grundlage dafür bildet in den meisten Fällen Artikel 66 (d) des Telekommunikationsgesetz – online Diffamierung – das auch gegen Aktivisten oder sonstige Zivilisten angewendet wird; etwa, wenn sie sich privat auf Facebook äussern. Von Meinungsfreiheit zu sprechen, fällt deshalb schwer. Was Pressefreiheit angeht, ebenfalls.

Zeitungsstand in Yangon
Private Zeitungen waren während des Militärregimes verboten. Foto: Eva Hirschi

Verglichen mit den Zeiten der Militärdiktatur hat sich zwar einiges geändert. Ab 1964 waren in Myanmar keine privaten Medien mehr erlaubt, es gab nur staatliche Propagandablätter. Seit 2012 sind die Konzessionsregelungen aber aufgeweicht und auch an einige private Medien vergeben worden; zudem gibt es keine Zensurprüfung vor der Publikation mehr.

Während bei privaten Medien zwar Zensur nicht mehr das Hauptproblem ist, so ist es nun aber vielmehr Selbstzensur: Heikle Themen, die das Militär, die Religion oder die Regierung kritisieren, sprechen viele Medien oft nicht an. Zum Glück gibt es aber auch immer wieder gut recherchierte Artikel – nicht nur von «Frontier» –, die das Gegenteil beweisen, auch wenn die Journalisten damit immer ein Risiko eingehen.

Privatzeitungen sind ein Novum.
Die Vielfalt an Zeitungen ist in den letzten fünf Jahren rasant gestiegen. Foto: Eva Hirschi

Dieses Risiko hat in den letzten Jahren wieder zugenommen, wie Reporter ohne Grenzen zeigt. Gemäss Vorjahr ist Myanmar in der globalen Pressefreiheit-Rangliste um ganze sechs Plätze nach unten gerutscht und belegt nun lediglich Platz 137 von 180 Ländern. Tendenz gemäss Reporter ohne Grenzen: Weiterhin fallend.

Digitale Informationsquellen

Interessant ist aber die Feststellung, dass sich die Bevölkerung seit wenigen Jahren stark auch über andere Kanäle informiert: Social Media. Zwar kostete 2001 eine Sim-Karte 3000 Dollar (!) und selbst vor gut fünf Jahren immer noch 250 Dollar, doch heute ist sie für weniger als 2 Dollar zu haben. Für ein Gigabyte an Daten zahle ich hier gerade mal 999 Kyats – das sind knapp 60 Rappen! Auch das Netzwerk hat sich stark verbessert – schon nur verglichen zu meinem ersten Aufenthalt in Myanmar im Januar 2017 habe ich heute viel besseren Empfang mit viel weniger Unterbrüchen als damals. Das sieht man auch optisch: Nicht nur Pagoden zieren die Landschaft, immer häufiger sieht man auch Telefonmäste.

Dadurch hat die Verbreitung von Smartphones stark zugenommen und insbesondere Facebook hat einen ausserordentlich hohen Stellenwert in der Gesellschaft Myanmars erhalten. Das soziale Netzwerk ist quasi zur digitalen Version der Teashops geworden, wo diskutiert und gelästert wird, wo Geheimnisse und Gerüchte zirkulieren. Doch auch Myanmar ist nicht vor fake news gefeilt, auch auf Facebook findet Propaganda statt (zu diesem Thema allein könnte ich einen ganzen Blogeintrag schreiben…).

Facebook dominiert die Medienlandschaft
Facebook ist zu einer der wichtigsten Informationsquellen der Bevölkerung geworden. Foto: Tu Tu.

Dennoch hat damit die Bevölkerung Myanmars – zumindest was Regionen mit Elektrizität und Netzwerkabdeckung angeht… – einen vorher nie gekannten Zugang zu Informationen erhalten, wie auch eine Plattform zur Meinungsäusserung.

Nun, fast. Wäre da nicht das Diffamierungsgesetz, für welches man, wie oben erwähnt, dann eben doch schon nur wegen eines Facebook-Posts im Gefängnis landen kann…

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