Kinderprogramm statt Action

Der Arbeitsalltag als Fotojournalistin für den Daily Star ist ungewohnt. Und genau so gewöhnungsbedürftig scheint es für meine Fotokollegen zu sein, dass plötzlich eine weitere Person zu ihrem Team gestossen ist. Sie diskutieren, auf welche Themen sie mich in den nächsten drei Monaten ansetzen könnten. Dabei zeigen sie sich besorgt. Es gibt immer wieder Aufstände bei denen Fabrikarbeiter oder Studenten mit der Polizei zusammenstossen. Auf die Wahlen hin, wird sich die Sicherheitslage wohl zusätzlich verschlechtern. Anram ist dagegen, dass ich zu irgendwelchen Demonstrationen mitgenommen werde. «Ich bin dort, um meinen Job zu machen. Was soll ich aber tun, wenn du plötzlich verletzt am Boden liegst? Weiter fotografieren oder mich um dich kümmern?» Eine Antwort gibt er keine, sie ist aber auch nicht nötig.

Das bedeutet nicht, dass meine Kollegen kaltherzig sind. Nein, ganz bestimmt nicht. Anram möchte einfach nicht die Verantwortung übernehmen, dass mir unter seiner Obhut etwas zustossen könnte. Die Fotografen hier sind sich gewalttätige Auseinandersetzungen gewohnt. Sie kennen die Stadt, können die Lage einschätzen und wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn die Stimmung plötzlich kippt. In einer solchen Situation auf das wohlbehütete Mädchen aus der Schweiz aufzupassen, dafür bleibt keine Zeit. Nun, ich lasse es mal gut sein, hoffe aber, dass sie mir mit der Zeit mehr zutrauen werden.

Anstatt Arbeiteraufstände zu dokumentieren lautet mein erster Auftrag deshalb zusammen mit Anis den Meena-Day zu besuchen. Meena ist eine Cartoon-Figur, die von UNICEF entwickelt wurde. Das Mädchen Meena, ihr Bruder Raju und ihr Papagei Mithu bringen in Büchern und am TV den Kindern in Südasien auf witzige und unterhaltsame Weise gesellschaftliche Themen näher. Es geht etwa um die Gleichstellung von Mädchen und Buben, die Wichtigkeit lesen und schreiben zu lernen aber auch der Umgang mit Krankheiten oder das Bewahren von Hygiene wird thematisiert. Das Motto des heutigen Meena-Days lautet «Stoppt die Verheiratung von Minderjährigen».

Laut Unicef geht die Zahl der Kinderehen in Bangladesch zwar zurück, ist aber immer noch hoch. Rund 65% der Mädchen werden vor dem 18. Geburtstag verheiratet. Über ein Drittel gar vor ihrem 15. Altersjahr. Gesetzliches Mindestalter für Hochzeiten wäre eigentlich 21 für Knaben und 18 für Mädchen.

Der Anlass des Meena-Days findet auf einem grossen Feld irgendwo in Dhaka statt. Kaum fahren Anis und ich mit dem Motorrad vor, treffen mich die ersten neugierigen Blicke. Und kaum bin ich abgestiegen, strecken mir schon die ersten Kinder ihre Hände entgegen und fragen mich «How are you?». Als ich dann noch meine Fotokamera hervornehme, werde ich erst recht umzingelt. Alle wollen aufs Foto und zwar so nah dran, dass sie ausserhalb des Fokusbereichs sind. Mache ich einen Schritt zurück folgt mir die ganze Meute und ein paar weitere drängen sich dazwischen. Eigentlich wäre ich ja hier, um das Geschehen auf der Bühne unter dem Zelt festzuhalten, aber daran ist momentan nicht zu denken. Mütter zeigen mir ihre kranken Babys, Mädchen berühren meine Arme und schauen mich unentwegt an, Buben wiederholen die immer gleichen Sätze in Englisch und strecken ihre Hände zum Victory-Zeichen geformt vor die Linse. Erst als Anis nach einer Weile nach mir schaut und die Leute in Bangla zurechtweist, habe ich Ruhe… zumindest für ein paar Minuten.

Zum Glück tauchen schliesslich drei Erwachsene als Meena, Raju und Mithu verkleidet auf und ziehen die Aufmerksamkeit von mir weg. Aber auch sie haben Probleme die Kinder zur Ruhe zu bringen. Als sie sich für ein Foto mitten in die Kinderschar stellen braucht es Anweisungen aus dem Megafon und wild gestikulierende Aufpasser und Fotografen damit sich alle so aufstellen, dass es ein schönes Bild gibt. Kaum ist dieses im Kasten drängt Anis zum Aufbruch.

Anis zeigt sich enttäuscht, dass ausser uns keine anderen Journalisten am Anlass erschienen sind. Er findet, dass ein solch wichtiges Thema durchaus mehr Medienpräsenz erfahren dürfte. Ich bin etwas irritiert, schliesslich hatte es noch ein paar andere Fotografen und selbst ein VJ war vor Ort. Diese waren aber scheinbar im Auftrag von UNICEF selbst dort.

Als wir später auf dem Motorrad für einen weiteren Auftrag über eine Kunsthandwerksmesse durch die Stadt kurven, treffen wir einen anderen Fotojournalisten an. Wir halten am Strassenrand und wechseln ein paar Worte. Der Fremde schwärmt von Anis’ als einem hervorragenden Fotografen. Besonders angetan, hat es ihm ein Bild, dass Anis scheinbar nur ein paar wenige Meter von hier aufgenommen hat. «An amazing picture. What a great photographer to capture this moment.» Ich bin nun natürlich gespannt, was auf diesem so grossartigen Bild zu sehen ist und werde enttäuscht: Ein Verkehrsunfall! Gehört da nicht einfach auch ein bisschen «Glück» dazu, wenn man an eine solche Tragödie heranfährt? Und was kann an einem Unfallbild so toll sein? Anis scheint die Diskussion um dieses Bild unangenehm. Und trotz mehrmaligen Nachfragen hat er mir das Foto bisher nicht gezeigt. Ihm wäre es wohl lieber man würde über den Meena-Day und dessen Botschaft sprechen.

Zum Thema Kinderhochzeit und die Folgen davon erscheint ein paar Tage später folgender Artikel im Daily Star:
http://www.thedailystar.net/beta2/news/girls-not-brides/

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