My big fat Lao wedding

Was tun, wenn ausgerechnet der Redaktionskollege heiratet, den ALLE mögen? Ganz klar: Man produziert die Montagsausgabe bereits am Freitag und fährt im redaktionseigenen Minivan an die Hochzeit.

„Frankly? It‘s crap“, die Rede ist von der Zeitung, für die ich momentan arbeite. Und das ist nicht etwa meine Einschätzung, sondern die der langjaehrigen Korrektorin. Die beiden Backpacker kichern irritiert. Sie hatten sich interessiert erkundigt, was denn das für eine Zeitung sei, für die wir arbeiten. Korrektorin Alice* ist Britin. Sie legt eine Unverblümtheit an den Tag, die in diesem Land der Harmoniesucht wie eine eiskalte, aber reinigende Dusche wirkt. Die zwei Backpacker waren zufällig am Dorf vorbeigekommen. Die Familie der Braut hat spontan eingeladen, am Fest teilzunehmen. Dumm nur handelt es sich um zwei alkoholabstinente Veganer. Hinter uns werden nämlich gerade gebratene Eingeweide und Beerlao auf Eis serviert.

Es ist neun Uhr morgens und wir stehen in einem winzigen Bauerndorf zirka eine Stunde von Vang Vieng entfernt vor dem Elternhaus der Braut. Unser allseits geschätzter Kollege Souriya* heiratet heute. Fast die ganze Redaktion ist zum Fest gefahren, über fünf Stunden entfernt von Vientiane. Im Wissen darum, dass am Sonntag nach der Hochzeit sowieso niemand auf der Redaktion anwesend sein wird, hat man einfach die News vom Montag schon vorweggenommen und die Ausgabe am Freitag vorproduziert. Nachrichtenjournalismus, Lao-Style. Oder wie es in unserem offiziellen Claim heisst: „Fast, reliable, responsible“.

Die Backpacker sehen jedenfalls aus, als wuerden sie die Diskussion über die Qualität von Laos einziger englischsprachigen Zeitung vertiefen wollen. Doch da kommt auch schon der Bräutigam in Begleitung von Gesängen und Motorenlärm eines Minitraktors, der einen festlich geschmueckten Wagen zieht, um die Ecke gerumpelt. Die kleine Parade, bereits etwas naerrisch vom selbstgebrannten Laolao, hat nur knapp neunzig Minuten Verspaetung. Gut, dass wir in aller Herrgottsfruehe hierher gefahren sind. Nicht, dass es mir nach ausschlafen gewesen waere an diesem Morgen. Ich habe die Nacht neben Alice auf einer duennen Matratze im einzigen Hotel weit und breit verbracht. Der von den Laoten heissgeliebte Highgloss-Floor unseres Hotelzimmers hatte die naechtliche Kaelte konserviert. Alice war schon um sechs Uhr leise fluchend ueber den eisigen Boden unter die Kaltwasserdusche getapst. Spaeter beschlossen wir, fuer die morgendliche Zeremonie noch keinen festlichen Rock anzuziehen. Dafuer war es zu kalt.

Warum der Sinn dicke Beine macht

In Laos ist es Tradition, dass der Bräutigam am morgen vor der abendlichen Hochzeitsfeier seine Zukünftige abholt. Was folgt, ist ein kleiner Schwank in zwei Akten, bei dem alle ihre Rollen gut einstudiert haben. Der fesch zurechtgemachte Bräutigam muss nämlich nach alter Sitte zuerst von den Ältesten des Haushalts in gespielter Strenge weggewiesen werden. Er muss betteln und schmeicheln. Erst dann wird er unter haemischem Gelächter und Rufen der Dorfbewohner schliesslich doch noch eingelassen. Im zweiten Akt wird im Beisein von allen Verwandten und dem halben Dorf in einer kleinen Zeremonie im Haus der Inhalt des Ehevertrages vorgelesen. Bei einer laotischen Hochzeit gibt es keine offizielle religioese Zeremonie, kein buddhistischer Moench taucht auf. Dafuer werden Geister beschwoert mit Opfergaben. Die Brautleute bekommen von den Gaesten duenne Stoffbaender um den Arm gewickelt, manchmal mit etwas Geld dran, aber meistens einfach nur mit den besten Wuenschen fuer eine glueckliche Ehe.

Es strömen immer mehr Dorfbewohner in die kleine Stube der Familie. Vor dem Haus ziehen sie die Schuhe aus. Alice und ich werden zu den nach Geschlechtern getrennt auf dem Boden sitzenden Leuten geschoben. Unwillkürlich ducke ich mich, während ich mich vorsichtig an den Leuten vorbeidrücke. Vor allem in ländlichen Gegenden wird es als unhöflich erachtet, aufrecht stehend an Personen vorbeizugehen – insbesondere an solchen, die mutmasslich eine höhere gesellschaftliche Stellung innehaben. Zuerst habe ich mich geniert, diese Rituale wie etwa den Noop – die Begrüssung mit den Handflächen aneinandergedrückt – mitzumachen. Ic h kam mir vor wie Lukas der Lokomotivfuehrer, der die Eingeborenen nachäfft. Schliesslich aber war mir aufgefallen, dass Westler, die sich an den hiesigen Gesten des Anstands versuchen oder ein paar Brocken Lao radebrechen, von den Laoten mit viel Wohlwohlen belohnt werden.

Alice registriert besorgt, dass wir die einzigen Frauen im Raum sind, die keine traditionelle Kleidung tragen. „Wir haetten den Sin doch anziehen sollen“, sagt sie zu mir. Der Sin! Dieses furchtbare, unvorteilhafte Stueck Stoff, dass jeder Gazelle im Handumdrehen kurze Stampferchen zaubert. Dieser Rock ist fuer die meisten Laotinnen Pflicht kleidung bei der Arbeit. Aber viele tragen ihn aus Traditionsbewusstsein. Im Optimalfall sieht das Stück aus wie ein etwas zu langer, gewickelter Bleistiftrock. Zwei Tage vor der Hochzeit hatte ich noch verzweifelt versucht, einen Sin zu finden, dessen irres Muster NICHT wie ein Vergroesserungsglas auf Oberschenkel und Hinterteil wirkt. Oder wenigstens einen, der NICHT in der Mitte des Schienbeins endet und einen damit die Silhouette eines Brauereipferdes verleiht. Vergeblich. Weil keine Zeit blieb für Änderungen riet mir die Verkaeuferin schliesslich zu einem angeblich ebenfalls traditionellen Kleid aus grober Baumwolle, das mir wie angegossen passte. Die Grundfarbe ist schwarz, was mir grundsaetzlich immer gefaellt, darueber eine farbige Kreuzstich-Stickerei nach Art der Hmong, einem laotischen Bergvolk. Alles in allem koennte man damit locker an einem Frida Khalo Look-alike-Wettbewerb teilnehmen und – schwarze Haare und ueppige Augenbrauen vorausgesetzt – auch gewinnen.

Hin und wieder einen Mahagonibaum düngen

Später werden wir erneut in den Redaktionsbus verladen. Es gilt, das Optimum aus diesem Tag zu quetschen: Wanderung durch den Urwald, Fotos vor dem Wasserfall machen, Nudelsuppe essen, Orangenplantage besichtigen, Wanderung durch den Urwald, Höhle besichtigen, einen keinen Snack zu sich nehmen,unzählige Male anhalten, um am Strassenrand Früchte zu kaufen. (Kommentar Alice: “Oh for Christ’s sake, do we have enough oranges now?“). Höher und höher fahren wir in unserem vollbepackten Minivan, weiter raus aufs Land, die teilweise asphaltierten Strassen sind längst zu holprigen Pisten geworden. Die Längeren unter uns stossen sich im sekundentakt den Kopf am Dach. Die Wahnsinnsfahrt hält meine Kollegen inklusive Redaktionschauffeur nicht davon ab, mehrere Flaschen lauwarmes Beerlao zu leeren. Einmal mehr bereue ich es, kein laotisch zu verstehen. Der Fahrer scheint ein regelrechter Witzomat zu sein. Fast alles, was er sagt, wird mit minutenlangem Gegröhle quittiert. Mir ist flau in der Magengegend. Was auch damit zu tun haben könnte, dass ich die frittierte und mit dem Fett der Bouillon vollgesogene Schweinshaut, die am Boden meine Nudel-Suppe aufgetaucht war, aus Anstand gegessen habe. Im Urwald entferne ich mich hin und wieder von der Gruppe, um mit halbverdauten Nudeln die Mahagoni-Baeume zu duengen.

Am Abend findet das eigentliche Hochzeitsfest auf der Tankstelle statt, die den Eltern der Braut gehört. Damit kann ich meine Hoffnungen, an diesem Abend von irgendwem eine Zigarette zu schnorren, endgültig begraben. Im kleinen Tankwarthäuschen wohnt der Bruder der Braut mit seiner Familie nicht einmal so unwohnlich zwischen Gestellen mit Motorenöl. Ein riesiger Flachbildschirmfernseher und eine im arabischen Stil angeordnete Sitzgruppe dominiert den mit Highgloss-Floor ausgestatteten Raum. Wir waren bereits am Vorabend dort, um die Pre-Wedding-Party mit viel Beerlao zu begehen. Jetzt sieht der Ort voellig verändert aus. Draussen sind rote Teppiche ausgerollt, ein Spalier mit fein zurechtgemachten Familienmitgliedern wartet hinter einem Torbogen aus Rosen. Wir geben unseren Tribut, den wir in das Couvert mit der Einladung gesteckt haben, am Eingang ab. Der Eintritt erfolgt wie auf jeder Hochzeit dieses Universums in gegengeschlechtlichen Paarformationen. Ich schnappe einen mir flüchtig bekannten australischen Freelancer, der alleine mit seinem Motorrad hochgefahren ist. Der tut etwas kaesig und sagt: „damit Du es weisst, ich bin verheiratet“. Ich spreche ihm mein ehrlich empfundenes Beileid aus und nehme ihn am Arm. Wir stellen uns vor eine grell erleuchtete Leinwand mit Fotografien des Bautpaars und duschen im Blitzlichtgewitter. Eine Armada von bunten Insekten aller Art verfängt sich in unseren Haaren, ein Nachtfalterartiger, Knallgelber, surrt zielstrebig in mein rechtes Auge. „Das ist der feuchte Traum jedes Entomologen“, konstatiert der Australier. Ich fuchtle mit den Armen und gebe ein tolles Sujet ab. Ein paar Gäste halten extra an, um lachend die Kamera zu zücken.

Sieben Hundert Gäste sind geladen. Die auf der Tankstelle aufgetuermten Essens- und Biervorraete haetten eine roemische Garnison locker ein paar Wochen versorgt. Aus fünf riesigen Lautsprechern dröhnt laotischer Country/Schlager/Sythiepop. Ich habe eben eine Gabel scharfen Papayasalat in den Mund geschoben, da werde ich auch schon zum Tanz aufgefordert. Widerwillig stehe ich auf. Es hat keinen Zweck, es schönzureden: Ich finde diese Musik grässlich. Sie ist unmelodiös und repetitiv. Ausserdem wirkt der Tanz,den die Laoten dazu aufführen, narkotisierend auf jeden noch so wachen Geist: Man steht dem Mann gegenüber, in einer Parade aus Tänzern, wie bei einem höfischen Tanz. Dann wiegt man langsam die Hände zur Musik. Was man mit den Beinen macht, ist schnuppe. Sieht aus der Distanz aus wie Tai Chi in Zeitlupe.

Tanzen zwischen den Zapfsäulen

Trotzdem bewege ich mich den halben Abend aussschliesslich auf der Tanzflaeche, sprich zwischen den Zapfsäulen. Nach jedem Lied bedankt man sich beim Tanzpartner mit einem respektvollen Noop und begibt sich zurück an seinen Platz, wo man darauf wartet, erneut zum Tanz aufgefordert zu werden. Gegen zwölf Uhr taucht eine mir unbekannte Langnase an meinem Tisch auf. Er trägt eine Camel-Trophy Hose und ein wenig vorteilhaftes Muscle-Shirt mit dem Aufdruck „Parental Advisory“. Ich frage mich kurz, wie es die Laoten finden, dass der Mann seine Brustwarzen zur Schau trägt. Er sagt, er sei Schweizer. Auslandschweizer seit fast fünfzehn Jahren. Aha, sage ich. Sabaidee. Er setzt sich zu mir und will mit mir mal die innenpolitische Lage und die Wahl des neuen NZZ Chefredaktors besprechen. Er tut dies, ohne meine Antworten abzuwarten. Ich bin die menschgewordene Klagemauer. Und seine Meinungen wirken ebenso erfrischend auf meinen Geist wie der laotische Linedance: Die linke Schweizer Mainstream-Presse, die schweigt alle wahren Probleme tot. Und diese Gutmenschen, die es zulassen dass unser Land (indem er seit etlichen Jahren nicht mehr lebt) von all den Ausländern überrannt wird. Ich verwünsche in Gedanken die Person, die ihm meine Nationalitaet und meinen Beruf verraten hat. Was gäbe man in diesen Momenten für die Fähigkeit, mit offenen Augen Schlaf nachholen zu koennen.

Um zwei Uhr kommt der Redaktionschauffeur zu mir. Er bedeutet mir, dass wir bald aufbrechen. Und ja: Morgen geht’s um sieben Uhr weiter.

Auch aus dem naechsten Tag gilt es, das Optimum herauszupressen. Ich hebe aus Platzgruenden nur zwei von allen bemerkenswerten Stationen auf unserem Rueckweg nach Vientiane hervor: Unser zweites Fruehstueck nach drei Stunden im Schuettelbecher unweit von Van Vieng. Hier, in einem wunderbar beschaulichen Dorf am Seitenarm des Mekongs, ist einer unserer Arbeitskollegen aufgewachsen. Er zeigt uns den Tempel auf einer Anhoehe zwischen geheimnisvollen, von Nebelschwaden umgebenen Karstbergen. Frauen stehen mit gerafften Roecken im Fluss und waschen Geschirr im eiskalten Wasser. Das goldene Morgenlicht bricht sich sanft auf der Wasseroberflaeche. Die Stille wird nur ab und zu von einem kraehenden Hahn unterbrochen. In solchen Augenblicken erscheint mir Laos so unwirklich schoen, so entrueckt und so begehrenswert, dass ich die naechsten Stunden gegen Aussteigerfantasien ankaempfen muss.

Spektakulärer Halt auf der Bergstrecke

Diesmal dauert der Kampf etwas kuerzer, denn es wird mir erneut übel. Wir bekommen im Elternhaus des Arbeitskollegen die ganz grosse Tafel auf dem Boden aufgetischt. Ich zaehle fuenf Gerichte. Darunter Nudelsuppe, frisches Laab und Salat von Papaya aus dem Garten. Dazu ein scharfes Gericht aus gruenen Flussalgen und braunen Stickyrice. Der Hausherr (eventuell der Bruder oder Cousin) geht herum und reicht aus einer Cola-Petflasche selbstgebrannten Laolao. Es ist noch nicht mal zehn Uhr Morgens. Alle trinken aus demselben Glas. Ich sehe keinen Weg zu kneifen und kippe dreimal hintereinander. Schliesslich wird mir kotzübel, ich muss aufstehen und draussen zwischen den Schuhen der Gäste an der frischen Luft liegen. Nach ein paar Atemzuegen geht es mir bedeutend besser.

Die naechste und letzte Station, die ich kurz erwaehen moechte, ist ein spektakulaerer Halt auf einer steilen Bergstrecke. Rechts Abhang, links Fels. Inwischen ist mir derart schlecht, ich habe als einzige verfuegbare Exitstrategie das Fenster neben mir einen Spalt weit geoeffnet. Eine Kollegin will kurz aussteigen, um an einem der vielen aufgestellten Altare am Abgrund ein Opfer darzubringen. Als der Van haelt, draenge ich in unlaotischer Art und Weise an ihr vorbei, reisse dabei ein Pack Raeucherstaebchen, den sie in der Hand haelt, zu Boden. Ich bin ausser Stande mich zu entschuldigen, denn meine Stimme ist blockiert. Im Hintergrund hoere ich verzweifelte Stimmen rufen: „Kat, Kat, where do you go?“ Ich taummle ein paar Schritte und uebergebe mich zwischen die Buddha-Statuen. Auch die kunstvollen Origami aus Bananenblaettern und orangen Blumen bekommen ein paar Spritzer meine Opfergabe ab.

 

*Die Namen sind frei erfunden, um die tatsaechliche Person zu schuetzen.

 

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