Neue Zensur im vermeintlich demokratischen Myanmar

Die Krise in Rakhine ist auf unserer Redaktion angekommen: Eine Kollegin wurde gefeuert und weitere Berichterstattung zu Rakhine von höchster Ebene verboten.

In meinem letzten Blogpost habe ich zur Krise in Rakhine an der Grenze zu Bangladesch geschrieben und davon, wie meine Kolleginnen und Kollegen auf der Redaktion hart dafür arbeiten, um etwas Klarheit ins intransparente Gebaren des Militärs zu bringen. Ein Name stach dabei besonders hervor: Unsere „Special Investigations Editor“ Fiona MacGregor. Die Krise in Rakhine ist letzte Woche auf unserer Redaktion angekommen: MacGregor wurde fristlos gekündigt; sämtliche weitere Berichterstattung zu Rakhine wurde vom Management bis auf weiteres sistiert. Die Vorwürfe zu Vergewaltigungen, Exekutionen und Vertreibungen durch das Militär; seit einer Woche ist darüber in der Myanmar Times nichts mehr zu lesen. Die von vielen Journalisten während 15 Jahren hart erarbeitete Glaubwürdigkeit der ersten englischen Tageszeitung Myanmars scheint diese Tage in Stücke zu zerbrechen.

Die wieder eingeführte Zensur begann am 31. Oktober. Als ich am Nachmittag von einem Gespräch bei einer dänischen NGO zurückkam , wehte mir auf der Redaktion ein Hauch von Weltuntergang entgegen. Um 16 Uhr berief Douglas Long, Redaktionsleiter der englischsprachigen Ausgabe, eine Krisensitzung ein. Er hatte am Morgen zusammen mit Fiona MacGregor bei Bill Tegjeu, dem CEO und Editor in Chief des Gesamtverlags, vorsprechen müssen. MacGregor wurde fristlos gekündigt; wegen „vorsätzlicher Schädigung der nationalen Interessen und des Versöhnungsprozesses“ sowie wegen „vorsätzlicher Schädigung der Zeitung“, wie es hiess. Zu erklären gab es nichts, die Weisung kam von ganz oben. Das heisst vom Verwaltungsratsmitglied U Thein Tun, Mehrheitsaktionär von „Myanmar Consolidated Media“ und berühmt berüchtigter Businessman, der u.a. mit einer Pepsi-Lizenz für Myanmar ein Vermögen machte. Die Woche zuvor hatte bereits der frühere Informationsminister Ye Htut über Social Media zu einer Polizeiuntersuchung von MacGregors Berichterstattung aufgerufen. Sein Beitrag wurde vom Regierungssprecher Zaw Htay geteilt, der für seine Anti-Rohingya-Rhetorik und seine guten Beziehungen zum Militär bekannt ist.  

Mac Gregor erscheint etwas verspätet zum Treffen, mit feuchten Augen, aufgebracht und überrumpelt von den sich überstürzenden Ereignissen. Sie bittet ihre Kollegen und Kolleginnen, die sofort an die Medien wollen mit der Entlassung und bereits einen Streik in Betracht ziehen, um etwas Geduld. Sie sei sich derzeit unsicher, ob gegen sie ermittelt würde und ob sie das Land besser verlässt. Sie habe CEO Tegjeu am Morgen darauf angesprochen, der habe jedoch abgeblockt; er sei nicht in einer Position ihr darüber Auskunft zu geben. Sie stehe nun in Kontakt mit Amnesty International und dem Comitee to Protect Journalists (CPJ) um eine internationale Reaktion auf ihre Entlassung und die neuerlich Zensur vorzubereiten. „Es geht mir nicht in erster Linie um meine Person“, sagt sie. „Es geht mir darum, dass mit mir ein Exempel statuiert wird, dass für die Pressefreiheit in Myanmar katastrophal ist. Wir alle, und ganz besonders unsere burmesischen Kolleginnen, müssen fortan jederzeit mit einer Entlassung rechnen, wenn sie schreiben, was in Rakhine passiert.“

MacGregor ist eine gestandene Journalistin, die  für den Guardian und Foreign Policy schrieb und seit drei Jahren für die Myanmar Times über Frauenrechte und aus Krisenregionen berichtete. Sie ist eine Stimme in Myanmar; ihre Hintergrundartikel und Kommentare zu Rakhine waren einzigartig im Land. Mitarbeiterinnen von NGOs, UN-Funktionäre und Botschafter lobten ihren Mut und ihre journalistische Hartnäckigkeit. Ihre Artikel waren fundiert, gut mit Quellen belegt, und wo die Verifizierung von Informationen nicht möglich war, machte sie dies transparent. MacGregor wurde dafür gefeuert, dass sie ihren Job gut machte. Der CEO und Editor in Chief hingegen hatte es verpasst MacGregor frühzeitig aus der Schusslinie zu nehmen, obschon sie ihm ihre Berichte regelmässig for Druck vorgelegt hatte, wohl wissend, dass pointiert Berichte zu Rakhine und den Rohingya Reaktionen provozieren würden. Die meisten auf der Redaktion glauben, Tegjeu habe die Artikel nie gelesen. Daniel de Carteret, der Leiter der Wirtschaftsredaktion, reicht am Folgetag des Treffens aus Protest seine Kündigung ein.

Am Donnerstag 3. November verschickt CPJ eine Meldung an seine Mitglieder über die Entlassung MacGregors und die Zensur bei der Myanmar Times betreffend den Vorfällen in Rakhine. Daraufhin klemmt sich „Frontier Myanmar“, ein noch junges, englischsprachiges Qualitäts-Wochenmagazin, hinter den Fall und versucht etwas Transparenz in die Vorfälle auf der Redaktion zu bringen. Die Reaktionen aus der Öffentlichkeit lassen nicht lange auf sich warten. Die Leser reagieren mit Wut und Enttäuschung. Meiner Kollegin Charlotte wird bei der Französischen Botschaft ein Interview verweigert. Auf Facebook wird die Redaktion beschimpft ; Abokündigungen werden lauthals offenbart. Dabei wird schnell klar: Die meisten Leser haben Mühe zwischen Management und Redaktion zu unterscheiden.

Bankrotterklärung einer Zeitung: Mitteilung der Redaktion der Myanmar Times nachdem sie nicht mehr zu Rakhine berichten darf. (Bild: Samuel Schlaefli)
Bankrotterklärung einer Zeitung: Mitteilung der Redaktion der Myanmar Times nachdem sie nicht mehr zu den Ereignissen in Rakhine berichten darf. (Bild: Samuel Schlaefli)

Unter den Redaktoren wird am Sonntag lange um die richtige Reaktion gefeilscht. Soll man die Montagsausgabe ausfallen lassen und damit direkt auf Konfrontation mit dem Management gehen? Soll man ein joint statement verfassen, das am Montag  an einer Konferenz zu Medienfreiheit in Yangon verteilt würde? Am Ende entscheidet man sich für eine Minimallösung, die niemandem sogleich den Kopf kostet: Am Montag erscheint auf Seite 2 eine Mitteilung, in der sich die Redaktion fuer „some gaps in our coverage“ entschuldigt, aufgrund von „editorial policies“, die derzeit vom Management überarbeitet würden. Wahrscheinlich wird sie die Redaktion nicht vom Vorwurf der Komplizenschaft von unterdrückter Pressefreiheit befreien können; wahrscheinlich hätten sich die Leser eine mutigere Reaktion der Journalisten gewünscht.

In der Zwischenzeit wurde in Rakhine einer achtköpfigen diplomatischen Delegation Zugang zu ausgewählten Orten im Krisengebiet gewährt. Der US-Botschafter Scot Marciel betonte, dass die Delegation weder von Menschenrechtsbeobachtern noch von unabhängigen Journalisten begleitet wurde. Das Ziel sei nicht die Aufklärung der dokumentierten Menschrenrechtsverletzungen gewesen, sondern die Wiederaufnahme von humanitärer Hilfe für die intern Vertriebenen. Trotzdem titelt die Regierungs-eigene Zeitung „Global New Light of Myanmar“ am Tag nach Abzug der Delegation auf ihrer Frontseite: „False accusations on violating human rights exposed to the world.“ In einem Kommentar werden kritische lokale und internationale Medien für die Verbreitung von fabrizierten News verantwortlich gemacht, und dafür, dass sie Hand in Hand mit den Attentätern vom 9. Oktober zusammenarbeiten. Ein weiterer Seitenhieb in die Richtung von MacGregor.

 

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