Prachanda, Pasta & the Blues

Nepal hat gewählt, und noch ist unklar, ob sich das letzten Dienstag landesweit abgehaltene Ballot Ballet zum Freudentanz für die südasiatische Demokratie oder zum Totentanz für die junge Republik entwickeln wird. Klar ist nur, dass einiges anders kam, als das die politischen Beobachter und Experten im Land erwartet hatten. Die UCPN-Maoisten, die die Wahlen 2008 gewonnen hatten und die im Vorfeld der aktuellen Wahlen als stärkste Partei gehandelt wurden, sind kläglich gescheitert. Von den 240 Sitzen, die im FPTP-System (First-Past-The-Post) zu holen waren, sicherten sie sich gerade mal 25. Die grossen Gewinner sind die Nepali Congress Partei (NC) mit 105 und (zur Überraschung vieler) die United Marxist-Leninists (UML) mit 91 Sitzen. Wie die 335 Sitze im PR-System (Proportional Representation) besetzt werden, sollte bis morgen Abend klar sein. Hochrechnungen sehen auch hier die UML und die NC als die deutlichen Gewinner.

Hier ein paar spannende Facts zu den zweiten demokratischen Wahlen  in Nepal nach dem zehnjährigen Bürgerkrieg:

Frauen: Von den 240 FPTP-Sitzen entfallen 230 auf männliche Politiker und nur 10 auf weibliche Politikerinnen (4 Prozent). Es ist zu erwarten, dass die Frauen bei den noch nicht fertig ausgezählten PR-Wahlen besser abgeschnitten haben. Zum Vergleich: Im Schweizer Ständerat (46 Sitze) sitzen 9 Frauen, im Nationalrat (200 Sitze) 58 Frauen. Das ergibt für das Gesamtparlament einen Frauenanteil von rund 27 Prozent.

Oppositionsdrohungen: Prachanda, der Chef der UCPN und frühere Ministerpräsident Nepals, ist ein schlechter Verlierer. Sofort nach Bekanntwerden der FPTP-Resultate hat er angekündigt, dass seine Partei die Wahlergebnisse nicht akzeptieren und nicht am verfassungsschreibenden Constituent Assembly mitwirken wird. Möglich wäre, dass sich die UCPN mit ihrer gewalttätige protestierenden Schwesterpartei, den CPN-Maoisten, vereint und Nepal in den kommenden Monaten mit Streiks, bandas und Bombenanschlägen unsicher macht. Dieses Szenario ist allerdings unwahrscheinlich, da der internationale Druck auf Prachandra – insbesondere von Seiten Indiens und der USA – riesig ist. Prachanda wird dem Wahlkomitee noch ein paar Tage lang Fälschung und Ungenauigkeit vorwerfen, und dann die Ergebnisse voraussichtlich dennoch akzeptieren und seine UCPN in die Verhandlungen um eine neue Verfassung miteinbringen.

Wahlfälschungen: Nicht nur die UCPN, auch andere Parteien haben in den vergangenen Tagen scharf gegen das nationale Wahlkomitee geschossen und Wahlfälschungen moniert. Problematisch scheint in den Augen vieler v.a. die Tatsache, dass die Wahlurnen von der nepalesischen Armee von ihren jeweiligen Standpunkten in die Auszählungszentren in den Distrikthauptorten gebracht wurden. Die Armee liess auf den Transportfahrten keine unabhängigen Beobachter zu. Der Verdacht steht im Raum, die Soldaten hätten unterwegs kräftig auf den Wahlzetteln rumgekritzelt und die Ergebnisse zu Gunsten der konservativen Kräfte frisiert.

Royalisten: Die RPP, die Rastriya Prajatantra Party, wird in den PR-Wahlen voraussichtlich aussergewöhnlich stark abschneiden und könnte bis zu 30 Sitze im Constituent Assembly holen. Viele PRR-Wähler sind wohl Protestwähler, die ganz und gar nicht einverstanden sind mit der politischen Arbeit der etablierten Parteien und die zurückwollen in die vermeintlich goldenen Königszeiten. Die PRR wird dafür kämpfen, Nepal von einer demokratischen Republik zurück in eine Monarchie zu verwandeln. Zudem fordert sie, den Säkularisierungsprozess zu stoppen und Nepal zu einem hinduistischen Gottesstaat auszurufen.

Chancen für die Verfassung: Angesichts der trotzenden UCPN und den anti-demokratischen PRR-Kräften scheint ein friedliches Verhandeln über die neue Verfassung Nepals nur bedingt möglich. Doch, die jüngsten Hochrechnungen prophezeien, dass die UML und die NC gemeinsam die erforderliche Zweidrittelmehrheit im Parlament erreichen werden, die es braucht, um gültige Beschlüsse durchzusetzen. Wenn sich die Leninisten und die Nepali Congressler also verständigen werden können, stehen die Chancen gut, dass Nepal bald die seit langem erwartete Verfassung bekommen wird.

What else? Ich habe mal wieder den steilen Aufstieg nach Nagarkot auf mich genommen, um die Himalaya-Range im goldenen Sonnenaufgangslicht zu bestaunen. Und die Wolken machten mir mal wieder einen Strich durch die Rechnung. Nagarkot mag mich nicht.

Eindrücke aus dem Hinterland das Kathmandu Valleys…

Und dann war da noch das Himalayan Blues Festival. Samik Kharel, einer meiner Mitarbeiter bei der Post und ein trinkseliger Journalisten-Kumpan, hatte das Festival vor sieben Jahren lanciert und mich gebeten, für die Kathmandu Post im Vorfeld darüber zu berichten. Zu Recherchezwecken hat er mich zwei Abende lang mitgenommen auf die Sauf-, Ess- und Kochtouren der drei internationalen Bluesbands, die heuer an seinem Festival aufspielten. Die Mr No Money-Band aus Bologna, French Cowboy & The One aus Nantes und Long Tall Deb aus El Paso, Texas, waren äusserst unterhaltsame und – im Falle des italienischen Trios – auch hervorragend kochende Zeitgenossen. Fabio Ioannisci und seine Blueskameraden hatten am zweiten Abend kurzerhand die Kochcrew von „Rosemary’s Kitchen“ aus ihrer Küche geschmissen und selber die Kellen in die Hand genommen. Natürlich nur, nachdem die Küche am Nachmittag mit meiner Übersetzungshilfe (verdammtschnelles Italienisch nach Englisch und zurück) inspiziert und die vorhandenen Zutaten für die Pasta-Saucen genaustens untersucht worden waren. Fabio’s Fazit nach der nachmittäglichen Besichtigung: „Ma, Samuele, how can I cook here. Questa pasta, it’se the worste. E i pomodori, non c’è di San-Marzano in questa città? E l’oglio, questo oglio! E, dobbiame comprare una padella pulita. I can’t cook in this pan.” Das nach dem langen Hin und Her wohlverdiente Essen (Spaghetti Carbonara und Pasta Arrabiata) war prima, und der Blues-Gig am Freitagabend im 1905 beeindruckend gut.

Hier mein Vorschau Artikel, der in der “on saturday”-Ausgabe der Kathmandu Post abgedruckt wurde:

Himalayan Blues Festival Vorschau Artikel in der Kathmandu Post vom 23. November 2013
Himalayan Blues Festival Vorschau Artikel in der Kathmandu Post vom 23. November 2013

Mehr Bilder auf www.insidenepal.ch 

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