Skiliftfahren über Backsteinbauten

Eine Fahrt in der Gondelbahn über La Paz ist ein touristisches Vergnügen – aber den Strassenverkehr entlastet das neue Transportmittel erst in bescheidenem Masse. Der österreichische Gondelhersteller will deshalb mehr.

teleferico 2Die dünne Luft, der frisch gepresste Orangensaft, die Cholitas mit ihren voluminösen Röcken und adretten Hüten, die atemberaubende Sicht von El Alto in den Kessel, in dem La Paz liegt: Vieles ist noch ebenso wie vor  sieben Jahren, als ich zum letzten und bisher einzigen Mal für ein paar Tage hier in La Paz war. Vieles, aber nicht alles. Neue Hochhäuser sind dazugekommen, Zeugen der momentan gesunden Wirtschaftslage, die in erster Linie den Erdgasexporten von verstaatlichten Firmen in die Nachbarländer Argentinien und Brasilien zu verdanken ist. Der grösste Unterschied aber betrifft den Verkehr. Vor sieben Jahren bedeutete Herumkommen in La Paz für mich entweder: Auf den richtigen Minibus warten, einsteigen, merken, dass es der falsche ist, aussteigen, auf den richtigen Minibs warten, einsteigen, im Stau stehen, aussteigen, herausfinden, wo man ist, ans Ziel laufen. Oder: Auf ein Taxi warten, einsteigen, sich fürchten, dass man entführt wird, weil einem immer alle sagen, dass immer alle in Taxis entführt würden, nicht entführt werden, am Ziel aussteigen.

Seit Februar gibt es nun veritable Linienbusse, mit Haltestellen und einem Zeitplan. Und vor allem gibt es die Gondelbahn, das Teleférico, gebaut vom österreichischen Skilift-Marktführer Doppelmayr. Für Evo Morales ist das höchstgelegene und grösste urbane Seilbahnnetz der Welt ein ideales Symbol, um ein dynamisches, aufstrebendes, selbstbewusstes, cooles Bolivien zu propagieren. Das sieht so aus:

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Zwei Linien sind in Betrieb bisher, die dritte, die grüne (die zusammen mit der roten und der gelben die bolivianische Flagge komplettieren wird) wird in wenigen Tagen zu laufen beginnen. Eigentlich hätte sie kurz vor den Präsidentschaftswahlen den Betrieb aufnehmen sollen, aber das hat nicht ganz gereicht. Ein Riesenstress sei es gewesen, die drei Linien innert zwei Jahren zu bauen, hat mir Javier Tellería, der aus dem spanischen Zaragossa stammende Chef der österreichischen Firma im bolivianischen La Paz im Interview erzählt, das ihr hier nachlesen könnt. Um im Zeitplan zu bleiben, nahm man die ersten beiden Linien bereits in Betrieb, obwohl zum Beispiel die Ladenflächen in den Stationen noch nicht den ganz grossen Charme ausströmen.

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Tellería räumte auch ein, dass natürlich nicht alle Bewohner Freude haben, denen die Gondelbahn nun über die Köpfe gleitet. Denn wenn man genau hinschaut, kann man schon einiges erkennen – wer gerade bei wem zu Besuch ist etwa. Ja nicht einmal am Urnengrab der hingeschiedenen Lieben ist man mehr allein.

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Aber in einem sozialistischen Staat ist die Privatsphäre Einzelner nicht das höchste aller Güter, und so will die Firma jetzt, wo sie schon mal da ist, erst richtig loslegen. Am liebsten schon Anfang des kommenden Jahres möchte sie eine vierte Linie in Angriff nehmen, und im Jahr darauf die nächste. Zehn Linien, findet Javier Tellería, sollten es schon sein, am besten achtzehn, damit der Verkehr auf der Strasse wirklich entlastet wird – und möglichst viele vom Auto auf die Gondel umsteigen. Zum Beispiel jener Autofahrer oder jene Autofahrerin, der oder die es vermocht hat, sein oder ihr Gefährt an einer von der roten Gondelbahnlinie aus einsehbaren Stelle folgendermassen zu parkieren (Gerüchten zufolge ist er oder sie am Leben):

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