The Ring I

Wie ein Schlinge umzingelt die Ring Road die Zwillingsstädte Kathmandu und Patan. Auf 27 holprigen Kilometern windet sie sich durch den Dreck und Staub der Aussenbezirke und speiht ihre giftigen Abgase in den Grossstadtdunst. Die Ring Road ist Lärm, sie ist Gestank, Verkehr, Abfall, Rauch und Schutt. Sie ist Lebensader, Handelsstrasse, Wohnquartier und Mobilitätsgarant. Sie ist vier bis acht Spuren breit und lebenswichtig für den Fortgang des organisierten Chaos in Nepals Nabel. Sie ist schlicht die “Ring Road” und hat nicht einmal einen nepalesischen Namen. Ich wohne knappe 100 Meter von ihr entfernt, fahre jeden Tag ein Stück (Ekantakuna bis Tinkune) mit dem Bus oder dem Tuktuk auf ihr herum und habe mich entschlossen, ihr ein paar Stunden zu widmen. In drei Etappen laufe ich sie ab auf der Suche nach ihrem Charakter, nach den Geschichten jener Menschen, die an und von ihr Leben, und auf der Suche nach den schönsten und hässlichsten Flecken, an denen sie einen vorbeiführt.

Ring Road, Part I:

Act I: Slaves
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Die Kaste und die soziale Herkunft bestimmen in der nepalesischen Gesellschaft noch immer wesentlich, welche Chancen und Möglichkeiten ein Mensch in seinem Leben erhält. Entlang dieser sozialen Grenzen verlaufen scharfe Trennungsgräben. Es gibt ganz klare Regeln, was jemand aus einer bestimmten Kaste zu tun hat, was ihm zusteht und was ihm untersagt ist. Diese Regeln bestimmen gar den persönlichen Menüplan jedes Nepalesen. Büffelfleisch, beispielsweise, dürfen nur “lower caste Nepalis” essen. Für die upper caste Gesellschaft, für die white collare boys & girls, ist Büffelfleisch Tabu.

Viel offensichtlicher als durch den Speiseplan verlaufen die sozialen Gräben durch die Berufslandschaft. Privatschulen, akademische Laufbahnen und Bildungsberufe sind – mit wenigen Ausnahmen – den upper caste Nepalesen vorbehalten. Dem Rest bleibt die Wahl zwischen schlecht bezahlten Jobs als Handwerker, Serviceangestellten, Bauern oder Fahrern. Viele lower caste Nepalesen entscheiden sich für ein Leben als Lohnarbeiter im Ausland. Die Fussballstadien in Qatar werden von nepalesischen Arbeitern zusammengeschraubt. Die Ölraffinerien der Saudis funktionieren nur dank billiger Hilfe aus dem Himalaya Staat. Und viele Gastronomiebetriebe im nahen China und in Japan zählen auf die Kochkünste der Nepalesen.

Indische Teerarbeiter in Ekantakuna. VDiese nepalesischen Expats arbeiten oft unter widrigsten Bedingungen und zu Hungerlöhnen. Und doch gibt es Arbeiten, die selbst jene unglücklichen Verlierer der nepalesischen Gesellschaft nicht machen würden. Das jedenfalls hat mir der junge Geschäftsmann erzählt, der an einen Baum angelehnt neben der Ring Road stand und in die lodernden Feuer vor ihm starrte. “Alles Inder”, rief er in den Lärm und deutete auf die dunklen Gestalten, die gebeugt im dichten Rauch standen und mit ihren Spaten Asphaltbrocken und Lehm von einem Feuer ins andere schaufelten. “Teer, sie machen Teer für den Ausbau der Strasse”, rief der junge Geschäftsmann. Der Gestank war unerträglich, genau wie die Hitze der Feuergruben unter den schwarzen Teerfässern. “Nepalesen machen diese Arbeit nicht. Also habe ich diese Inder für 15 Tage nach Nepal geholt”, erklärte der junge Typ. Die Inder werden danach zurück in ihre Heimat geschickt. Hier in Kathmandu leben sie in einem Arbeitslager ausserhalb der Stadt. Wie lange sie täglich arbeiten und wie viel sie verdienen wollte mir der junge Big Boss nicht verraten. “Inder sind gute Arbeiter. Hart und günstig”, meinte er lachend. Und die Inder lachten auch, als ich sie nach ihren Arbeitsbedingungen fragte. “Does hard labour still exist?”, fragt Michael Glaggower in seinem (hier schon einmal zitierten) Dokumentarfilm Workingman’s Death. “Yes it does.” Hier, entlang der Ring Road, ein paar hundert Meter von meinem Zimmer entfernt.

Indische Teerarbeiter in Ekantakuna. IV

 

Indische Teerarbeiter in Ekantakuna. III

 

Indische Teerarbeiter in Ekantakuna. I

 

Indische Teerarbeiter in Ekantakuna. II

Act II: Let’s get down to business
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Coiffeur an der Ring RoadWo Strassen sind, da sind Menschen, Händler, Käufer, Dealer, Möglichkeiten, Geld und Hoffnungen. Die Ring Road ist keine Ausnahme. Entlang ihrer bröckelnden Ränder trampen sich hunderte Obstverkäufer auf ihren Füssen herum und Mechaniker bieten ihre Dienste an. Schuhmacher hocken am Strassenrand, Schneider bedienen ihre Tretmaschinen, Metzger hacken Tiere in tote Teile und einer der schnellsten Coiffeure, den ich je gesehen habe, schnippst unter einem aufgespannten Regenschirm seinen Kunden die dichten schwarzen Schöpfe zurecht. Auf den Müllhalden entlang dem Bagmati-Fluss (den die Ring Road an verschiedenen Stellen überquert) zupfen Kinder und alte Frauen Petflaschen, Kleiderfetzen und Kartonschachteln aus den riesigen Abfallbergen vor ihnen und schmeissen sie auf separate Haufen.

Recyclingstation am Bagmati RiverIn der Holz- und Metallwarensammelstelle schrauben Jugendliche alte Autos und Fensterläden auseinander und verstauen die Einzelteile fein säuberlich in den jeweiligen Regalen und Kisten. Mitten in den alten Autos und Holzwaren steht ein angezogenes Bett, daneben ein Spiegel und eine tickende Uhr. Er wohne hier mit seiner Familie, erzählt mir der junge Besitzer des Junkyards. An den nobleren, frisch geteerten Passagen der Ring Road drängen sich Kleiderverkäufer mit gefakten Brands und billigen Noname-Artikeln, die sie für “good price” an die Passanten verkaufen wollen. Nüsse, Kaffee und Süssigkeiten liegen in den Vitrinen der kleinen fahrbaren Garküchen. Zuckerwatte wird verkauft, blinkende Plastikspielzeuge, Kerzen und – in der Festivalsaison – farbiges Reismehl für das hinduistisch hochwichtige “Tika”, das man an Tihar seinen Familienmitgliedern auf die Stirne malt.

Farbiges "Tika" ist waehrend des Tihar Festivals in Nepal hoch im Kurs.
Farbiges „Tika“ ist waehrend des Tihar Festivals in Nepal hoch im Kurs.

Act III: Politics in the Streets, Religion in the Backyard
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So kurz vor den anstehenden Wahlen am 19. November wird die Ringroad täglich zur Wahlkampfzone. Beflaggte Taxis und Busse brausen an mir vorbei, laut dröhnen die Boxen auf den Ladeflächen der Pickups und überall sind Wände, Laternen und Schaufenster mit monotonen, einfarbigen Wahlplakaten beklebt. Daneben hängen immer wieder von der Uebergangsregierung gedruckte Poster, auf denen der Bevölkerung in Bild und Schrift erklärt wird, wie das Wahlprozedere vonstatten gehen wird und wie sie beim Ausfüllen der Wahlzettel genau vorgehen müssen.

Gleich hinter Chabahil, der Endstation meiner ersten Ring Road Wanderung, zweigt eine Seitenstrasse nach Osten und führt an der hinter einer scheusslichen Häuserfassade versteckten “Boudha” vorbei. Die Kathmanduer Boudha ist die grösste Stupa (buddhistischer Tempel) Asiens und ein Brennpunkt der tibetischen Subkultur im Land. Die “singing bowl”- und “praying flag”-Shops drängen sich dicht um den erhabenen weissen Bau, auf dessen rundem Dach ein kleiner goldener Turm mit den wachenden Augen Buddhas thront. Von den Dächern der umliegenden Restaurants hat man einen wunderbaren Ausblick über die östlichen Bezirke der Stadt. Ein Drittel ihrer Lebensader habe ich abgelaufen. Zwei Drittel stehen noch bevor. More to come…

Die oestlichen Bezirke der Stadt von der Dachterrasse eines Boudha-Restaurants aus gesehen.
Die oestlichen Bezirke der Stadt von der Dachterrasse eines Boudha-Restaurants aus gesehen.

Mehr Bilder auf www.insidenepal.ch…

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