„Tunesien ist eine Karikatur seiner selbst geworden“

Filmstill "les baliseurs du désert" von Nacer Khemir
Filmstill „les baliseurs du désert“ von Nacer Khemir

Nacer Khemir ist ein tunesischer Filmemacher und bildender Künstler, er macht sich für eine neue Sicht auf die klassische arabische und islamische Kultur stark und plädiert dafür das eigene Erbe als Quelle für eine Neuorientierung Tunesiens zu nutzen. Sein neuster Film folgt den Spuren von Scheich Muhyiddine* Ibn Arabia, einem grossen islamischen Theologen, Philosophen und Dichter aus dem 13. Jahrhundert. Den Islam nicht nur den Islamisten überlassen, das hat für Nacer Khemir seit der tunesischen Revolution eine grosse Dringlichkeit erhalten.

Nacer Khemir – können Sie uns etwas über ihren Film zu Scheich Muhyiddine Ibn Arabia erzählen?

„Looking for Muhyiddine“ ist ein Film über einen grossen Mystiker, Scheich Muhyiddine Ibn Arabi, der im 13 Jh. gelebt hat. Der Film geht auf der Suche nach dieser Persönlichkeit zu Islamforschern in zehn verschiedene Länder. Wer diesen Film sieht, bekommt eine sehr klare Idee davon, was der Islam ist.

Und was ist der Islam des  Scheich Muhyiddine Ibn Arabi?

Die Antwort ist in der Summe von vielen kleinen Nuancen zu finden. Ich habe hier ein Gedicht von ihm, das seine philosophische Grundhaltung gut spiegelt.

„Mein Herz ist fähig geworden alle Formen anzunehmen.
Es ist Weideland für die Gazellen und Kloster für die Mönche,
Tempel für die Idole und Kaaba für die Pilger.
Es ist die Tafeln der Thora, das Buch des Koran,
es praktiziert die Religion der Liebe egal an welchem Ort,
wohin sich auch immer die Karawanen wenden.
Die Liebe ist mein Gebot, die Liebe ist mein Glaube.“

Es ist eine Vision des Islam, die nur sehr wenig bekannt ist. In dieser ganzen Unordnung rund um den Islam war es mir ein Anliegen das Denken dieses Scheichs wieder bekannter zu machen. Er kann Klarheit in die Unordnung bringen.

Können Sie das noch etwas präzisieren? 

Ich gebe ihnen ein Beispiel:  Während einer bestimmten Epoche war die Sauberkeit, die Reinheit ein Zeichen des Islam. Heute haben wir in Tunesien die dreckigsten Strassen der Welt. Das zeigt gut auf, wie eine Art Perversion im Namen einer Religion in Gang gekommen ist. Heute wird der Islam in Tunesien von eine Art Klerikerklasse in Geiselhaft genommen. Die Kleriker verformen den Islam und damit das Leben in eine Art binäre Angelegenheit. Alles ist entweder „haram“ oder „halal“ – unerlaubt oder erlaubt.

Ich habe auf den Film bisher nur positive Reaktionen erhalten. Er wurde erst einmal in Tunis und einmal in Paris gezeigt. Aber die tunesische Gesellschaft ist im Moment mit dem grossen Rennen um die Macht im Staat beschäftigt und nicht an der Reflexion über die Grundsätze des Islam interessiert. Sie ist ein wenig taub, wenn es um Kultur geht, und auch um den Islam.

Aber es gibt ja sehr viele Menschen in Tunesien, denen der Islam wichtig ist. 

Das Ben Ali-Regime hat dafür gesorgt, dass die Seelen der Tunesier verkümmert sind. Bestimmt hat er auch dafür gesorgt, dass sich ein paar Menschen materiell bereichern konnten, aber die meisten haben unter der Verbreitung von Angst seelisch gelitten. Wir haben deshalb heute in Tunesien sehr gebildete Menschen mit aussergewöhnlich guten Diplomabschlüssen. Sie denken, dass die Wahrheit nur wissenschaftlich erklärbar ist, dass das die Moderne ist. Die Geisteswissenschaften werden an den Rand gedrängt, die Philosophie. die Literatur, die Künste, all das hat keinerlei Gewicht für sie. Sie haben ein rein mechanisches, ein technisches Weltbild. Wenn man das mit einer musikalischen Skala vergleichen würde, dann leben diese Menschen mit nur zwei, drei Noten. Diese Leute kann man für eine simplizistische Wahrheit im Namen des Islam erreichen.

Es gibt also eine gewisse Leere, welche die Diktatur hinterlassen hat?

Es gibt zwei Sachen: es gibt eine Leere und es gibt eine Art Erschrecken vor der Komplexität der Welt. Statt sich dem zu stellen, hören die Leute auf zu denken und stellen sich hinter jemanden, der für sie denkt, zum Beispiel eine Partei oder ein Prediger. Sie geben auf und sie sind eigentlich feige. Feigheit gepaart mit Unwissenheit, das ist eine Mischung, die Menschen dazu bringen kann die schlimmsten Dinge im Namen der Wahrheit zu begehen.

Wie ist denn all das Wissen um diese offene islamische Kultur verloren gegangen? Es gab doch eine reiche universitäre Tradition. Gerade die Zitouna-Universität in Tunis hätte einen Ruf  zu verteidigen. 

Die Universitäten haben sich zu grossen Teilen an die westliche Kultur angelehnt ohne gleichzeitig die arabische Kultur zu hinterfragen und sie zu erneuern. Die profunde Auseinandersetzung mit der arabischen Kultur aus Sicht der Gegenwart, was gilt es zu bewahren, was kann man getrost hinter sich lassen, das wurde nie von Grund auf gemacht. Und wenn sie statt gefunden hat, sind die Resultate nicht verbreitet worden sondern marginalisiert worden.

Die Wissenschaft zweifelt nicht, sie sucht nach binären Lösungen und sehr viele Islamisten sind heute gut ausgebildete Mathematiker, Informatiker, Techniker, Mediziner. Ihre Art zu denken nähert sich an die Art der Problemlösung der Islamisten an. Die Islamisten haben ein statisches Bild der Welt, eine Welt die sich nicht weiter entwickelt. Es gibt keine Zukunft mit dieser Art zu Denken. Mehrheitlich säkular orientierte Menschen dagegen haben den Islam immer als eine Quelle der Unterentwicklung gesehen.

Im Grunde genommen ist es kein religiöses sondern ein kulturelles Problem. Der Islam der Islamisten ist eine Art nicht zu akzeptieren, dass sich die Welt permanent und immer schneller weiter entwickelt. In dieser Welt hat sich zum Beispiel die Frau emanzipiert. Das ist für die Islamisten undenkbar, die Frau ist der Feind Nummer 1. Und weil es nicht gelungen ist diesem Problem intellektuell zu begegnen, hat man den religiösen Schutzschild ausgepackt. Das ist ein grosser Fehler.

Was man aus der Konfrontation mit dem Westen hätte lernen können, wäre eine Re-Lektüre des Islam gewesen. Die Islamisten definieren sich aber über die Negation des Westens. Man wird den Feind nicht abschaffen, der dich am Leben erhält.

Warum wurde diese Grundlagen- und Recherchearbeit zur islamischen Kultur nie oder nur sehr wenig gemacht?

Weil es keine Grundlage gibt, auf der man die Recherche beginnen kann. Niemand war bereit sie zu finanzieren, obwohl es im arabischen Raum sehr viele Petro-Millionäre gibt. Es gibt nicht einmal einen historischen Diktionär der arabischen Sprache. Ich sage oft: Wenn die Hoffnung sich an der Menge der Arbeit misst, die noch vor uns liegt, dann müssten wir die Champions der Hoffnung sein, weil wir noch soviel zu tun haben.

Seit über 50 Jahren hat es in Tunesien keinen Platz für eine Kultur, die nicht nur ein Abdruck oder eine Kopie ist, sondern eine Kultur, welche die Vision hat Antworten zu finden, wo die Logik aufhört oder die Vernunft keine Lösung findet. Das zeigt die Architektur beispielhaft, seit der Unabhängigkeit wurde in Tunesien kein einziges markantes architektonisches Gebäude erstellt.

Kultur wird in Tunesien als ein Spektakel gefeiert, ein Fest, reine Unterhaltung. Jedes kleine Dorf hat sein Festival, verglichen damit ist die qualitativ hochstehende kulturelle Produktion relativ klein. Obwohl das Land eigentlich ein reiches kulturelles Erbe hat, kennen wir unsere Schriftsteller, Kalligraphen und Architekten nicht. Mit dieser Anonymität schaufelt sich die Kultur ihr eigenes Grab.

Sie zeichnen ein sehr schwarzes Bild der Kultur in ihrem Land.

Die Abwesenheit von Qualität und Exzellenz ist überall. Ich gebe ihnen ein Beispiel. Sie kennen das tunesische Nationalgetränk „the à la menthe“. Aber einen wirklich guten Tee hier zu finden, ist sehr sehr schwer. Das ist ein doppelt schlechtes Zeichen: Warum können wir keinen guten Tee machen? Und warum akzeptieren die Leute es für einen schlechten Tee zu bezahlen? Es gibt eine Komplizenschaft zwischen den beiden. Ich habe ein Problem damit, wenn die Mittelmässigkeit unterstützt wird. Diese Nivellierung finde ich gefährlich.

Die Exzellenz ist eine Herausforderung und das wiederum verlangt nach Präzision. Aber wir, wir arrangieren uns konstant. Während Jahren haben wir immer Mittel gefunden, uns aus der Verantwortung zu stehlen, Zick zack zu laufen. Aber wie wollen wir frei sein ohne Verantwortung zu übernehmen? Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortlichkeit. Stattdessen haben wir uns gegenseitig zur Unverantwortlichkeit erzogen. Die Gesellschaft fällt nach und nach in eine Art Sumpf, aus dem sie sich nicht mehr selber heraus ziehen kann.

Waren nicht auch die totalitären Machthaber dafür verantwortlich, dass es diesen Sumpf gibt? 

Ja, die Diktatur hat das vorbereitet, aber trotzdem tragen die Individuen auch eine Verantwortung. Wenn man mit einem Wähler von Islamisten von Angesicht zu Angesicht redet, dann weiss er genau, wovon ich spreche, dass er in eine Sackgasse steuert. Aber weil es sich um eine zahlenmässig grosse Bewegung handelt, ist er stolz darauf dazu zu gehören. Mit der Zugehörigkeit zu einem ihn bestätigenden Kollektiv verabschiedet er sich sozusagen von der restlichen Welt. 

Gegen diese Ignoranz muss man kämpfen. Aber die linken Parteien sind sich nicht im klaren darüber, was sie dem entgegen halten könnten. Sie haben nur den Laizismus à la française zu bieten. Viele Leute befinden sich darum in einer Art Loch. Ich wollte immer ein Kinde meines Landes sein und die islamische Kultur für die andern lesbar machen. Ich fühle mich dabei näher bei Jean-Jacques Rousseau als bei Voltaire.

Aber im Moment ist ein Macht-Kampf im Gang. Der Islam ist nicht ihr Geschäft, die Islamisten sollten die Finger davon lassen, weil sie einen Islam ohne Wurzeln und Tiefe predigen. Die islamistisch dominierte Regierung ist wie ein Chauffeur unterwegs, von dem die Passagiere schon lange gemerkt haben, dass er nicht fahren kann. Er aber ist immer noch im Fahrersitz und will das Steuer nicht aufgeben.

Die grosse Frage ist doch, wie wir in Tunesien ein Staatswesen und eine Gesellschaftsordnung von Grund auf neu aufbauen. Die Frage der eigenen kulturellen Identität ist dabei essentiell. Tunesien ist eine Hoffnung für die ganze arabische Welt. Wir haben vielleicht als einziges von 22 Ländern die Chance einen anderen Weg zu wählen, einen dritten Weg. Im Moment gleicht Tunis aber eher Casablanca während des 2. Weltkriegs. Jedes Land, jede NGO will hier seine Kopie installieren. Aber wir brauchen keinen Fussabdruck von westlichen Systemen, das wird nichts lösen. Wir müssen uns neu erfinden von unseren Ursprüngen her. Das Schöpferische ist revolutionär, nicht das Parolen schreien in den Strassen.

Wie sehen sie denn die jungen Leute heute? 

Wir haben heute eine junge Generation ohne Identität, ohne Wurzeln, sie schweben alle. Jeder kann mir von seinem ipad erzählen, alle surfen an der Oberfläche und sprechen über die letzten Erfindungen, als ob wir in einer amerikanischen Stadt wären. Aber wir sind in Tunis.

Was mir aber wirklich Sorgen macht, ist dieser Hass der sich überall einnistet. Der Hass der Islamisten auf den Westen, der Hass der Linken auf die Islamisten. Es ist wie wenn der Hass der einzige Motor geworden wäre um überhaupt noch vorwärts zu kommen.

Mein Film macht das Gegenteil. Wenn man ihn anschaut ist man befriedet, wird ruhig. Er zeigt den Islam als eine Kultur der Versöhnung und der Liebe, eine Versöhnung mit sich selber und mit den andern. Und er zeigt auch, dass man dafür arbeiten muss um ein Verständnis dafür zu bekommen.

Heute ist es als ob wir mit einer Vergangenheit leben würden, die nicht mehr funktioniert. Wir haben die Kultur unserer Nachbarn übernommen und damit gelebt, wie ein Kleid, das nicht ganz passt. Wir leben so auf einer Anhäufung von falschen Noten, die unsere Realität geworden ist. Diese Realität ist eine Karikatur.

 

* Muhyiddine: „Der den Glauben lebt“

 

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