Vier vor zwölf

Wie es war, als am 25. April die Erde heftig bebte, und was von der internationalen Milliardenhilfe übrig blieb.

Draussen, auf dem Durbar Square in Kathmandu, da stehe ich.

Der historische Platz liegt zu einem grossen Teil immer noch in Trümmern. Vor mir der Königspalast; kaum mehr wiederzuerkennen, der eine grosse Turm steht nicht mehr. Hinter mir stand mal ein Tempel; nur noch Schutt. Ich gehe ein Stück und sehe die Überreste der Narayan-Pagode.

Das Erdbeben hat den Kasthamandap-Tempel zerstört.
Das Erdbeben zerstörte den Kasthamandap-Tempel.

Abgesehen von den Schäden am Durbar Square: Rund fünf Prozent der Gebäude in Kathmandu haben das Erdbeben vom 25. April 2015 nicht überstanden.

Kurz vor Mittag, um 11.56 Uhr Ortszeit, zitterte die Erde mit einer Magnitude von 7,8. Nepals Hauptstadt wurde dabei gemäss internationalen Experten um bis zu drei Meter verschoben. Fast ein Wunder, dass damals und auch beim schweren Nachbeben vom 12. Mai hier in Kathmandu nicht noch mehr passiert ist.

Fast 9’000 Tote, zehntausende Verletzte und hunderttausende Obdachlose hatten die Beben gefordert. Ausserhalb der Hauptstadt, im Kathmandutal und in den vielen abgelegenen Bergtälern, waren die Schäden massiver, die Zahl der Opfer höher, teils auch verursacht von den vielen Erdrutschen, die alles unter sich begruben.

Die Spendenbereitschaft im Anschluss war riesig, allein bei der Schweizer Glückskette sind über 30 Millionen Franken zusammengekommen. Die Gesamtsumme der internationalen Hilfe wird mit umgerechnet knapp 4 Milliarden Franken angegeben.

Ein Zelt aus einer Schweizer Spende.
Ein Zelt aus einer Schweizer Spende.

Ob die Hilfe tatsächlich ankam? Vermutlich nicht in jedem Fall. Viele Nepali sagen mir ganz offen – manche auch nur hinter vorgehaltener Hand – dass die Verteilung der Hilfsgelder noch kaum stattgefunden hat, vor allem sofern die Regierung involviert ist.

Vielen NGOs geht die Arbeit der offiziellen Stellen, besonders auch im Hinblick auf den nahenden Winter, zu langsam voran. Die staatliche Behörde, die den Wiederaufbau koordinieren sollte, ist auch ein halbes Jahr (sic!) nach der Katastrophe immer noch nicht gebildet.

Hinter mir bröckelt es. Die Jugendlichen, die bei den Überresten des Trailokya-Mohan-Tempels sitzen, können sich rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Ich gehe noch ein Stück.

 

 

Meine Einschätzung der Lage in Nepal ein halbes Jahr nach der Erdbebenkatastrophe (hochdeutsche Version, die am 24./25. Oktober 2015 auf zahlreichen deutschen Radiostationen, die dem Audioservice der Deutschen Presseagentur DPA angeschlossen sind, ausgestrahlt wurde):

Oli Dischoe, freischaffender Journalist in Kathmandu – wie ist die Lage ein halbes Jahr nach dem Erdbeben in Nepal? Was sieht man noch von der Katastrophe?

 

Wie ist die Stimmung in der nepalesischen Bevölkerung? Hat die Bevölkerung noch Vertrauen in die eigenen Behörden?

 

Sind mittlerweile wieder viele Touristen in Nepal oder ist die Zahl nach dem Erdbeben stark zurückgegangen?

 

Meine Einschätzung der Lage in Nepal ein halbes Jahr nach der Erdbebenkatastrophe (schweizerdeutsche Mundartversion, ausgestrahlt am 23. Oktober 2015 auf Radio 1):

Oli Dischoe, freischaffende Journalischt, du bisch drüü Möned z’Nepal. Im Moment bisch z’Kathmandu, wie gseht’s dett etz es halbs Jahr nach dem Erdbebe uus?

 

s’hät viel Spende gäh, wo isch das Geld ane? s’git ja immer wieder Grücht, dass s’Geld nöd am richtige Ort aachunnt…

 

Wie gseht’s denn uus i de abglegene Dörfer, wo du vorher au aagsproche häsch? Chunnt de Wiederuufbau voraa?

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