Von deutschen Würstchen und kaukasischen Kartoffelchips

Bockwurst im Glas aus Deutschland: Im Supermarkt In Schwarz-Rot-Gold beworben.

Ich muss gestehen, ich gehe im Ausland gerne in den Supermarkt. Nicht dass ich unbedingt Deodorant oder Zwieback brauchen würde. Nicht dass ich im Ausland jeweils mit eigener Küche zum Kochen wohnen würde. Ich gehe gerne in den Supermarkt, um die Regale und Kühltruhen zu sehen. Ich schaue so in die lokalen Küchen, ein Blick auf die Essgewohnheiten der Menschen dort. Gleichzeitig sind die Supermärkte dieser Welt auch ein Indikator für wirtschaftliche und gesellschaftliche Phänomene: woher kommen die Lebensmittel, wie gross sind die Packungen, wie stark sind die Produkte verarbeitet – ein vernachlässigtes Feld für Alltagsforschung.

Ratlos im Supermarkt

In Tbilisi führte mich der Hunger am ersten Tag in einen mittelgrossen Supermarkt: grösser als die kleinen Allzwecklädeli, die beinahe Allzeit geöffnet ein paar Treppenstufen unterhalb des Trottoirs liegen, und kleiner als die glänzenden Einkaufsparadiese, deren überwältigende Auswahl in den weitläufigen Regalen immer ein bisschen protzig wirkt. Ich war ratlos, als ich das Angebot sah: weder hatte ich einen Plan fürs Abendessen, noch konnte ich die Packungen in georgischer Schrift lesen. Einkaufen mit Bauchgefühl: Randen aus Freude, dass es rohe Randen zu kaufen gibt; kasachische Essiggurken, weil die indischen doch absurd sind; bröckliger georgischer Käse, weil es der einzige einheimische Käse war im Angebot neben Gouda von was weiss ich woher; und ein Laib dieses unglaublich leckeren Weissbrots mit der knusprigen Rinde. Glücklich ging ich mit drei vollgestopften Tüten heim.

Fettarme Milch, Sojamilch, Bio-Ziegenmilch: Die riesige Auswahl in einem grossen Supermarkt in Tbilisi.

Inzwischen habe ich natürlich auch das kleine Kellerlädeli ums Eck gesehen (wo es das traditionelle georgische Brot shoti gibt) und das glänzende Einkaufsparadies im Untergeschoss des modernen Neubaus (wo das Weissbrot ebenfalls lecker und knusprig ist). Und überall fallen die vielen ausländischen Lebensmittel auf: Streichkäse aus Dänemark, Cheddar aus Grossbritannien oder Guetzli aus Italien. Und dann immer wieder Deutschland: Bockwust im Glas, Pfeffersalami geschnitten, Sojamilch oder Bio-Ziegenmilch – alles kommt aus Deutschland und wird im Supermarkt auch in Schwarz-Rot-Gold beworben.

Der Exportschlager sind Haselnüsse

Das Problem ist bekannt: Georgiens Wirtschaft ist zu einem grossen Teil landwirtschaftlich geprägt, aber die Landwirtschaft ist ineffizient. Darum muss Georgien Rohstoffe wie Weizen, Rohzucker oder Pouletfleisch importieren. Aber auch viele verarbeitete Lebensmittel. Denn es gibt im Land nur wenige Betriebe, die Nahrungsmittel weiterverarbeiten. Als Folge exportiert Georgien im Lebensmittelbereich hauptsächlich Rohstoffe. Exportschlager sind – neben den zumindest in der früheren Sowjetunion bekannten Weinen und Mineralwasser – Haselnüsse. Von ihnen gehen je etwa 20 Prozent der Exporte nach Italien respektive Deutschland.

Der georgische Wunsch ist deshalb gross, dass die heimische Nahrungsmittelindustrie wächst. Zum Beispiel mit der Produktion von Kartoffelchips aus lokalen Kartoffeln. Als im letzten Jahr in Tbilisi die Fabrik der «Caucasus Chips Frixx» – ein schwedisches Investment – in Betrieb ging, war auch der damalige Premierminister anwesend. «Dass es ein weiteres Produkt mit dem Label hergestellt in Georgien gibt, bedeutet mir viel», geriet geriet er vor den Journalisten ins Schwärmen. So viel Euphorie eines Politikers ist beeindruckend. Darum werde ich bei meinem nächsten Besuch im Supermarkt die kaukasischen Kartoffelchips kaufen. Sozusagen dem Premierminister zuliebe, denn eigentlich esse ich gar nie Chips.

Schlichtheit im Verpackungsdesign: Georgischer Zucker.

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