Von heiligen Kühen und Elefantengöttern

Kathmandu Diaries #3:
Das Leben in Patan ist ein einziges religiöses Fest – oder so erscheint es zumindest dem westlichen Besucher. Seit ich hier angekommen bin, treffe ich fast jeden Tag auf eine Prozession, heilige Gesänge, mit Butterlämpchen erleuchtete Tempel.
 
Gleich unter meinem Schlafzimmerfenster befindet sich ein kleiner Tempel. Dort wurde während eines gesammten Monats jeweils ab 5 Uhr in der Früh „Puja“ gehalten: Morgendliche Gebete verbunden mit heiligen Gesängen. Diese wurden von den Frauen mit viel Inbrunst und lautstarker Instrumentbegleitung, aber leider wenig Musikgefühl dargebracht. Der Grund für das morgendiche Singen, sei ein Todesfall in der Nachbarschaft, klären mich meine Vermieter auf. Die Frauen hielten bis zum nächsten Leermond morgendliche Mahnwache.
 
Andere religiöse Veranstaltungen hatten fröhlichere Hintergründe. An einem Wochenende fand Gaijatra, das Kuh-Festival statt. Kühe sah ich wenige. Aber die Tempel-Brunnen wurden an diesem Tag voll gefüllt, Kinder badeten ausgelassen darin, Zuckerwatte und Plastikspielzeug und Snacks wurden an den Strassenrändern verkauft. Die ausgelassene Stimmung war ansteckend. Bis ich am Strassenrand die Bettler liegen sah, viele von ihnen verstümmelt und wohl Minenopfer aus dem Bürgerkrieg Nepals. Hin und wieder erhalten sie einige Rupien von den in prächtige Saris gekleideten Frauen, die hier ihre Kinder beim Bad im Brunnen beaufsichtigten. Rote Farbkleckse werden auf die Stirnen gemalt, fein gezöpfelte Armbänder einander umgebunden und Blumenkränze umgelegt.
 
Das Festival geht während der gesamten Woche weiter: Gruppen, ähnlich der Guggenmusiken in der Schweiz, ziehen mit Trompeten und Trommeln durch die Strassen. Manchmal gehen zwei mit wilden, fellueberzogenen Monstermasken verkleidete Personen voran. Hinten folgt ein Tross von Kindern und Jugendlichen, die das Spektakel geniessen.
 
Altes und Neues wird bei diesen Festen vermischt: Nahtlos gingen die Festivitäten am Tag der Internationalen Verschwundenen in eine Erinnerungsfeier über, auf dem Patan Durbar Square wurden Kerzen für die während des Bürgerkriegs Verschwundenen angezündet. Und am Wochenende wurde die Gay Pride kurzerhand in das Festival integriert.
 
Eine Woche spaeter folgte bereits das Krishna-Festival „Sri Krishna Janmastami“, das den Geburtstag der hinduistischen Gottheit Krishna feiert.  Wieder gab es einen grossen Besucherandrang auf Patan Durbar Square und wieder viele Umzüge durch die engen Gassen.
Zufällig beobachetete ich einen Umzug zum goldenen Tempel, es werden zwei Personen in buntgeschmückten Sänften getragen, vorausgegangen sind diesem seltsamen Umzug Musikanten und eine Gruppe Newari-Frauen in ihren Trachten. Was der Umzug bedeutet finde ich nicht heraus, niemand sprach genug englisch um es mir erklären zu können.
   
 
Klar ist hingegen die Bedeutung des Teej Festival, das wieder in der Woche drauf gefeiert wurde. Es ist ein Festival fuer die Frauen, und die Frauen fasten an diesem Tag fuer gute Gesundheit ihrer Ehemaenner oder, falls sie noch nicht verheiratet sind, fuer die ihrer kuenftigen Maenner. Auch bei uns im Buero wurde das Festival gefeiert, es wurde ein Apero fuer alle weiblichen Angestellten gehalten. Es gab Essen und Getraenke, Henna-Tattoos und Bindis zum Aufkleben, einen grossen Kuchen und jeder Trug rot oder gruen, festliche Farben. Mein Team aus Op-Ed- und Feature-Redaktorinnen setzte sich allerdings über den Dresscode hinweg, und setzte damit ein Statement: Meine Kolleginnen können mit diesem konservativen Festival wenig anfangen.
 
Die religiösen Rituale und Wahrzeichen dominieren den Alltag hier und das Stadtbild. Sie sind  die touristischen Highlights der Haupstadt, und ich statte vielen von ihnen früher oder später einen Besuch ab. Eindrücklich für den westlichen Besucher ist ein Besuch bei Pashupatinah, dem Hindutempel beim Bagmati-Fluss. Hier werden die Toten nach jahrhundertealten Ritualen zuerst gewaschen und dann auf grossen Scheiterhaufen am Flussufer kremiert, die Familien stehen dabei, zünden Räucherstäbchen an, verabschieden sich von dem Verstorbenen. Besucher sind willkommen, der Tod ist hier nichts, das versteckt werden muss. So ist denn der Tempel ein Ausflugsziel, am Flussufer spazieren Familien und Pärchen, die Stimmung ist ganz speziell, respektvoll ruhig, aber gleichzeitig lebensfroh.
 
Nur ein kurzer Spaziergang von Pashupatinah entfernt ist Boudanath, eine riesige Stupa, die buddhistische Touristen aus aller Welt anzieht. Im Uhrzeigersinn wird das Baumwerk umgangen, die Gebetsräder gedreht und natürlich auch ausführlich Erinnerungsfotos geschossen. Rings um die Stupa haben sich Souvenirshops angesiedelt und Restaurants, die mit ihren Dachterrassen beeindruckende Ausblicke auf die Stupa bieten.
 
Der dritte Touristentempel ist Swayambu, der Affen-Tempel. Eine Besichtigung will hier hart erarbeitet werden: Die Stupa liegt auf dem Gipfel eines Hügels, eine steile Treppe führt hinauf. Die Anstrengung lohnt sich aber: Die Aussicht auf Kathmandu und die umliegenden Hügel ist schön, und das Sammelsurium aus grösseren und kleineren Heiligtümern auf dem Gipfelplateau grossartig.
 
Bleiben noch die beiden Durbar Square in Patan und Kathmandu, die beiden Plätze vor den ehemaligen Königspaläste, die beide eine vielzahl von wichtigen Tempeln aufweisen. Und natürlich die unzähligen, kleinen Heiligtümern und Tempelchen entlang der Strassen. Ich habe noch nicht fertig zählen können, an wievielen ich auf meinem Weg zur Arbeit vorbeilaufe. eine nicht sehr konzentrierte Zaehlung hat dreissig ergeben. Aber jeden Tag entdecke ich wieder neue.               
 

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