Von Journalisten, Farben, Formen und Geschmäckern

Zeit, wieder einmal etwas von mir hören zu lassen. Mittlerweile bin ich seit einem Monat in Haiti. Geschrieben und erst recht publiziert habe ich noch nicht allzu viel. Leider. Aber damit muss ich leben. In diesem Land geht vieles, eigentlich gar das Allermeiste sehr, sehr langsam. Bis anhin habe ich meine Zeit vor allem damit verbracht, Kontakte zu knüpfen und zu etablieren. Und dazwischen habe ich gewartet: auf Antworten, auf Anrufe, Termine und Menschen.
Aber jetzt tut sich was. Ein erster richtiger Artikel ist hoffentlich bald einmal fertig. Ich brauche noch einige Infos und ich hoffe, dass ich sie im Verlaufe der nächsten Woche kriege. Es geht um ein Recycling-Projekt. Eine Idee, die in unseren Breitengraden längst verankert ist. Hierzulande allerdings haben die Leute noch sehr viel Nachholbedarf. Es wird zwar alles, wirklich alles gebraucht, bis es endgültig kaputt ist. Aber dann landet es nicht in einer Kehrichtverbrennungsanlage oder im Sondermüll, sondern auf der Strasse oder irgendwo in der Natur. Das Land ist zwar eigentlich wunderschön und es würde zum Träumen einladen. Wenn nur dieser Abfall nicht wäre. Manchmal denke ich, Port-au-Prince ist eine einzige riesige Müllhalde.
Morgen unternehme ich meine erste Reise. Es geht nach Les Cayes in den Süden. Dort findet derzeit eine „semaine de la construction sûre“ statt. Ein Symposium, an welchem alle teilnehmen, die sich seit dem Erdbeben vor sieben Jahren und dem verheerenden Wirbelsturm letztes Jahr für den Wiederaufbau von Schulen, sonstiger Infrastruktur und privaten Häusern eingesetzt haben. Ich freue mich sehr und ich hoffe, dass noch einige solcher Reisen folgen werden in den nächsten beiden Monaten.
Aber eigentlich wollte ich doch von Journalisten, Farben, Formen und Geschmäckern schreiben (der Rest ist dann für ein anderes Mal). Also, fangen wir mit den Journalisten an. Die haitianischen Journalisten unterscheiden sich von der Spezies, die in anderen Teilen dieser Welt zu finden sind. Meine eigene journalistische Karriere hat mich bislang in Schweizer Städte, Dörfer, in Amtsstuben, Ratssäle und Vorlesungsräume geführt, auf Bauernhöfe und Landsgemeinden, zu Bundesräten, Uniprofessoren, Hufschmieden und Gleisarbeitern, an Fasnachten und andere Feste. Aber wo auch immer ich war, meistens war ich davor und danach beschäftigt. Und nicht selten hatte ich Stress, weil die Abgabefrist oftmals schneller näher rückte, als mir lieb sein konnte.
Hier ist das ein bisschen anders. Montag ist jeweils Redaktionssitzung. Da erzählen die Kollegen, was sie am Wochenende erlebt, gesehen und gehört haben und was für eine Geschichte ihnen vorschwebt. Die eine Geschichte ist dann diejenige, die sie im Verlauf der Woche (oder der Wochen) zu realisieren versuchen. Abgabefristen und damit verbundenenen Stress gibt es nicht. Das hat dann zur Folge, dass viele Kollegen stundenlang, manchmal auch tagelang mit folgenden Aktivitäten beschäftigt sind: sich auf facebook die Zeit vertreiben, Filme schauen, online-Käufe tätigen, schlafen, essen. Und trotzdem erscheint die Zeitung jeden Tag. Nur ist das Blatt dann mit Werbung, Anzeigen jeglicher Art und Listen von verloren gegangenen Auto- und Motorradnummern gefüllt und weniger mit journalistischem Inhalt, sprich Artikeln.
Soviel zu den Journalisten. Die Farben, Formen und Geschmäcker habe ich am Wochenende an der „Artisanat en fête“ erlebt. Ein zweitägiges Festival, an dem sich alles versammelt, was in der Kunsthandwerkszene Rang und Namen hat. Und auch diejenigen, die noch nicht bekannt sind aber es werden möchten und sich den Stand am Festival (US$ 100.00) leisten können. Die Bildhauer und Maler waren dort, diejenigen, die sich mit Pailletten, Perlen und Stoffen ein Leben verdienen und diejenigen, die auf Kerzen, Seifen und Tees setzen. Es ist doch erstaunlich, wie viel Innovation ein armes und unterentwickeltes Land wie Haiti hervorbringt. Die „Artisanat en fête“ fand bereits zum 11. Mal statt und bot mir ausreichend Gelegenheit, das lokale Gewerbe zu unterstützen. Und sie war eine Augenweide und Gaumenfreude.

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