Von Selbstverständlichkeiten, die keine sind

Fliessendes Wasser und Strom rund um die Uhr sind in Haiti keine Selbstverständlichkeit. Auch in privilegierten Haushalten wird man mit der fehlenden Versorgung immer wieder konfrontiert. Je mehr man sich dessen bewusst wird, desto mehr lernt man eine ausreichende Grundversorgung schätzen.
Seit einer Woche bin ich nun in Haiti – einige Tage verspätet, weil mir Wirbelsturm Maria in die Quere gekommen ist – und seither wird mir jeden Tag bewusst, dass ich mich in einer anderen Welt befinde. Sei es, weil ich Tag für Tag das offensichtlich Andere erlebe: Kreolisch statt Schweizerdeutsch, Palmen anstelle von Tannen, Weitsicht über das Meer statt Tunnelblick durch ein enges Bergtal. Aber auch, weil sich Tag für Tag das weniger Offensichtliche zeigt: Das Wasser, das – wenn überhaupt – kalt aus dem Hahnen tröpfelt. Kalt, weil es kaum je warmes Wasser gibt und tröpfelt, weil der Druck nicht wirklich ausreicht, um das zu erzeugen, was man bei uns Wasserstrahl nennt. Oder weil abends zwar die Lampen brennen, der Strom dafür aber von Batterien kommt und nicht vom Netz. Strom und Wasser rund um die Uhr sind keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Wenigstens nicht in einem Land wie Haiti, in welchem man vielleicht sechs bis sieben Stunden pro Tag Strom aus dem Netz beziehen kann. Batterien oder – wenn diese versagen – Generatoren überbrücken den Rest. Oder weil man zum Zähne putzen Mineralwasser nimmt und nicht Wasser aus dem Hahnen. Krank werden will schliesslich niemand. Nur: Ich kann mir Mineralwasser leisten, viele Haitianer können das nicht. Und ich habe Zugang zu Wasser und Strom im Allgemeinen, auch da gehöre ich einer privilegierten Minderheit an. Wenn man sich dessen bewusst wird und sich immer wieder in Erinnerung ruft, lernt man das schätzen, was viele für selbstverständlich hinnehmen: eine ausreichende Versorgung mit Elektrizität und sauberem Wasser.
In der Redaktion meiner Zeitung „le Nouvelliste“ lerne ich langsam die Kollegen kennen. Wenigstens ihre Gesichter. Ob ich mich an all die Namen, die zum Teil eher fremd klingen, jeweils werde erinnern können, sei an dieser Stelle dahingestellt. Bislang habe ich mich um die „remous de l’actualité“ (Kurznachrichten) gekümmert. Einige haben es ins Blatt geschafft, andere nicht. Am vergangenen Freitag hatte ich die Möglichkeit, zusammen mit Kollegen an einer internationalen Tagung teilzunehmen, die zum Ziel hatte, mit den verschiedenen Ungerechtigkeiten aus der Geschichte Haitis aufzuräumen. Beispielsweise mit den Duvalier-Geldern, die irgendeinmal vom Schweizer Bankkonto zurück nach Haiti fliessen sollten. Es war äusserst spannend und ich habe mit interessanten Persönlichkeiten Kontakt knüpfen können. Ich hoffe, dass sich dadurch Folgegeschichten ergeben werden.
Soviel für den Moment aus Port-au-Prince.

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