«We are the first generation of journalists»

Wie der AFP-Preisträger Mratt Kyaw Thu seine Zukunft sieht – und wie meine journalistische Euphorie in Myanmar auf Desillusion traf.

Viele Burmesen sagen dir ins Gesicht, was sie denken. Wenn sie finden, dass du Babykleider trägst, dann sagen sie es. Und wenn sie deine Story langweilig finden, auch. Die hartnäckigsten dieser Sorte sind die besten Journalisten. Und davon hat es im kleinen ReporterTteam des Frontier Myanmar viele.

Ich bin beeindruckt von der Ehrlichkeit und dem Mut, mit dem das Reporter-Team hier die Wunden der Nation sucht und – akkurat recherchiert – den Finger in die Wunden legt. Manchmal dünkt mich fast, dass sie die Wunden genauer treffen, als ihre Kollegen in der Schweiz. Weil sie sie treffen müssen. Weil sie, wenn sie daneben liegen, weg sind vom Fenster, gefundenes Fressen für ihre Feinde. Vielleicht auch, weil die Themen hier dringlicher sind. Es braucht Leute, die auf Probleme zeigen, die die Mächtigen entschleiern, die Politiker beim Wort nehmen und Resultate fordern. Manchmal schleicht sich bei mir gar ein merkwürdiger, dummer Neid ein: Neid auf die unendliche Fülle an starken, relevanten Geschichten.

Wäre da nur nicht diese Bitterkeit.

Mratt Kyaw Thu in der Redaktion des Frontier Myanmar.

«Als wir vor acht Jahren begannen, waren wir die erste Generation Journalisten», sagte Mratt Kyaw Thu zu mir, wir sassen in einem der vielen Teashops. «Wir dachten, der Journalismus hebt jetzt richtig ab.» Mürrisch, zu mürrisch für einen 27-Jährigen, starrte er auf die Strasse. «Wir lagen wohl falsch.»

Mratt hat sich schon oft überlegt, den Job zu wechseln, wie die vielen anderen Journalisten, die er kannte, die in die PR gingen. Er bekam Angebote, er könnte das Doppelte verdienen. Aber er liebt seinen Job. Er liebt es, seine Meinung zu sagen. «Ich mache diesen Job nur so lange, wie ich schreiben kann, was ich will», sagte er.

Es ist nicht nur der Druck auf Journalisten, der ihn ärgert. Es ist auch der internationale Journalismus, das Korrespondentensystem der westlichen Welt. «Wieso haben ausländische Zeitungen keine burmesischen Korrespondenten?», fragte er mich, ich suchte auf dem Grund meiner Teetasse nach einer Erklärung. Nein, es sei nicht die Sprache das Problem, denn Agenturmeldungen zu schreiben, dafür müsse man nicht aus London stammen. «Es ist immer jemand, der weisser als weiss ist und alles von Wikipedia abschreibt», fügte er an. «Jemand, der zwei Jahre hier gelebt hat und sich dann Experte nennt.» Die westlichen Korrespondenten schrieben oft falsche Sachen und sähen nur, was sie sehen wollten. «Die schreiben, alle buddhistischen Mönche in Rakhine seien böse, und schauen weg, wenn die Leute dort den Mönchen Spenden geben, weil sie sie mögen.»

Mratt weiss, wovon er redet. Für den Frontier reiste er etliche Male in das Krisengebiet. Für seine Rohingya-Berichterstattung hat der diesen Monat den Kate-Webb-Prize der Nachrichtenagentur APF bekommen. Mratt ist ein Experte.

Der Preis, er macht Mratt zu einer Berühmtheit – bekannt ist er in Myanmar bereits. In seiner Rede sagte er: «Ich widme den Preis meinen Freunden, die hinter Gittern sitzen und allen Journalisten Myanmars.» Gemeint waren die beiden Reuters-Journalisten, denen vermutlich wegen ihrer Berichterstattung über die Rohingya-Krise Gefängnis droht.

Eine Woche später sagte Mratt zu mir: «Ich will raus aus diesem Land. Die Situation wird immer schlimmer.» Mratt hat einen Preis gewonnen. Seine journalistische Freiheit, die Freiheit, seine Meinung zu sagen, könnte er jederzeit verlieren.

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