Das Bier, der König, der Mord

Was eine Flasche Zürcher Turbinenbräu auf dem Bücherregal des Chefredaktors der Kathmandu Post verloren hat. 

Das Saisonbier von Turbinenbräu auf dem Bücherregal im Büro meines Chefs.

Mein Lieblingsbier hier in Nepal heisst Gorkha. Es ist ein herbes Pilsner, dessen Namen den berüchtigten Gorkha-Soldaten gewidmet ist.

Auch andere Brauereien griffen in die Klischee-Kiste als sie ihre Biere für den nepalesischen Absatzmarkt tauften: Everest, Nepal Ice oder Khumbu, ein beliebtes Kölsch der Sherpa Brauerei, heissen  ein paar der beliebtesten Biermarken in Nepal.

Als jedoch die Zürcher Brauerei Turbinenbräu letzten Frühling einen Namen für ihr Saisonbier mit nepalesischem Timut-Pfeffer suchte, wollte sie sich nicht den Klischees über Nepal bedienen, wie der Geschäftsführer damals gegenüber dem Tagesanzeiger sagte.

Bei einer Recherche über das Land stiess er auf den ehemaligen König Birendra Bir Bikram Shah Dev. Birendra. Das Wortspiel war perfekt, die Namensuche beendet und bald auch eine Etikette entworfen. Sie zeigte einen zufrieden lächelnden König Birendra mit einem Bier in der Hand. Daneben der Slogan: «This Beer is King!»

Anstelle von ein paar Zürcher Bierliebhaber’innen kam diese Etikette überraschenderweise bald einem viel grösserem Publikum zu Gesicht. Denn die Nepalis fanden gar keinen Gefallen an der Darstellung ihres Königs. Obwohl in Nepal gut und gerne getrunken wird, empfanden es viele als Affront, dass Birendra mit einem Bier in der Hand gezeigt wurde.

Kommentare unter einer Online-Petition, die einen Verkaufsstop forderte.

Auf Social Media hagelte es einen Shitstorm mittlerer Grössenordnung, eine Online-Petition wurde lanciert und das Ganze gipfelte in einer diplomatischen Intervention, in der die Schweizer Botschafterin in Nepal den Zürcher Bierbrauer anrief und darum bat, sämtliche Informationen zum Saisonbier von der Website des Vertreibers zu nehmen. Es gäbe zurzeit Spannungen gegen Ausländer und die Botschaft hätte deshalb bei der Sicherheit aufrüsten müssten, wurde der Geschäftsführer von Turbinenbräu im Tagesanzeiger zitiert. 

Doch es gab durchaus auch positive Reaktionen auf das Branding. «Why so offended???», schrieb ein Twitter-Nutzer. «Let’s import this here! #BirendraBeer sounds cool and looks cool too :)»

Mein Chef gehört eher zu letzterem Typ und bewahrt die Birendra-Flasche, die er von einem Freund geschenkt bekommen hat, seither als Erinnerung an diese Kontroverse ungeöffnet auf seinem Bücherregal auf. Trinken will er das Turbinenbräu nicht. «Sonst würde die Flasche ihren Charme verlieren», sagte er mir.

Die Monarchen und der Mord

Obwohl die Monarchie 2008 abgeschafft wurde, geniesst die Königsfamilie in Teilen der Bevölkerung auch heute noch grossen Respekt. Vor allem König Birendra gilt als besonders beliebter König. Er war der 10. Thronfolger der Shah-Dynastie und folgte 1972 auf seinen Vater Mahendra.

Dieser hatte das Land eisern regiert. Er führte das sogenannte Panchayat-System ein, in welchem politische Parteien verboten waren. Führende Politiker wurden inhaftiert und die Nationalversammlung war lediglich dazu da, die Entscheide des Königs abzusegnen.

König Birendra leitete zwar einige Reformen ein, diese reichten aber nicht aus, um den grassierenden Unmut der Anti-Royalisten und im Besonderen der Maoisten zu dämpfen. Die verbotenen Oppositionsparteien schlossen sich 1990 zu einer Demokratiebewegung zusammen und 200’000 Menschen protestieren in Kathmandu vor dem Königspalast. 

Als Reaktion hob Birendra das Parteienverbot auf und liess Wahlen zu. Das Panchayat-System seines Vaters, dass das Land politisch narkotisiert hatte, war damit beendet. Der Monarch behielt in wichtigen Geschäften jedoch die Oberhand.

1996 begannen die Maoisten, welche sich in den letzten Jahrzehnten im Untergrund radikalisiert und formiert hatten, einen Krieg. Die Maoisten stammten aus den abgelegenen Gegenden Nepals, waren meist Bauernsöhne und wehrten sich als solche vor allem gegen die feudalistischen Besitzverhältnisse in der Landwirtschaft. Sie attackierten Polizeiposten und Bezirksgebäude und eroberten innert fünf Jahren fast ein Viertel aller Bezirke des Landes. Sie forderten die Abschaffung der Monarchie.

2001 löschte sich die Königsfamilie aber beinahe selbst aus. Prinz Dipendra erschoss in einem Delirium seinen Vater König Birendra, Königin Aishwara und sieben weitere Familienmitglieder in deren Palast in Kathmandu. Dipendra war berüchtigt für seinen Jähzorn und seine Drogeneskapaden. Nach dem Attentat richtete er die Waffe gegen sich selbst – so lautet zumindest die offizielle Version dieses Massakers. Bis heute ranken sich zahlreiche Gerüchte um die Geschehnisse dieser Nacht.

Nach dem Mord an Birendra und seiner Familie kam dessen Bruder Gyanendra an die Macht. Er galt als Hardliner und war unbeliebt. Angespornt vom wachsenden Antiroyalismus führten die Moaisten ihren Krieg weiter, worauf Gyanendra 2005 das Kriegsrecht verhängte. Nachdem in dem zehnjährigen Bürgerkrieg über 14’000 Nepalesen ermordet wurden, kam es 2006 zu einer zweiten Demokratiebewegung und zu einem Friedensabkommen. 2008 wurden Wahlen gehalten und es waren überraschenderweise die Maoisten, welche diese klar dominierten und Nepal anschliessend zur Republik erklärten. Dem verhassten Gyanendra gaben sie drei Tage Zeit, um aus seinem Palast auszuziehen.

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