Das Symbolbilder-ABC. Teil 1: A-M

Bilder sagen mehr als Tausend Worte. Ist abgedroschen, stimmt aber – sonst würde die Phrase nicht so oft benutzt. Mit dieser Gewissheit soll dies der Versuch sein, in alphabetischer Folge Motive zu zeigen, die durch die Augen eines Schweizer Journalisten symbolhaft für Myanmar, oder zumindest Yangon, stehen. Falls nötig, mit Erklärungen dazu, die deutlich weniger als Tausend Worte lang sind.

A wie Asien-Uber

Die meisten Ausländer bewegen sich in Yangon fast ausschliesslich in Taxis, die hier gefühlt jedes vierte Auto ausmachen. Und sie sind günstig: Ich zahle dem Fahrer für meinen zehnminütigen Arbeitsweg gut einen Franken.

Hierfür winke ich mir an der Strasse einen heran. Ich habe mittlerweile gelernt zu erklären, wo einerseits mein Büro und andererseits mein Zuhause ist. Für viele andere Ziele, ausser es handelt sich um einen bekannten Fixpunkt wie ein Shoppingcenter, ist diese Erklärung unmöglich. Die Taxifahrer sprechen meist kein Englisch, und man kann ihnen das Ziel der Fahrt auch nicht auf Google Maps zeigen, weil die meisten keine Karte lesen können.

Darum benutzen die meisten Ausländer die App Grab, die von einer Firma in Singapur betrieben wird und in ganz Asien beliebt ist. Die App funktioniert wie Uber und hat dieses in den letzten Jahren in Myanmar unter anderem darum aus dem Markt gedrängt, weil die Amerikaner den Fahrern zu hohe Kommissionen abgezwackt hatten.

B wie Briefkasten

Statt Briefkasten gibt’s hier, zumindest vor vielen der hohen Blockbauten der Innenstadt, Schnüre. An deren unteren Ende ist eine Tasche oder eine Klemmvorrichtung befestigt, um Waren sicher hoch- und runterzuziehen. Am oberen Ende bimmelt eine Glocke, sobald man an der Schnur zieht – so weiss der Hausbewohner, dass jemand etwas vorbeigebracht hat, beziehungsweise etwas verlangt.

C wie Cash ist King, bloss wie lange noch?

Was die Liebe zum Bargeld angeht, macht Myanmar sogar den Deutschen Konkurrenz. Mit Karte kann man ausser in schicken Restaurants und Hotels und in Supermärkten nirgends bezahlen. Umso bemerkenswerter, dass es in den letzten Monaten in Hunderttausenden Tante-Emma-Läden möglich geworden ist, per Handy-App zu bezahlen. Sie heissen Wave Money, KBZ Pay oder Mytelpay und werden bunt beworben. Die Details zu dieser Boom-Industrie gibt’s in meinem Artikel hier.

 

D wie Dunkel

Myanmar leidet unter chronischem Strommangel und wird bei steigendem Verbrauch und verpatzter Versorgungsplanung in den kommenden Jahren in eine schlimme Versorgungslücke hineinschlittern, das steht jetzt schon fest. Schon heute kann sich glücklich schätzen, wer einen Generator vor dem Haus stehen hat. Wir haben keinen; die Blockverwaltung scheint das nicht für nötig zu halten. Darum hängt über unserer Wohngemeinschaft ständig das Damoklesschwert des Stromausfalls – keine Klimaanlage, kein fliessend Wasser, kein Licht. Zur Sicherheit duscht man also als Erstes, bevor man irgendetwas anderes tut – man könnte ja bald keine Chance mehr dazu haben. Ebenso laden wir Powerbanks, Handy- und Computerakkus, solange wir können. Trifft uns der Stromausfall – in der letzten Woche war das zwei Mal während vier Stunden der Fall –, bleibt der Gang in die nächstgelegene Hotelbar, wo es immer Strom gibt, oder vorübergehend das spartanische Leben ohne die Vorzüge der Postmoderne. Das erdet.

E wie Ewigkeit

Die wirtschaftliche Öffnung der letzten zehn Jahre erlaubte es Zehntausenden, Autos zu importieren – die meisten uralt und aus Japan. Letzteres heisst, dass sie Rechtslenker sind, weil in Japan Linksverkehr herrscht. In Myanmar dagegen herrscht Rechtsverkehr. Dass also die meisten auf der falschen Seite lenken, dürfte mit ein Grund sein, dass die Anzahl Verkehrstoter pro Fahrzeuge über 60 mal höher liegt als in der Schweiz. Immerhin: Weil die vielen Import-Japaner die Strassen-Infrastruktur dermassen überfordern, sind die Geschwindigkeiten in Yangon meist nicht hoch genug, um einen im Unfall zu töten. Die Kehrseite ist, dass jeder, der nicht in Gehnähe seines Arbeitsorts wohnt, täglich wertvolle Lebenszeit im Stau verbummelt.

F wie Footwear

Gestatten, das beliebteste Fusskleid Myanmars: der Flipflop. Nicht nur heute, sondern schon seit Ewigkeiten, wie ein Besuch im Nationalmuseum zeigt. In der Regenzeit kann man sich noch so gut zu schützen versuchen, am Ende sind die Füsse nass. Da kann man es auch gleich aufgeben und auf geschlossene Schuhe verzichten. So ist es sogar für Minister und hohe Geschäftsmänner, in Sandalen aufzukreuzen – allerdings normalerweise nicht kombiniert mit Hose, sondern einem landestypischen Longyi-Wickelrock.

G wie Grün, aber grau

Von einem der immer zahlreicheren Hochhäuser betrachtet, ist Yangon eine grüne Stadt. Von unten, von der Strasse aus aber ist sie fast sehr grau, ein Concrete Jungle. Die Bäume stehen oft auf Grundstücken, die nicht öffentlich zugänglich sind.

H wie Handy-Revolution

Wichtig auf diesem Bild ist nicht die goldene Sule-Pagode, sondern der höhere (das wird von der Perspektive verzerrt) Mobilfunkturm dahinter und der auf dem Bordstein sitzende Mann, der in sein Handy starrt. Vor sechs Jahren hatte hier nur das reichste Prozent ein Handy, heute haben fast alle ein Smartphone. Diese Revolution hat einerseits das Aufkommen einer Vielzahl neuer Wirtschaftssektoren, die auf digitalen Technologien beruhen, ermöglicht. Andererseits spülen die beliebten sozialen Netzwerke, allen voran Facebook, auch den weit verbreiteten Hass auf Minderheiten wie Muslime an die Oberfläche. Die Folgen davon sind bekannt.

I wie Immer mit der Ruhe

Den Mann macht so schnell nichts nervös. Jeden Morgen sehe ich unseren Hausmeister auf zwei Liegestühlen fläzend im Hauseingang; entweder döst er dabei oder er liest eine der mehreren Zeitungen, die er sich am Kiosk um die Ecke geholt hat. Kaum auf die Strasse getreten, ergibt sich mir das gleiche Bild: Dutzende Männer und Frauen, die sich von nichts hetzen lassen, sitzen auf Mäuerchen, Stühlen, Fahrrädern und plaudern. Der Europäer, der pflichtbewusst von Termin zu Termin hetzt, beneidet sie darum und versucht, sich eine Scheibe von der Gelassenheit abzuschneiden.

 

J wie Jööö

In der Innenstadt haben die Hunderudel die schachbrettartig aufgezogenen Strassen unter sich aufgeteilt. Nachts, wenn die Autos die Strassen freigegeben, brechen die Revierkonflikte zwischen ihnen aus. Das Bellen der Sieger und das Jaulen der Geschlagenen gehen durch Mark und Bein und halten manchen, der keine Ohropax zur Hand hat, stundenlang wach. Tagsüber dagegen leben die Hunde friedlich neben den Menschen her.

K wie Krieg

Auf der Darstellung links steht jeder farbige Punkt für die Präsenz einer Ethnic Armed Organisation. Oder anders: In Myanmar toben Dutzende bewaffnete Konflikte. Zwar liest man in den Medien täglich von den neusten Anschlägen auf Militärposten oder Schiessereien in den grenznahen Regionen anderswo im Land. Doch im Alltag Yangons (im Süden des weiss dargestellten, friedlichen Teil des Landes) spürt man nichts davon. «Es fühlt sich an, als fänden all die Abscheulichkeiten in einem anderen Land statt», sagte mir ein lokaler Geschäftsmann vor ein paar Wochen beim Znacht. Was er nicht sagte: Dass die Mehrheit der Bamar – das ist die Ethnie, die hier fast alles dominiert – die Gewalt an den Minderheiten befürwortet.

M wie Modrig

Es ist ein Jammer. Schon Gebäude aus den 90ern sehen aus, als wären sie doppelt so alt, weil die Feuchtigkeit und die Vernachlässigung der Besitzer so an ihnen nagen – man kann sich damit trösten, dass diese Gebäude auch neu nicht schön aussahen. Anders steht’s um die Hundertschaften wunderbarer Kolonialbauten. Eines ist prachtvoller als das andere; beziehungsweise wäre, wenn sich denn jemand darum gekümmert hätte. Wenigstens der wichtigsten Perlen von Yangon haben sich in den letzten Jahren verschiedene Kulturerbe-Organisationen angenommen, um sie wieder herzurichten.

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