Freundlichkeit, Föderalismus und Feinstaub

Drei Monate durfte ich in Nepal Journalistin sein. Ein paar Erkenntnisse und Anekdoten zu diesem Perspektivenwechsel.

Air quality in Kathmandu: 127. Auf der Startseite der Kathmandu Post befindet sich gleich unter der Temperaturanzeige ein Index für die Luftverschmutzung. Er gibt den Schadstoffgehalt in der Luft an und reicht von 0 bis 500, wobei es ab 300 akut gesundheitsschädigend wird. Über die Luftqualität – und was die Regierung dagegen unternimmt – erscheinen bei der Kathmandu Post regelmässig Artikel und Kommentare. Die Zeitung wirbt gar mit dem Versprechen, der Regierung bei der Bekämpfung des Problems auf die Finger zu schauen – siehe Bild.

„The Prime Minister says fewer people have to wear dust masks since he’s taken office. But pictures don’t lie, and neither do numbers. The Post will bring you both, without fear or favour. See upto-the-minute status of air quality in major cities across the country at: kathmandupost.com/airquality“ – steht unten links im Inserat.

Das Beispiel ist simpel, aber es zeigt, was dieser dreimonatige Aufenthalt in Nepal für mich bedeutet hat: eine Auseinandersetzung mit ganz anderen Themen als denjenigen, die die Medienlandschaft in der Schweiz dominieren. Dieser Perspektivenwechsel war eine grossartige Erfahrung. Man schaut aus einer anderen Ecke der Welt auf die globalen Geschehnisse und man gewichtet sie auch anders. Ein Beispiel dafür ist der Brexit.

Dafür muss ich kurz erklären, was ich bei der Kathmandu Post genau gemacht habe. Während meinem zehnwöchigen Praktikum war ich im Team der Meinungsredaktoren. (Meinungen und Berichterstattung sind bei der Post redaktionell getrennt – eine Polit-Redaktorin würde nie einen Kommentar verfassen). Meine Aufgabe war es unter anderem, täglich zwei Meinungsartikel aus asiatischen Partnermedien (z.Bsp. Korea Herald oder Jakarta Post) auszuwählen und diese zu editieren, damit sie für die Kathmandu Post verwendet werden konnten. In der ersten Woche, als im Britischen Unterhaus wieder mal die Fetzen flogen, wählte ich zweimal einen Artikel zum Brexit. Doch meine Kollegin Avasna sagte nur: «Brexit? That’s not a big deal here.» Nepal habe ein kleines Handelsvolumen mit Grossbritannien. Ob und wie Grossbritannien aus der EU ausscheidet, das interessiere hier den durchschnittlichen Leser wenig. Das gleiche galt für meine Tendenz, Artikel über den Nahost-Konflikt, den IS oder den Angriff der Türkei in Nordsyrien auszuwählen. Spannend, aber irgendwie weit weg.

Flughafen oder Wald

Also habe ich mich eingelassen und eingelesen. Ich habe Artikel editiert über den Kashmir-Konflikt, Narendra Modis neues Gesetz zur Staatsbürgerschaft, Infrastrukturprojekte paid by China, über schwindende Pressefreiheit in Pakistan, die Explosion der Zwiebelpreise in Indien, die Proteste in Hongkong, einen Plagiate-Skandal in Bangladesch, über Bhutans Gross National Happiness Index, und über regionale Staatenverbände wie die SAARC – die South Asian Association for Regional Cooperation – oder die ASEAN, den Zusammenschluss südostasiatischer Länder.

Auch wenn ich weit entfernt bin von einem vertieften Verständnis der Komplexität und Diversität Südasiens, haben sich die Artikel mit der Zeit wie Puzzle-Teile zu einem etwas grösseren Bild zusammengesetzt. Zwei Spannungsfelder prägen meiner Ansicht nach die Region besonders. Zum einen ist es das Drängen auf wirtschaftliche Entwicklung bei gleichzeitig steigendem Bewusstsein für die Auswirkungen auf die Umwelt und den Klimawandel. Länder wie Nepal wollen wachsen, doch es besteht viel Unsicherheit, wie dies mit der Einhaltung ökologischer Ziele vereinbar sein soll.

Ein Beispiel dafür ist das Flughafenprojekt Nijgadh im Süden Nepals. Um in die Zukunft des Tourismus zu investieren und den Flughafen in der Hauptstadt Kathmandu zu entlasten, will die Regierung dort einen zweiten internationalen Flughafen bauen. Er könnte das Potenzial haben, zu einem regionalen Knotenpunkt zu werden. Doch das Gelände ist eines der letzten unberührten Flecken eines 800 Kilometer langen Waldstreifens, der ein wichtiges Habitat für Wildtiere darstellt. Die Rodung des Waldes würde ausserdem das Risiko von Überschwemmungen im dicht besiedelten Süden deutlich erhöhen. Umweltschützerinnen und Umweltschützer lancierten Proteste, müssen sich aber oft damit rechtfertigen, keine Anti-Entwicklungs-Bewegung zu sein. Viele sind nicht gegen einen zweiten Flughafen, sondern gegen den aktuellen Standort. «Nepal needs development, it needs a second airport, but not at the cost of 2.4 million trees», sagte mir eine Aktivistin.

Im Sandwich

Ein zweites Spannungsfeld ist das Ringen um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nepal ist hier wohl ein besonderer Fall. Der Bürgerkrieg ist noch keine 15 Jahre her, die 2015 verabschiedete Verfassung ist wegen ihrer Benachteiligung von Frauen und ethnischen Gruppen bei der Staatsbürgerschaft umstritten, Korruption ist weit verbreitet und der Aufbau föderaler Strukturen verläuft zäh. Gleichzeitig ist das Land einklemmt zwischen zwei Ländern, die sich von immer mehr demokratischen Prinzipen verabschieden – China und Indien.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit, vor allem zu Indien, ist gross. 2017 stammten 63 Prozent aller Importe aus Indien und 54 Prozent aller Exporte gingen nach Indien. Es wird schwierig werden für Nepal, die eigenen demokratischen Strukturen zu stärken und gleichzeitig die Beziehungen zu den autoritären Riesen aufrecht zu halten. Gerade China versucht nämlich auch innenpolitisch Einfluss auszuüben. Ende September veranstaltete die Kommunistische Partei Chinas einen Ideologie-Kurs für die Regierungspartei Nepals. «Xi Jingping Thought» hiess der Anlass. Als ein paar Wochen später das chinesische Staatsoberhaupt zu Besuch war, wurde eine 14-Jährige für 12 Stunden in einer Polizeiwache festgehalten, weil sie ein Free-Tibet-Shirt trug. Und letzte Woche erschienen in der Kathmandu Post auf der dritten Seite zwei Artikel über die erfolgreiche Armutsbekämpfung in Tibet – Sponsered Content von Chinas Staatsmedium China Daily.

Das Knacken in der Leitung

Ich hatte neben meiner Arbeit beim Meinungsteam auch Zeit gefunden, ein paar eigene Artikel für die Kathmandu Post zu schreiben. Das war ebenfalls eine bereichernde Erfahrung, da es doch einige unvorhergesehene Herausforderungen gab.

Mühsam waren unter anderem Telefonate. Die Tonqualität war schlecht und in Kombination mit sprachlichen Verständnisschwierigkeiten war es oft unmöglich, ein seriöses Recherchegespräch zu führen. Also düste ich mit den Töffli-Taxis durch halb Kathmandu um irgendwelche Leute in ihren Büros oder in Cafés zu treffen. Das war zwar spannend, kostete jedoch wegen des permanenten Staus viel Zeit – und Nerven. Ein paar Mal kam es auch vor, dass die Person die gewünschten Informationen gar nicht hatte und ich mit leerem Block zurück in die Redaktion kehrte.

Irgendwo in Kathmandu: Wo man auch hin will, man braucht Geduld. Und eine Maske.

Positiv war, dass die meisten Menschen, die ich durch Recherchen getroffen habe, sehr interessiert und gesprächsfreudig waren. Das Klischee der Freundlichkeit der Nepalis wurde oft bestätigt. Und ich spürte viel weniger als in der Schweiz ein Misstrauen gegenüber mir als Journalistin. Viele sprachen sehr offen mit mir. Klar, als Schweizerin war ich auch ein wenig eine Exotin und viele waren neugierig und wollten wissen, was ich in Nepal mache und wie es mir gefalle. Oft ist der Satz gefallen: «Nepal wants to be the Switzerland of Asia», manchmal hoffnungsvoll, manchmal ironisch. Ein Finanzexperte, den ich wegen einer Recherche zum Thema Föderalismus getroffen habe, hat Tränen gelacht, als er mir die Anekdote erzählte, wie ein früherer Premierminister Nepals dieses Versprechen einmal bei einer Fernsehansprache gemacht habe und es darauf eine Woche später in Kathmandu das erste Mal seit Jahrzehnten geschneit habe.

Dhanyabad!

Nepal hat mir viel gegeben in diesen drei Monaten und zwar meist ganz ungefiltert, ungeschönt. Das hat mir am besten gefallen. Die vielen Begegnungen und das Einnehmen dieser fremden Perspektive werden meine journalistische Arbeit noch lange beeinflussen. Ich bin zutiefst dankbar, dieses Land kennengelernt haben zu dürfen. Ich bin dankbar dem MAZ, das mir die Möglichkeit dazu gegeben hat. Ich bin dankbar meinen Kolleginnen und Kollegen bei der Kathmandu Post, die mir Tipps und Telefonnummern gegeben haben, die mich inspiriert haben und mit denen ich auch viel zu lachen gehabt habe. Und ich bin dankbar all den Menschen, die ich hier getroffen habe, und die ihre Geschichten mit mir geteilt haben.

Danke! Dhanyabad!

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