Redaktionsgebäude wurde abgebrannt: Homeoffice in Nepal

Geht es nach Nepal oder nicht? Lange ist nicht klar, ob ich meine Stage bei der Kathmandu Post werde antreten können. Mein Abflug ist für den 12. Oktober geplant – am 8. und 9. September gehen in Nepal massenhaft Menschen auf die Strasse. Überwiegend Junge protestieren gegen die korrupte Regierung und die schlechten Lebensbedingungen.

Keine Chance, hier zu arbeiten.

Doch die Proteste eskalieren. Am Ende sind über 70 Menschen tot. Trotz des Rücktritts der alten Regierung und einer neu eingesetzten Übergangsregierung bleibt die Lage im Land angespannt. Maz und Deza wollen erst noch abwarten, bevor sie entscheiden, ob sie mich unter diesen Umständen nach Nepal schicken.

Bei mir in der sicheren Schweiz wächst die Anspannung. Worauf soll ich mich für die nächsten drei Monate einstellen? Was soll ich vorbereiten, womit soll ich noch zuwarten? Irgendwann wird klar, dass ich zumindest die Trekkingtour, die ich vor Beginn meiner Stage mit einer Freundin geplant habe, werde machen können – aus Kathmandu rauszukommen, sei kein Problem, und in den Bergen sei es ruhig, schreibt unser Guide über Whatsapp. Ich werde also definitiv nach Nepal fliegen. Aber wann komme ich zurück?

Stage ist möglich – aber unter erschwerten Bedingungen

Erst vier Tage vor meinem Abflug erfahre ich: Die Stage ist möglich – wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Denn während der Proteste wurde das Gebäude, in dem unter anderem die Redaktion der Kathmandu Post untergebracht war, abgebrannt, die Journalist:innen arbeiten alle von zu Hause aus.

Das ist von dem Gebäude übrig, in dem die Kathmandu Post untergebracht war – geplant ist, es innerhalb eines halben Jahres zu renovieren.

Eigentlich habe ich mich für die Stage beworben, um den Alltag auf einer Redaktion im Ausland kennenzulernen, mich mit den Journalist:innen vor Ort auszutauschen, zu erfahren, wie und unter welchen Bedingungen sie arbeiten, vor welchen Schwierigkeiten sie stehen, wie sie Themen gewichten. Mein Chef bei der Kathmandu Post verspricht mir, dass wir ab und zu zusammen in Cafés oder Bibliotheken arbeiten können. Mit den Verantwortlichen von Maz und Deza vereinbare ich, dass ich die Stage abbrechen kann, falls ich tatsächlich nur allein in meiner Wohnung sitze.

Und so fliege ich am 12. Oktober los – mit Wanderkleidung und Arbeitskleidung im Gepäck.

„Nepal ist schön, aber die Politiker:innen sind schlecht“

In Kathmandu zeugen die vielen Graffitis und abgebrannten Häuser von den Protesten vor rund einem Monat – Hotels, die im Besitz von unbeliebten Regierungsvertreter:innen sind, Polizeistationen, Gerichte, das Parlamentsgebäude, Supermärkte oder eben Medienhäuser wurden verwüstet.

Graffitis in Kathmandu erinnern an einige der getöteten Protestierenden.

Viele Taxifahrer fragen uns nach unserer Herkunft. Wenn sie erfahren, dass wir aus der Schweiz kommen, sprechen sie uns nicht auf den Bollywood-Drehort Interlaken an, wie es noch bei meiner Vorgängerin im letzten Jahr der Fall war. Sondern darauf, wie sicher, demokratisch und nicht korrupt unser Heimatland sei. Wenn wir sie fragen, wie sie Nepal finden, ist die Antwort praktisch immer die gleiche: Schön, aber die Politiker:innen sind schlecht.

Wie schön das Land sein kann, zeigt sich auf unserem zwölftägigen Trek. Die Landschaft ist atemberaubend. Doch die Bedingungen, unter denen manche Menschen leben, die Kinder in den abgelegenen Dörfern, die entweder zwei Stunden zur nächsten Schule zu Fuss gehen müssen, oder gar keine Schule besuchen können, zeugen auch von den Schwierigkeiten des Landes.

Auf dem Manaslu-Trek wandern wir durch wunderschöne Landschaften.

Nach einer weiteren Woche in Kathmandu verabschiede ich mich von meiner Freundin. Meine Arbeit beginnt an einem Sonntag um 11 Uhr in einem Café – Nepal hat eine Sechstage-Arbeitswoche. Dort treffe ich zum ersten Mal meinen Chef, um die nächsten rund zwei Monate zu besprechen. Ich werde im Ressort Culture and Lifestyle arbeiten – das behandelt «alles, was Freude macht», wie mein Chef sagt.

Panikattacken nach dem Brand

Ich frage ihn auch nach den Protesten, vor allem nach dem Brand an seinem alten Arbeitsplatz. Verletzt worden sei niemand, weil schon am Tag zuvor, also am 8. September, aufgrund der Proteste Homeoffice angeordnet worden war. Es haben sich nicht viele Journalist:innen im Gebäude befunden, und diejenigen, die da waren, wurden von den Brandstiftern aus dem Gebäude getrieben.

Die Bilder des brennenden Hochhauses und der ausgebrannten Räume seien traumatisierend gewesen, sagt mein 24-jähriger Chef. Einige im Team hätten Panikattacken bekommen, einige trauten sich nicht mehr aus dem Haus. «Ich denke nicht gern an diese Tage», meint er.

Wer sind die Brandstifter?

Auf die Gründe für die Brandstiftung angesprochen, meint mein Chef: Wie bei den anderen Gewalttaten, Plünderungen und Brandstiftungen seien auch das nicht die jungen Menschen gewesen, die gegen die Regierung auf die Strasse gingen, sondern Trittbrettfahrer:innen und Krawallmacher:innen.

Der Brandanschlag habe wahrscheinlich nicht in erster Linie der englischsprachigen Kathmandu Post gegolten, sondern der Schwesterzeitung Kantipur, die auf Nepalesisch publiziert und als meistgelesene Zeitung des Landes gilt. «Die Kolleginnen und Kollegen der Kantipur sind furchtlos und kritisieren offen Politikerinnen und Politiker», sagt mein Chef.

In letzter Zeit hätten sie einen korrupten Politiker in den Fokus genommen. Das habe dessen Partei gar nicht in den Kram gepasst. Auf Videos sei zu sehen, dass Vertreter der Partei unter den Brandstiftern waren. Nachprüfen kann ich das nicht.

Eine gute Neuigkeit hat der Chef auch noch für mich: Es gibt ein neues Büro. Die Redaktionen von Kantipur und Kathmandu Post werden vorübergehend im Gebäude von Kantipur TV einquartiert. Auch das wurde während der Proteste verwüstet, doch im Gegensatz zum Zeitungsgebäude kann es in absehbarer Zeit instand gesetzt werden.

An meinem zweiten und dritten Tag in Kathmandu arbeite ich dann tatsächlich allein im Homeoffice. Das mache ich schon in der Schweiz nicht gerne. Hier, in dieser Stadt, in der ich noch niemanden kenne, mit dem ich mich am Feierabend treffen kann, finde ich es noch weniger lustig.

Wenige Kolleg:innen im provisorischen Büro

Am vierten Tag habe ich meinen ersten Interview-Termin und am fünften Tag trifft sich mein Team endlich zum ersten Mal im neuen Bürogebäude. In den Gängen stehen noch geschwärzte Schränke, Treppengeländer müssen erst wieder installiert werden, die Bodenplatten sind von der Hitze der Feuer gesprungen.

Unser provisorisches Büro besteht aus einem einzigen Raum mit einem langen Tisch und einigen Bildschirmen – auf der einen Seite sitzen Journalist:innen von Kantipur, auf der anderen diejenigen der Kathmandu Post. Viele sind es nicht – einerseits gibt es keine geregelten Arbeitszeiten und alle scheinen einfach irgendwann im Büro aufzutauchen, andererseits arbeiten weiterhin viele von zu Hause aus. Fast entschuldigend zeigen mir meine Mitarbeitenden Fotos ihres früheren Büros, erzählen, wie schön es war und wie super das Essen in der Kantine geschmeckt hat.

Das provisorische Büro bleibt ziemlich leer.

Nach unserer Team-Sitzung und einem gemeinsamen Mittagessen verabschieden sich auch mein Chef und meine Team-Kollegin wieder ins Homeoffice. Ihnen ist es zu laut im Büro, und ganz wohl fühlen sie sich hier nicht. Denn wie mir mein Chef erzählt, wurden hier, bei Kantipur TV, während der Proteste mehrere Journalist:innen von den Brandstiftern verprügelt und mit dem Tod bedroht.

Die Proteste haben Spuren hinterlassen – nicht nur an den Gebäuden, sondern auch bei den Menschen. Doch ich spüre auch viel Hoffnung. Viele, mit denen ich spreche, sagen, die Proteste hätten wirklich etwas bewirkt, hätten etwas ausgelöst, hätten vor allem die junge Generation politisiert und wachgerüttelt. Neuwahlen sind für den 5. März angesetzt. Dann werde ich nicht mehr im Land sein, doch ich bin gespannt, was dabei herauskommt.

Und ich bin auch gespannt, was mit mir in den nächsten zwei Monaten passieren wird – und wie oft ich im Homeoffice arbeiten werde.

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