„Thawra“ – der Versuch einer Revolution

LIBANON: Es ist Freitagmittag und Beirut brennt. Gestern Nacht sind in Staedten im ganzen Libanon Proteste ausgebrochen, und heute gehen sie weiter. Strassen sind blockiert, Rauch steigt ueberall auf.

Der Grund? Die Menschen sind muede: Von den Stromausfaellen, von der maroden Infrastruktur, den mit Autos und Muell verstopften Strassen, von den Politikern, denen sie nicht trauen. Letzte Nacht ist diese Muedigkeit in Wut umgeschlagen: Vorgestern hatte die Regierung angekuendigt, die Benutzung von Mobile-Messengerdiensten wie Whatsapp zu versteuern.

Ruf nach dem Ende der Regierung

Das hat das Fass zum Uberlaufen gebracht: Gestern Nacht begannen spontane Proteste in Staedten im ganzen Land, von Tripoli im Norden ueber Beirut bis nach Tyre im Sueden. Tausende marschierten durch die Strassen, sangen und riefen nach dem “Sturz des Regimes”, nach “thawra” – der Revolution.

Die Proteste sind laut, chaotisch und ungeplant: Sie begannen friedlich, im Laufe der Nacht wurden sie gewalttaetig – bis in die fruehen Morgenstunden wurden Abfallberge und Reifen angezuendet, irgendwann setzten die Sicherheitskraefte massives Traenengas ein. Doch die Sicherheitskraefte – Armee und Polizei – hielten sich einigermassen zurueck, laut manchen Berichten sollen einige sogar mitmarschiert sein. Fuer Entsetzen sorgte jedoch die Reaktion eines Bodyguards des Erziehungsministers, der mit einem Maschinengewehr vom Dach eines Autos Schuesse abgab.

Auf dem Arbeitsweg kam mir heute Morgen kaum ein Auto entgegen, ich fand weder ein Uber noch ein Service – das Sammeltaxi, das hier zum Markenzeichen des oeffentlichen Verkehrs gehoert. So erreichte ich nach einem Fussmarsch verschwitzt den Martyr’s Square, den riesigen Platz vor der imposanten Al-Amin-Moschee, hinter dem mein Buero liegt. Hier bot sich ein chaotisches Bild: zerborstene Fensterscheiben, schwelende Braende.

„Das ist vielleicht erst der Auftakt“

Heute Freitag geht es weiter. Alle Hauptverkehrsachsen sind blockiert, Rauch liegt ueber der Stadt. Das gestern sei der Auftakt gewesen, meinte ein Kollege auf der Redaktion des Daily Star, wo ich derzeit arbeite. In der Zwischenzeit protestieren sogar Priester mit. Und viele demonstrieren friedlich, tanzend, jubelnd, die Nationalhymne singend. Mein Liebling war eine aeltere, grauhaarige Dame, die eine Libanon-Flagge schwenkend auf der Strasse herumhuepfte.

Seit meiner Ankunft hier vor einigen Wochen hat sich der Lauf der Dinge beschleunigt. Die vergangenen Wochen waren gepraegt von Streiks der Tankstellen und Baeckereien, einer wirtschaftichen Abwaertsspirale und einer drohenden Inflation des Libanesischen Pfunds. Seit mehreren Wochen gibt es an den Bankomaten keine Dollar mehr zu beziehen.

Gestern waren viele junge Leute auf den Strassen, fuer viele ist es das erste Mal an einem Protest. Der Buergerkrieg, von dem immer alle Westler hier reden wollen, liegt fuer sie weit zurueck. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, doch Jobs fehlen. Das starre politische System haelt das Land in einem Stillstand, keiner der jungen Menschen, mit denen ich hier gesprochen habe, vertraut dem politischen Establishment. Die Proteste sind fuer sie eine Erleichterung – endlich, endlich ein Aufwachen aus dem Stillstand. Nebst Chaos ist auch sehr viel Erleichterung auf den Strassen. Auf Social Media wird zum Widerstand aufgerufen, Musikclubs und hippe Laeden bleiben aus Solidaritaet geschlossen – sogar mein lokaler Beautysalon des Vertrauens machte einen entsprechenden Instagram-Post.

Soeben hat Saad Hariri, der – von vielen ungeliebte – Premierminister, die Kabinett-Sitzung von Freitagnachmittag abgesagt. Derweil debattiert unsere Redaktion hier, ob er seinen Abgang vorbereitet. Die Rufe danach sind zumindest auf den Strassen des Libanon sehr laut.

(Die Kollegen Timour Azhari und Hasan Shaaban waren die ganze Nacht unterwegs, Kollegin Sahar Houri ist seit sechs Uhr in der Frueh dran. Hier gibt’s ihre Berichterstattung auf Englisch.)

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