„Thawra“ Tag 3 – Aufstehen nach dem Crackdown

LIBANON: Die Sonne geht hinter der grossen Moschee unter, das Licht ist fantastisch. «Wir wollen Freiheit, eine faire Regierung», sagt mir die junge Frau auf dem Martyrs’ Square in Downtown Beirut, inmitten von Dabke-Musik und Gesängen. Ich will nachhaken, sie sieht mich ungläubig an – es sei doch klar, warum. Tatsächlich haben mir das in den vergangenen 24 Stunden ein gutes Dutzend junge Menschen erklärt. Was sie sich erhoffen, variiert: Neuwahlen, den Rücktritt der Regierung, ein neues politisches System. Die Grundforderung bleibt aber die gleiche: Hauptsache Veränderung, gegen die Korruption einer politischen Elite.

Der dritte Tag der Proteste in der Hauptstadt war sehr friedlich, sehr fröhlich, sehr laut. Downtown ist normalerweise ein ausgestorbener Ort – eine Art Disneyland für die Reichen, kein öffentlicher Platz. Das war heute anders: Es versammelten sich Tausende den ganzen Tag über zwischen Martyrs’ Sqare und dem Parlamentsgebäude, dem Serail.

Trotz Repression weiter auf die Strasse

Dass so viele am heutigen Freitag auf die Strasse sind, ist erstaunlich. Denn gestern Nacht kam es zu einem Crackdown: Massive Tränengaseinsätze, Gummigeschosse – gefeuert in eine Menschenmenge. Ein befreundeter Filmemacher geriet auch hinein: «Es kam ohne Warnung, aus dem Nichts. Sie feuerten nicht eine Runde, sondern zwanzig. Sie jagten die Leute damit vom Serail bis nach Gemmayze. Alle rannten voller Panik, stolperten, fielen hin. Verrückt.»

Mehrere hundert Demonstrant*innen wurden von den Sicherheitskräften festgenommen. «Sie haben meinen Freund verprügelt. Und dann aus dem Gefängnis heute aus dem Hinterausgang entlassen, damit niemand mitbekommt, wie die danach aussehen», sagt mir eine andere junge Frau, die sich etwas abseits der Menge erholt.

Über Religionsgrenzen hinweg – fast

In der Strasse neben der Moschee werden zwischen hupenden Rollern und tanzenden Jugendlichen Kerzen angezündet. Für die sechs Toten, die es in Tripoli und Tyre gegeben hat. Tyre liegt im Süden des Landes, fast an der israelischen Grenze. Hier haben Milizen der schiitischen Amal-Bewegung von Parlamentssprecher Nabih Berri Protestierende und Journalist*innen systematisch verprügelt. «Die haben verdammt Schiss. Deswegen drehen sie so durch», sagt eine weitere Demonstrantin. Es sei das erste Mal, dass sich so viele Leute  öffentlich gegen ihre Leader stellen, Namen nennen, anklagen.

Die Proteste finden im ganzen Land statt. Sie markieren eine Zäsur – kaum kommt es vor, dass religionsübergreifend demonstriert wird. Sonst bleiben die 18 anerkannten Religionsgemeinschaften des Landes mehrheitlich für sich. Die politischen Parteien sind eng mit den Religionen verwoben – doch dieser Tage sieht man praktisch keine Parteifahnen , nur die libanesische Nationalflagge. „Wir sind heute keine Schiiten, Christen, Sunniten oder Drusen. Sondern Libanesen“, höre ich heute oft. Und eine junge Frau in einer Bar – bezeichnenderweise namens „Demo Bar“ – zeigt mir ihr selbstgemaltes Schild: „Sekularismus ist die Lösung“. Auf ihrem Baseballcap hat sie das Logo mit Edding übermalt und mit „Thawra“ (dt. Revolution) ersetzt.

Ich bin zugegebenermassen etwas geflasht davon, wie der Protest in Beirut aussieht. Im Westen kranken wir vielleicht manchmal daran, den Nahen Osten zu oft durch die Katastrophenbrille zu sehen. Hier haben sich unglaublich schöne und herzliche Szenen abgespielt: In Beirut verschenkte eine grosse Supermarktkette Wasser an die Demonstrierenden. In der Stadt Aley feierte ein Paar ihre Hochzeit in der Menge. Auf den sozialen Medien kursieren Videos, wie vereinzelt Protestierende und Sicherheitskräfte erst diskutieren, und sich dann umarmen und küssen.

«Diesmal machen wir es richtig»

Als in der Nacht vor dem Serail ein Mann aus der Menge versuchte, die Wache stehenden Sicherheitskräfte mit einer Flasche zu bewerfen, hielt ihn ebendiese Menge davon ab – darauf bedacht, es nicht zu einer Eskalation kommen zu lassen. Eine besondere Rolle spielen die Frauen im Protest: Sie stellen sich oft in die ersten Reihen und massregeln jene, die sich nicht an die Spielregeln halten – und der Polizei entgegen.

Die beste Party der Nacht stieg offenbar im sunnitisch geprägten Tripoli, wo ein DJ der begeisterten Menge einheizte. «Ich bin so stolz auf uns», sagt mir meine Arbeitskollegin. «Diesmal machen wir es richtig.»

Auch der Humor kommt dieser Tage nicht zu kurz. Die Slogans werden immer kreativer – und nicht ganz jugendfrei. Menschen setzten sich auf die Highway, um Backgammon zu spielen, andere spielten schon am Vortag Karten vor einer brennenden Strassenblockade. Jemand hat eine Website mit einem Countdown errichtet, nachdem Premierminister Saad Hariri eine Frist 72 Stunden für eine Lösung angekündigt hatte. 30 Stunden bleiben noch. Dann ist Montag und es bleibt die Frage, wie es weitergeht. Kippt die Stimmung? Löst sich die Regierung auf?

Die ersten Ankündigungen von Rücktritten gibt es zumindest schon: Nach Mitternacht kommt die Bestätigung, dass vier Minister der christlichen Partei «Lebanese Forces» abtreten werden. «Das sind 26 zu wenig», meint einer meiner Freunde. Er, der sonst überhaupt nicht politisch ist, hat ein Leuchten in den Augen. «Vielleicht wird es schwierig. Vielleicht wird es beschissen. Aber wir können eine Veränderung bringen. Und ich bin so froh, bin ich diesmal dabei – wir sind zu lange herumgesessen.»

Wir sitzen und reden noch sehr lange auf dem Balkon heute Nacht.

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