TV-Debüt zum Schluss und die letzte Ansprache

Zum Ende meines Aufenthalts in Lima nochmals rekapitulieren: Was war einfach, was schwierig? Was ist passiert und was bleibt hängen? Und schliesslich: Wo bin ich an Weihnachten und wie sage ich adiós?

An meinem letzten Tag hatte ich einen Auftritt in der Sendung Las 10 Del Día.

Jetzt gibt es keine Grenzen mehr. Meine letzte Woche bei La República ist angebrochen und ich soll nun in genau jenem Programm erscheinen, das ich am ersten Tag beobachten konnte. Produzent Carlos sagt mir: «Es ist eine Voraufzeichnung, du sollst die wichtigsten internationalen Nachrichten von 2025 rund um Donald Trump präsentieren.» Die Themen hat er schon gesetzt, insgesamt sind es fünf. Die Idee, auf Spanisch in eine Kamera zu sprechen, überzeugt mich noch nicht ganz. Aber natürlich mache ich mit. Das dürfte interessant werden.

Ich schreibe das Skript und lasse es für grammatikalische Korrekturen durch mein Go-to-Lektorat – einen AI-Chat – rattern. Dann sende ich es dem Produzenten Carlos und versuche herauszufinden, wie die Aufnahme ablaufen wird, hoffentlich mit Teleprompter. «Nein, Ana kann dir den Text auf einem Bildschirm neben der Kamera einblenden, aber du musst das frei erzählen», sagt Carlos. Schade für mich, aber wird schon irgendwie klappen. Als die Sendung an meinem allerletzten Tag ausgestrahlt wird, ruft meine Arbeitskollegin Fio: «Was? Wann ist denn das passiert?» Sie war am Tag der Aufzeichnung nicht im Büro. «¡Qué emoción!» Ich muss lachen – das ist wirklich cool.

Sprachhürden

Trotz stabiler Spanisch-Kenntnisse: In einer Fremdsprache zu arbeiten – und dazu noch im journalistischen Kontext – ist eine Herausforderung. Die Diskussionen sind einigermassen schnell und je nach Akzent ist nicht jede Person gleich gut zu verstehen. Für eine Geschichte über internationale Zusammenarbeit und Kakao war ich zum Beispiel in Tarapoto unterwegs, das ist eine Stadt im Amazonas, eine Flugstunde von Lima entfernt. Vor allem mit den älteren Männer in dieser Gegend konnte ich nur mit Anstrengung kommunizieren. Mit dem Gouverneur des dortigen Bundesstaats San Martín hatte ich das vielleicht ärgste Interview meiner bisherigen Laufbahn.

Der Gouverneur von San Martín mit Vertreter:innen der Schweiz.

Es ist laut im Raum, ich verstehe ihn kaum, er mich nicht. Möglich, dass der Gouverneur auch ein Problem mit seinem Gehör hat. Seine Amtskollegin spricht sehr laut, als sie meine Off-the-shelf-Fragen wiederholt, dreimal: «Was sind die Herausforderungen?» Insgesamt eine schwierige Ausgangslage, um an Informationen und Sichtweisen zu gelangen. Aber irgendwie haben wir es geschafft, trotz allem ein Gespräch zu führen und mithilfe der Videoaufnahme kann ich später genauer eruieren, was wir besprochen haben. Glücklicherweise ist das Material brauchbar. Hätte auch anders ausgehen können.

Teil des Teams

Generell ging das mit der Eingliederung in das hiesige Arbeitsumfeld aber ganz ordentlich. Schliesslich läuft es ähnlich, wie auf anderen Redaktionen. Man findet schnell heraus, welche Themen beschäftigen, wer die Gatekeeper sind, wie man am besten für Interviews anfragt – Whatsapp ist der Kanal für alles – und diese dann durchführt. Auch für die Produktion und Publikation gilt es zu wissen: Wer kann hier was und wo sind die Zuständigkeiten? Erklärt wird einem das nicht von sich aus, es ist – wie so oft – eine Holschuld. Es geht darum, mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu treten – und das ist in Peru grundsätzlich ein Leichtes.

Wenn man auf Peruaner:innen zugeht, mögen sie zunächst zögerlich wirken. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Leute gut prüfen möchten, wem sie vertrauen. Spätestens nach ein bis zwei Sätzen ist das Eis aber gebrochen und das Gegenüber will nichts anderes als helfen. Nicht nur im Arbeitskontext, ganz generell bei Begegnungen tut man gut daran, das im Hinterkopf zu behalten, zum Beispiel, wenn man nach dem Weg fragt. Denn auch wenn die angefragte Person die Antwort auf deine Frage nicht weiss, will sie helfen, und sagt dann etwas, das möglicherweise nicht ganz korrekt ist. Selten habe ich hier ein Nein gehört, und wenn doch, hat mich das schon fast irritiert. Ich habe mich schnell an die Freundlichkeiten gewöhnt.

Reggaeton an Weihnachten

Während meiner Zeit in Peru hatte ich auch keinen Moment Angst, Weihnachten allein oder per Videocall feiern zu müssen. Natürlich haben mich mehrere Leute eingeladen – und das führe ich nicht auf meine Person, sondern auf das Naturell der Menschen hier zurück. Ich habe Weihnachten schlussendlich mit Fio und ihrer Familie verbracht. Ein Heiligabend für meine persönlichen Geschichtsbücher.

Die Party beginnt und endet – wie wir uns schon daran gewöhnt haben – spät. Gegessen wird nach 23 Uhr, ein Teil der Gäste sitzt am Tisch, wer keinen Platz mehr findet, isst, wo es gerade passt: auf dem Sofa, auf einem Stuhl neben dem Weihnachtsbaum, stehend. Im Hintergrund läuft, Achtung: Reggaeton. Je näher es Richtung Mitternacht geht, desto mehr steigt die Spannung. «Es fehlen noch 15 Minuten», sagt Fios Ehemann José. Noch zehn Minuten. Noch fünf Minuten. «Was passiert denn um Mitternacht?», frage ich in die Runde, und José sagt: «Dann stehen wir auf und singen die Nationalhymne.» Schallendes Gelächter.

Beim «intercambio de regalos» hält jede Person eine Ansprache vor versammelter Gruppe.

Was wirklich passiert: Alle rufen im Chor «Feliz Navidad!», umarmen und beglückwünschen sich gegenseitig. Draussen wird Lima gefühlt in die Luft gejagt. Feuerwerkskörper schiessen in alle Richtungen, ich mache mir etwas Sorgen um die herumhängenden Stromleitungen. Drinnen findet die Feier ihren Höhepunkt beim «intercambio de regalos» – also dem Geschenkaustausch – und das funktioniert so, wie ich es schon bei der Weihnachtsparty von La República gelernt habe: Jede Person tritt einzeln vor die Gruppe, sagt zunächst liebe Worte über seinen «amigo secreto» – das Wichtelkind – und übergibt diesem am Schluss das Geschenk. Schön und persönlich, finde ich.

Letzte Worte

Das können sie gut, vor versammelter Gruppe direkte Ansprachen an einen richten. So passiert das auch beim letzten Mittagessen mit meinen engsten Arbeitskolleg:innen. Ich bin mit Aaron, Fio und Mauricio in einem Restaurant im Zentrum von Lima. Aaron beginnt die Runde: «Wie lange warst du bei uns, zwei Monate? Es fühlt sich an, als wärst du schon ewig hier.» Alle äussern zu liebe Worte, bis mir die Tränen kommen. Schon wild, wie einem die Menschen in kürzester Zeit ins Herz hüpfen.

«Leute, was soll ich sagen?», meine Ansprachen auf Spanisch waren bisher kurz, dieses Mal will ich alles loswerden, was ich denke. Wie schnell ich mich zu Hause gefühlt habe; wie ich ihre Arbeit, Leidenschaft und ihren Biss für den Journalismus bewundere; wie viel ich gelernt habe und dankbar bin für die Zeit; wie sehr ich sie alle mag und vermissen werde. «Bitte, kommt mich auf jeden Fall besuchen», sage ich zum Schluss und verteile Karten mit Informationen über die Schweiz. Die habe ich damals auf der Botschaft erhalten, etwas Werbung für die Heimat. «Damit ihr beim Sitznachbar im Flugzeug mit Wissen angeben könnt. Es ist eine lange Reise.»

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