Bild an Bild reiht sich auf dem Telefon. Viele mehr haben sich in meine Erinnerung eingebrannt. Eine aufregende und lehrreiche Zeit ist zu Ende. Unvergesslich das Farbenspiel der Abenddämmerung. Im Gefühl bleibt jedoch die Morgendämmerung zurück. In Benin herrscht Aufbruchstimmung. Eigentlich in ganz Afrika. «Alle jagen einen Traum», hat Cristina Karrer, SRF-Korrespondentin für den Kontinent kürzlich in einem Interview gesagt.



Beim Swipen durch die Whatsapp-Stories von Bekannten zeichnet sich ein Muster ab: «Demain n’est pas un jour de plus. C’est une chance de recommencer.», liest man da zum Beispiel. Jeder Tag als Neuanfang, sich nicht durch gestern definieren lassen. Überhaupt solle man nicht darauf warten, dass etwas passiert, sondern selbst Gelegenheiten schaffen: «Pas parce que tout est parfait, mais parce que je refuse de rester le même.» Eine durchaus ansteckende Lebensphilosophie, die es in sehr überzeichneter Form auch schon zum viralen Internethit gebracht hat.
Nach dem Kulturschock ist vor dem Kulturschock
Zu Beginn dieser Reise wollte ich auf Biegen und Brechen die Fäden zusammenhalten. Bloss nicht die Kontrolle verlieren. Schnell realisierte ich die Unmöglichkeit (und Unerwünschtheit) dieses Unterfangens. Also Kopf ausschalten – Fühler ausstrecken, sich von der Strömung mitreissen lassen. Auf viele Situationen war ich unvorbereitet. Aber die Ungewissheit im Beiwagen ist eine durchaus angenehme Begleiterin. Sie erweitert den Raum des Möglichen und fördert immer wieder schöne Überraschungen zu Tage.

Momente, in denen alte Automatismen greifen, gab es einige. Etwa als der französische Ex-Präsident Nicolas Sarkozy ins Gefängnis muss. Die Libyen-Affäre sieht man hier ganz anders als in Europa. Sarkozy, Vertreter der ehemaligen Kolonialmacht, müsse dafür büssen, was er dem libyschen Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi und überhaupt dem gesamten afrikanischen Kontinent angetan habe, erzählt man mir. Ich muss leer schlucken und frage nach. Ein Perspektivenwechsel mit Lerneffekt. Früher hatten viele Gastarbeiter aus Benin in Libyen Arbeit gefunden konnten so Geld in die Heimat schicken. Seit dem Sturz Gaddafis ist die gesamte Region im Umbruch, Instabilität breitet sich aus.
Eine Warnung am Strassenrand
Prägend auch diese Geschichte: Eine junge Frau kommt mit ihrem Kind zum Radio. An einem Fuss fehlt eine Sandale. Helle Aufregung herrscht, als sie folgende Begebenheit erzählt. Sie sei beinahe verhext worden. Als sie nach einem nigelnagelneuen Handy am Strassenrand greifen wollte, hätte ihr kleines Kind – die unschuldige Seele – einen Schrei losgelassen. Eine Warnung. Also legt sie eine Sandale auf das Telefon, was sich mitsamt Fussbekleidung in Staub auflöst. Die Geschichte machte die Runde und wurde zum Stadtgespräch. Böse Geister sind hier nicht Hokuspokus, sondern Realität.
Eine kurlige Geschichte, die man besser nicht auf die leichte Schulter nimmt. Überhaupt bringe ich viele Erlebnisse in Benin nicht auf einen Nenner. Zu viele Widersprüche. Oder vielleicht scheint das bloss für mich so. Alles eine Frage der Perspektive. Jedenfalls sind meine Fragen nach zweieinhalb Monaten nicht weniger geworden, ganz im Gegenteil. Zum Glück!