Ankunft in Myanmar: Mitten ins Herz des Journalismus

Der erste Arbeitstag beim burmesischen Magazin «Frontier» warf mich gleich mitten ins Geschehen. Dabei ging es um nichts weniger als das Herz des Journalismus: Pressefreiheit. 

Eigentlich hätte ich in meinem ersten Blogbeitrag eine kleine Einführung in die Kultur Myanmars geben wollen, ein bisschen erzählen, wie ich überhaupt in Yangon gelandet bin, vielleicht auch erklären, wie die Redaktion, in welcher ich die nächsten drei Monate arbeiten werde, so aussieht und aufgebaut ist. Doch statt meinen Start beim burmesischen Wochenmagazin «Frontier» mit Kennenlernen und Einlesen zu verbringen, warf mich mein erster Arbeitstag gleich mitten in die harte Realität des Journalismus in Myanmar: Vor Gericht.

Reuters-Reporter angeklagt

Im Dezember 2017 waren in Yangon die zwei burmesischen Reuters-Reporter Wa Lone und Kyaw Soe Oo verhaftet worden. Sie hatten die Tötung von zehn muslimischen Männern der Rohingya-Minderheit durch das Militär aufgedeckt und vor Ort im Rakhine State recherchiert. Zurück in Yangon, hätten sich laut der Aussage der beiden Reuters-Journalisten zwei Polizisten mit ihnen treffen wollen und ihnen Dokumente überreicht – kurz darauf erschienen andere Polizisten und nahmen die beiden Reporter fest (übrigens noch bevor sie die Dokumente überhaupt hätten lesen können). Grund: Besitz wichtiger und geheimer Dokumente. Anklage: Verrat von Staatsgeheimnis. Mögliche Maximalstrafe: 14 Jahre Gefängnis.

Es spricht vieles dafür, dass die Inhaftierung ein abgekartetes Spiel war. So gab einer der Polizisten, der bei der Verhaftung dabei war, vor Gericht an, er hätte seine Notizen verbrannt – ohne Angabe eines Grundes. Ein weiterer Zeuge wurde bei der Anhörung dabei ertappt, wie er sich den vollen Namen des einen Reporters sowie die Adresse, wo die zwei verhaftet wurden, auf die Hand geschrieben hatte. Wäre ja ungünstig, wenn die Zeugenaussage nicht mit der offiziellen Version übereinstimmen würde… Später tauchte sogar ein Whistleblower auf, der zugab, dass die Reporter in einen Hinterhalt gelockt worden waren. Delikat: Er ist selber Polizist – und sitzt für diese Aussage nun im Gefängnis.

«Journalism is not a crime»

"Journalism is not a crime" steht auf dem Tshirt dieses Reporters
Ein burmesischer Reporter vor Ort. Bild: Eva Hirschi

 

An meinem ersten Arbeitstag am 3. September stand ich statt im Büro nun also im Hof des Insein-Gerichts, mitten im Geschehen. Um 7 Uhr früh hatte ich mich mit einem Journalisten von «Frontier» im Stadtzentrum getroffen, um gemeinsam an das am oberen Stadtrand gelegene Gericht zu fahren.

An die 200 Menschen waren gekommen, aus verschiedenen Bereichen: Journalismus, Botschaften, NGO und sogar von der UNO. Einige Personen trugen T-Shirts mit dem Aufdruck «Journalism is not a crime oder «Free Wa Lone and Kyaw Soe Oo».  

Dieser Fall hatte weltweit für Aufsehen gesorgt, zahlreiche internationale Organisationen und berühmte Persönlichkeiten hatten sich in den vergangenen Monaten für die Freilassung der Journalisten ausgesprochen. Die Urteilsverkündung galt auch als Gradmesser für Myanmars Pressefreiheit und dafür, ob sich das Land in Richtung Demokratie entwickelt.

Und das tut es leider nicht. Das Urteil: Je sieben Jahre Gefängnis. Die Anwesenden waren schockiert und auch mich erschütterte dieses Erlebnis tief. Als Schweizer Journalistin hatte ich Mühe zu begreifen, dass so etwas überhaupt möglich war – trotz massivem internationalen Protest, trotz Top-Anwälten, die Reuters für diesen Fall aufgeboten hatte, trotz der UN-Menschenrechtscharta, die die Pressefreiheit völkerrechtlich garantiert. Leider, so würde ich später lernen, war dies in Myanmar auch kein Einzelfall. Allein seit vergangenem Jahr sind in Myanmar mindestens elf Journalisten verhaftet worden.

Nach dem Schock die Ermutigung

Während für «Frontier» ein Kollege den Artikel über die Urteilsverkündung übernahm, durfte ich am nächsten Tag über die Reaktionen vor Ort berichten. Ich telefonierte mit Vertretern von Zivilgesellschaftsorganisationen, die einen offenen Brief an die Regierung geschickt hatten, in welchem sie das Urteil scharf kritisierten, und ich besuchte ein Treffen von lokalen Journalisten, die über nächste, mögliche Schritte diskutierten. Denn eines war für sie klar: Sie würden nicht untätig bleiben, sondern sich mit konkreten Aktionen für Pressefreiheit und Rechtsstaat einsetzen. Reuters hatte zudem eine Pressekonferenz organisiert, wo die Anwälte sowie die Ehefrauen von Wa Lone und Kyaw Soe Oo anwesend waren – zahlreiche Medienvertreter waren erschienen, sie hatten sich nicht einschüchtern lassen.

Diese Solidarität und dieser Kampfwille beeindruckten mich sehr und bestärkten mich in der Hoffnung, dass mit diesem Urteil die Pressefreiheit Myanmars nicht vollständig begraben worden war. Nebst den öffentlichen Zeitungen, die von der Regierung finanziert werden und diesen Fall nur irgendwo hinten in ihrer Ausgabe erwähnt hatten, gab es doch auch einige private, unabhängige Zeitungen – sie alle hatten den Reuters-Fall natürlich auf der Frontpage. Nichtzuletzt ermutigte mich diese Erfahrung auch, selber als Journalistin Mut zu haben. Denn wie Edmund Burke einmal schrieb: «The only thing necessary for the triumph of evil is for good men to do nothing.»

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Hier könnt ihr meinen Beitrag für «Frontier» lesen: ‚We won’t stay silent‘: civic groups plan fightback against jailing of reporters

Und hier die Reportage über die Urteilsverkündung, die ich für die NZZ verfassen durfte: «Ihr könnt uns ins Gefängnis stecken, aber verschliesst den Menschen die Augen und Ohren nicht»

Den Hintergrundartikel dazu lieferte der Südostasienkorrespondent der NZZ, Manfred Rist: Burma sperrt Reporter ein, die ein Massaker aufgedeckt haben

 

 

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