Generation N

Wie sich das Bildungsniveau in Nepal verbessern soll, und wie ich zum Blumenkind wurde.

Im Klassenzimmer, umringt von 18 Schülern, da stehe ich.

Sie schauen mich mit ihren grossen dunklen Augen an, mustern mich, wer ich denn wohl sei. «Ein grosser, dunkelblonder, weisser Mann», denke ich mir, «aus einer ziemlich anderen Welt.» Ich lächle und bekomme ausnahmslos von allen ein Lächeln zurück.

Das Klassenzimmer mit vier Lerninseln.
Das Klassenzimmer mit vier Lerninseln.

Die Schule, die ich heute besuche, heisst Vishnu Adhyalmik Sanskrit School. Sie steht in Bahrabise, einem kleinen Bergdorf, etwa dreieinhalb Stunden Fahrtzeit von der Hauptstadt entfernt. Nach der langen, kurvigen Anfahrt und geschwächt durch eine starke Erkältung (die sich später dann als hartnäckige Nasennebenhöhlenentzündung herausstellen sollte) bin ich froh, den Abgasen von Kathmandu entkommen zu sein und frische nepalesische Bergluft schnuppern zu können.

Die Schule ist ein einfaches, langgezogenes Gebäude. Ich stehe im Zimmer der Erst- bis Drittklässler, die heute gemeinsam von einer Lehrerin, von Prerana Adhikari, unterrichtet werden. Zu dieser neuartigen Unterrichtsmethode gleich mehr.

Über mir ein Wellblechdach, es scheint stabil zu sein, die Wände allerdings sind etwas beschädigt. Die schweren Erdbeben vom Frühling haben ihre Spuren hinterlassen. Es zieht rein, im Winter müssen die Schüler mehr Kleiderschichten anziehen als nur ihre grün oder rot karierte Schuluniform.

Die Wände sind seit den schweren Erdbeben im Frühling beschädigt.
Erdbebenschäden am Schulgebäude.

Unter der Decke sind gleichmässig Fäden gespannt. An ihnen hängen – Mantrafähnchen gleich – quadratische Zettel; bebildert und beschriftet mit Zahlen, Wörtern, Ausdrücken auf Englisch und Nepalesisch.

Die unteren 50 Zentimeter der Zimmerwand sind rundherum zu Wandtafeln umgestaltet. Jeder Schüler hat so seine eigene Fläche, um dort Rechenaufgaben oder neu gelernte Wörter aufzuschreiben.

Im Raum stehen vier Tische für Gruppenarbeiten. Von Frontalunterricht, wie ich das als Kind in der Schweiz erlebt hatte, keine Spur. Dafür hat es an einer Wand farbige Fächlein zum rausziehen. Die verschiedenen Farben stehen für die verschiedenen Klassenstufen. Und die verschiedenen Aufkleber stehen für die verschiedenen Fächer: Vögel für Mathematik, Säugetiere für die nepalische Sprache, Früchte und Gemüse für Englisch und Insekten für Umweltstudien.

Verhaltensregeln und Ämtliverteilung.

Das Prinzip nennt sich MGML: ‘Multi Grade Multi Level’. Dieses soll Primarschülern die Möglichkeit bieten, individuell aber auch jahrgangsübergreifend von einer Lehrperson im gleichen Schulzimmer unterrichtet zu werden.

Mittels Hilfsmaterialien wie Checklisten und einer Art “Leiterlispiel” können die Kinder ihre Lernprozesse weitgehend selbstständig organisieren. Nicht der Lehrer und sein Wissen stehen im Fokus, sondern wie die Schulkinder die im Lehrplan vorgegebenen Lernziele erreichen können. Es geht nicht um die Art des Lehrens sondern um die Art des Lernens. Und diese Art ist manchmal ganz schön spielerisch, meiner Meinung nach ganz einfach kindergerecht.

In der Theorie tönt das alles wahnsinnig verständlich und nachvollziehbar. Und in der Praxis? Während meines Besuches in der Vishnu Adhyalmik Sanskrit School merke ich rasch, dass die Kinder wirklich Freude am Lernen durch die MGML-Methode haben. Klassenlehrerin Prerana Adhikari geht dabei von Tisch zu Tisch und hilft den Schülern bei den verschiedenen Aufgaben. Schulleiter Baikuntha Dahal ist zufrieden: «Diese Lernmethode hat nur Vorteile, für alle!»

Lehrerin Prerana Adhikari hilft ihren Schülern bei den Aufgaben.
Lehrerin Prerana Adhikari hilft ihren Schülern bei den Aufgaben.

In Nepal beginnen gemäss neuesten Erhebungen 95 Prozent aller Kinder mit einer Schulausbildung auf Primarstufe. Die Quote ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Allerdings sinkt die Schülerzahl, je älter dann die Schüler werden. Auch in dieser Schule sind heute nicht alle da, statt 23 sind es nur 18. Dafür gibt es diverse Gründe. «Einige sind krank oder müssen zuhause aushelfen», sagt mir Chandra Shrestha. Er ist ‘Education Programme Coordinator’ bei der Deutsch-Nepalesischen Hilfsgemeinschaft DNH, die dutzende Schulen unterstützt.

‘MGML’ ist eine von verschiedenen Methoden, die das Lernniveau in nepalesischen Schulen verbessern soll. Um die Sensibilität für die Wichtigkeit von Schulbildung zu erhöhen, existiert in mehreren ‘MGML’-Schulen ein Mittagstisch, in dessen Betrieb die Mütter der Schulkinder aktiv einbezogen werden. Sie bringen Lebensmittel oder kochen mit. Das ermöglicht einen regelmässigen und stufenfreien Austausch zwischen Lehrpersonen, Schulbehörden und Eltern.

Ich, bemalt und beblumt.
Ich, bemalt und beblumt.

Ausserdem gibt es an anderen Schulen noch weitere Projekte, beispielsweise die ‘Senior Experts’: Pensionierte Schweizer Lehrer unterrichten nepalesische Lehrpersonen unter anderem darin, den Schülern nicht nur geschlossene Fragen zu stellen, die sie nur mit Ja oder Nein beantworten können. Viel wichtiger sei es offene Fragen zu stellen, damit die Schüler lernen sich besser auszudrücken oder sich offener zu artikulieren.

Untersuchungen einer amerikanischen Ethnologin, deren Studie noch nicht publiziert ist, zeigen, dass in vielen ländlichen Gebieten die älteste Tochter, die nach der Hochzeit meistens den Haushalt der Schwiegereltern besorgt, die bestausgebildete Person einer Familie ist. Es lässt sich also nur erahnen, wie viel Know-how verloren geht, wenn diese Frauen nach einer guten Ausbildung “nur” für Erziehung und Haushalt verantwortlich sind. Derweil bricht der männliche Nachwuchs die Schulausbildung häufig vorzeitig ab, um zu arbeiten und Geld zu verdienen. Welche Zukunft wohl die Kinder der Vishnu Adhyalmik Sanskrit School vor sich haben?

Zum Abschied überschütten mich die Schulkinder mit Blumen. Und sie malen mir ein Tilaka, ein hinduistisches Segenszeichen, auf die Stirn.

Ich bin bewegt und spüre, diese Schule wird mich auch in Zukunft beschäftigen.

Ich lächle.

 

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