Gehen oder bleiben? Vielen Nepalis bleibt kaum eine Wahl 

„Es gibt so viele junge Menschen, die das Land verlassen, weil sie im Ausland mehr Möglichkeiten haben“, erzählt mir Riya. „Aber es ist wichtig, dass wir in unserem Land bleiben und unser Handwerk fördern.“ Die 22-Jährige hat das erste Töpferstudio in Kathmandu eröffnet. Und sie ist meine erste Interview-Partnerin für die Kathmandu Post.

Ihr Traum ist es, irgendwann mehr Studios in der Umgebung zu betreiben und Frauen zu Töpferkursleiterinnen auszubilden. „Ich möchte, dass sie ihr eigenes Einkommen haben und in der Nähe ihres Wohnortes arbeiten können», sagt Riya.

Europa, Australien, USA oder Katar und Arabische Emirate

Ich wusste, dass Migration in Nepal ein grosses Thema ist. Dass es so allgegenwärtig ist und meine Interview-Partner:innen es praktisch in jedem Gespräch irgendwann von sich aus ansprechen, hätte ich aber nicht gedacht. Auch meine jungen Mitarbeitenden sprechen in den Pausen oft darüber, wo sie gerne studieren würden oder studiert haben. Meist in Europa, den USA oder Australien. An jeder Ecke in Kathmandu hängen Plakate von Firmen, die dafür werben, dass sie Studien- oder Arbeitsaufenthalte im Ausland organisieren.

Viele Taxifahrer zählen auf, wo sie schon überall gearbeitet haben – oft in Katar oder den Arabischen Emiraten. Und unser Guide auf dem Manalsu-Trek sagte, dass die Freunde, die ihm seinen ersten Job als Porter verschafft haben, heute alle im Ausland leben, weil sie hoffen, dort mehr Geld zu verdienen.

Laut der nationalen Volks- und Wohnungszählung von 2021 lebten damals 7,5 Prozent der nepalesischen Bevölkerung im Ausland. Andere Quellen gehen von 14 Prozent der Bevölkerung aus. Die Daten auf Haushaltsebene zeigten, dass fast jeder vierte Haushalt in Nepal ein Familienmitglied hat, das im Ausland lebt.

Die Nepalis, die im Ausland leben, schicken pro Jahr umgerechnet mehr als 5,4 Milliarden Franken nach Nepal. Das entspricht einem Drittel des nepalesischen Bruttoinlandsprodukts. 

Arbeitsplätze für die LGBTQ+-Community

Auch bei einem meiner nächsten Interview-Termine kommt der 27-jährige Aayam auf das Thema zu sprechen. Er ist als Teenager nach Indien gegangen, um dort als Kellner zu arbeiten, kam dann aber zurück nach Kathmandu und hat hier eine Reiseagentur speziell für die LGBTQ+-Community gegründet. Queermandu sei die erste Agentur in Nepal, die von queeren Personen geführt wird, sagt er.

Auch sein Traum ist es, Arbeitsplätze zu schaffen. Er hofft, eines Tages, wenn das Geschäft besser läuft, queere Guides anstellen zu können. Obwohl Nepal auf dem Papier queerfreundlich scheint – 2023 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe durch eine einstweilige Verfügung des Obersten Gerichtshofs legalisiert, und im Hinduismus sind queere Gottheiten allgegenwärtig – haben es Personen aus der LGBTQ+-Community noch immer schwer im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt, erzählt Aayam. 

Skifahren als neue Einkommensquelle

Der 30-jährige Utsav hat bereits dafür gesorgt, dass einige Menschen in Nepal ihr Einkommen verbessern konnten: Er hat 2016 zusammen mit einem deutschen Freund die Ski and Snowboarding Foundation Nepal gegründet. Diese bietet Ski- und Snowboard-Kurse für Nepales:innen an, mit dem Ziel, neue Einkommenschancen zu eröffnen. Oft sind es Bergführer und Wanderleiter (kaum Frauen, wie mir Utsav sagt), die an den Ausbildungen teilnehmen. «Viele verdienen heute einen Teil ihres Geldes mit Skitouren für Tourist:innen», erzählt Utsav. Auch er hat eine Agentur gegründet und bietet unter anderem Wintersport-Abenteuer an.

Das Thema «gehen oder bleiben», und wie ein Bleiben möglich gemacht werden kann, beschäftigt viele Nepales:innen, mit denen ich spreche. Doch auch wenn sich viele wie Riya, Aayam oder Utsav dafür einsetzen, mehr Arbeitsplätze in ihrem Berufsfeld zu schaffen, reicht das längstens nicht, um für alle bessere Arbeitsbedingungen zu erreichen. 

Internationale Migration als einzige Chance

Die Leute, mit denen ich sprechen kann, sei es an meinem Arbeitsplatz oder während Interviews, sind gut ausgebildet. Ich kann mich nur mit Menschen unterhalten, die Englisch sprechen, und die in der Hauptstadt Kathmandu leben. Und auch wenn es für diejenigen von ihnen, die ihr Heimatland für ein besseres Leben verlassen, oft schwierig ist, sich im Ausland und fern von der Heimat zurechtzufinden, ist die Lage für weniger privilegierte Menschen noch weitaus schlimmer. Das betonen auch meine Mitarbeitenden. 

Aufgrund der begrenzten Beschäftigungsmöglichkeiten im Land ist die internationale Migration für viele einkommensschwache Menschen die einzige Möglichkeit zur Sicherung ihres Lebensunterhalts und des Lebensunterhalts ihrer Familie. Die meisten nepalesischen Migrant:innen sind in einfachen oder ungelernten Berufen tätig, hauptsächlich auf Baustellen, in Fabriken und in der Hausarbeit, aber auch als Söldner im Krieg. Immer wieder sterben Nepalis im Ausland bei der Ausübung ihrer Arbeit oder als Folge der schlechten Arbeitsbedingungen. 

«Jeden Tag gehen mehr Leute, weil sie hier keine Zukunft haben», sagt die 22-jährige Prajita. Ich spreche mit ihr vor dem Registrierungsbüro in Lalitpur, wo sie sich gerade eine Wählerinnen-ID hat ausstellen lassen. «Das kann nicht sein! Unsere Politiker:innen müssen sich dafür einsetzen, dass sich die Bedingungen hier verbessern, dass wir hier bessere Chancen haben – nicht nur in der Stadt, sondern auch auf dem Land.» Wie Prajita registrierten sich im November Zehntausende, um bei den Wahlen im März mitbestimmen zu können. «Ich weiss, dass Veränderungen lange brauchen», sagt Prajita. «Aber ich hoffe, dass wir bald Verbesserungen sehen werden.»

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