Kein Plan, kein Problem – zwischen Botschaft und Büro

Wenn du auf die Schweizer Botschaft in Lima eingeladen bist, aber die Ausrüstung fehlt. Wenn du mit der Arbeit starten solltest, aber niemand dich erwartet. Wenn es keinen fixen Plan gibt, dann ist genau das der Plan. Geniesse die Narrenfreiheit und sieh zu, dass du deine Crew findest.

Die Residenz des Schweizer Botschafters ist in San Isidro – einem gehobenen Stadtviertel von Lima.

Was trägt man für Kleidung bei einem Besuch auf der Botschaft? Diese Frage stelle ich mir erst, als ich aus dem Pyjama muss, gut zwei Stunden vor dem Termin. Für gewöhnlich schere ich mich nicht gross um Dresscodes, vielleicht sollte ich etwas mehr. Offene Schuhe, das geht wohl nicht, auch nicht in einem Land mit warmen Temperaturen. Ein Freund, der im diplomatischen Umfeld tätig ist, zieht jeweils seinen kleinen, unschuldigen Ohrring aus für die Arbeit. Ich kann also bestimmt nicht mit Birkenstocks aufkreuzen.

Socken oder Pünktlichkeit

Hastig putze ich meine Trailrunning-Schuhe – die sind noch ganz staubig vom Canyon. Ich habe einigermassen adrette Kleidung, aber ein Problem: nur noch weisse Socken. Zu schwarzen Stoffhosen und schwarzen Schuhen, übel. Schnell ist entschieden: Ich werde auf dem Weg zur Botschaft noch einkaufen. So herausgeputzt wie möglich gehe ich raus, aber die Läden öffnen hier frühestens um acht. Die Zeit wird knapp, mit dem Verkehr in Lima dauert die Fahrt bestimmt länger. Was verzeiht man mir eher: weisse Socken oder eine Verspätung? Ich will beides vermeiden. Dafür nehme ich einen schnellen Schritt durch die Stadt und das Einkaufszentrum, eine äusserst nervöse Taxisuche und eine Fahrt voller Blicke auf Google-Maps in Kauf.

Eventuell habe ich mich für das Gruppenfoto etwas hinter Kolleg:innen versteckt – unnötigerweise.

Ein Schmunzeln huscht über meine Lippen, als ich pünktlich um 9 Uhr auf dem Sofa der Residenz sitze, meine Beine überschränke und schwarze Socken hervorblitzen. Zum heutigen Frühstück und der Pressekonferenz sind verschiedene Journalist:innen von lokalen Medien eingeladen. Noch nie habe ich so viele Visitenkarten zugesteckt bekommen. Später kann ich knapp zuordnen, welche Gesichter zu den jeweiligen Namen gehören. Alle sind freundlich, die Vorträge interessant, die Gespräche angeregt – und auch Botschafter Paul Garnier gibt mir seine Nummer. Scheint also ganz in Ordnung gewesen zu sein, meine Kleidung.

Sitzengelassen

Tags darauf, bei meinem ersten Einsatz bei La República, rüttle ich um 10 Uhr morgens an einer grossen, grauen Tür. Bin ich hier richtig? Keine Klingel, kein Schild. Einige unsichere Momente später öffnet ein Portier die Tür. Ich weise mich aus und sage, dass Cesar Romeo mich erwartet. «Bin nicht sicher, ob er hier ist, ich habe ihn heute noch nicht gesehen», sagt der Mann. Er macht ein Telefonat, ich setze mich in den Wartebereich. Später kommt eine junge Frau auf mich zu: «Er sollte am Nachmittag im Büro sein. Hier ist seine Nummer, du kannst ihn kontaktieren.» Ohne nachzuschauen, wer Cesar ist, schreibe ich ihm. Er ist kurz angebunden: «Hallo Caroline. Gut. Wir koordinieren.»

Die kommenden Stunden mache ich einen auf Digital Nomad – schlendere vom Kaffee zum Mittagessen und wieder zurück, immer auf der Suche nach der nächsten Steckdose. Bis um vier Uhr höre ich nichts von Cesar. Hier hat niemand auf mich gewartet, denke ich mir. Mit diesem Gefühl im Bauch schreibe ich: «Lieber Cesar, alles gut? Wollen wir den Eintritt ins Unternehmen morgen machen?»

Zittrige Hände

15 Minuten später sitze ich vor ihm – im einzigen Einzelbüro auf dem Stockwerk. Cesar hat hier offensichtlich etwas zu sagen. Und wie: Er ist der Chefredaktor von vier Abteilungen bei La República – einer der grössten Zeitungen im Land. Warum würde man meine Einführung in die Redaktion ihm übergeben? Der Mann hat doch keine Zeit. Naja, Cesar ist jedenfalls nett, aber er wirkt nervös. Seine Hände zittern. Vielleicht weil er nicht so richtig weiss, in welche Redaktion er mich setzen soll? Wir quatschen ein bisschen, er fragt, was mich interessiert. Ich erzähle von Themen, die ich vorrecherchiert habe, und erwähne, dass ich bei Bedarf auch filmen könnte.

Dann kommt’s. Der Grund für die zittrigen Hände, zumindest deute ich das so: «Video ist ein gutes Stichwort. Wir haben vor zwei Monaten mit einer neuen Live-Sendung begonnen. Die startet in 30 Minuten, siehst du…» Cesar zeigt mir seinen Bildschirm und ich merke: Er ist der Anchor der Sendung. «Ach so! Dann lasse ich dich besser vorbereiten. Klar doch.» Ich bleibe sitzen und scrolle auf meinem Handy herum, später gehen wir zusammen zur Sendung. Noch im Büro tippt Cesar auf die heutige Print-Ausgabe von La República und sagt: «Weisst du, ich bin ein Mann der Zeitung. Das war ich schon immer. TV-Streaming, das ist mir neu.»

Jeden Abend um 17:45 Uhr präsentiert Cesar Romeo «Las 10 del día».

Live aus dem Newsroom

So wirkt es aber nicht. Mit wachem Blick und fester Stimme schmeisst Cesar den Live-Stream und informiert über die wichtigsten Nachrichten des Tages. Gesendet wird direkt aus dem Newsroom. Auch die Regie ist dort, gegenüber vom Moderationstisch. Im Programm OBS – das ich kenne, aber nur für banale Screen-Aufnahmen verwende – wird alles orchestriert: Einspielung von Videos, Kamerawechsel, Sound-Kontrolle. Ich bin beeindruckt. Grossartig finde ich die Produzentin, die jeweils ein Stichwort zur nächsten Meldung auf ein Whiteboard schreibt und dieses in die Höhe hält. Nach 45 Minuten ist die Sendung geschafft. «Ich gratuliere dir, das war toll», sage ich zu Cesar. Er scheint erleichtert. Ich schaue auf seine Hände, das Zittern ist weg.

Die Newssendung ist neu, aber im Video-Business ist La República schon länger. Das sehe ich am nächsten Tag, als ich mich dem Multimedia-Team anhänge. Allisson Mariños nimmt mich mit für eine Aufzeichnung in den Studios im Keller des Gebäudes. Eine vife Produzentin sagt zu ihr: «Entspanne dich, Allisson. Du darfst die Sendung ruhig etwas lockerer angehen. Wenn wir zu Kevin schalten, sagst du so etwas wie ‹lasst uns hören, was Kevin sagt›».

Frauen am Werk in den Studios von La República.

Momentan findet in Lima die CADE statt – ein Wirtschaftsforum, zu dem nun eine Sendung voraufgezeichnet wird. Diese wird dann auf den Youtube-Kanal von La República hochgeladen. Videoberichte, Live-Sendungen, Podcasts – 1,82 Millionen Menschen folgen diesem Kanal.

Bestie gefunden

«Carolina, Fiorella Azaña wird auf dich zukommen, du kannst mit ihr zusammenarbeiten», sagt mir Cesar am Ende des Tages. Am nächsten Morgen strahlt mich Fio an und ich merke sofort: Das wird meine Bestie hier. Fio ist auf der Redaktion «Unidad de Reportajes Especiales», also dort, wo es etwas Zeit für Recherchen gibt. Ausgezeichnet.

Vor ihrer Zeit bei La República ist Fio vier Jahre als TV-Reporterin durchs Land gereist, sie war viel im Regenwald und hatte tiefe Einblicke in die Kultur von Peru. Fio geht gesellschaftlichen Themen nach und schreibt zur peruanischen Politik. Für eine Geschichte zum Missbrauch von Mädchen in Condorcanqui – einer Provinz im Amazonas – hat Fio den nationalen Preis «Periodismo que Llega sin Violencia» gewonnen. Da nimmt mich jemand unter die Fittiche, die viel über Peru zu erzählen hat. Und wie alle Peruaner:innen, die ich bis jetzt getroffen habe, hat Fio ein Herz so offen und warm wie der Himmel über Lima, wenn sich der Nebel verzieht.

Die Crew: Aaron Ramos von der Wirtschaft, ich und Fiorella Azaña von Unidad de Reportajes Especiales.

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